bei allen Kindern beliebt gemacht hatte; er rief die Kindern der Versammlung auf, die alle ein gutes Zeugnis für ihn ablegten, wie er oft durch seine ungemeine Stärke den Bruder geschützt habe.
Diese Erzählungen der Kinder hatten alle bewegt; jetzt trat der Ratsherr mit seinem Vorschlage heraus: "Ich sehe, liebe Mitbürger, ihr seid alle gerührt; ihr habt die schwere Sünde des Brudermordes, die auf dem Kleinen ruht, als eine kindische Unwissenheit euch erklärt, ihr würdet vielleicht ohne weitere Beweise den Kleinen begnadigen; aber ich glaube, dass der Ernst unserer Gerichte einen öffentlichen Beweis dieser kindischen Unwissenheit fordert, den Beweis, dass dieses Kind, über seine Jahre körperlich stark und gross aufgewachsen, doch geistig noch unentwickelt sei und nicht etwa eine versteckte Tücke gegen den Bruder, eine verstellte Unschuld es habe leiten können. Was ist aber der Prüfstein der Unschuld, wenn das, was den Wunsch eines Kindes unmittelbar befriedigt, von ihm alle dem, was denselben Wunsch in grösserem Masse, aber auf einem Umwege befriedigen kann, vorgezogen wird; ich will mich deutlicher erklären: wenn das Kind diesen Apfel, den ich aus der tasche ziehe und in meine rechte Hand nehme, diesem Vierundzwanzig-Kreuzerstücke vorzieht, das ich ihm zur Wahl mit der linken Hand zeige, wofür es sich einen Scheffel Äpfel kaufen könnte."
Die Ratsherren gaben seinem Vorschlage ihren Beifall, manche Bürger aber baten laut für das Kind aus Mitleiden, weil es das Geld leicht als etwas Blankes vorziehen könne, ohne von seinem Werte etwas zu wissen; der ernste Bürgermeister aber wies sie zurück mit den Worten: "Hier ist schon grosse Gnade für Recht ergangen; ihr Bürger, betet für den Knaben. – Gerichtsdiener, öffnet die Armesünderkammer!"
Viele beteten schon, als die schwere eiserne Tür in ihren Angeln aufknarrte, niemand eifriger als Susanna; als aber der schöne Knabe mit seinen grossen Augen verschüchtert wieder heraustrat und langsam auf den Ratsherrn zugeführt wurde, da hätte man die Herzen schlagen hören können.
Der Ratsherr sprach zu dem Knaben: "Die Mutter hat dir verziehen; sie weiss, dass du nicht mit Willen dein schönes weisses Kleidchen so blutig gemacht hast, sie schickt dir hier zu deiner Freude zweierlei, worunter du dir eins wählen sollst; komm her, liebes Kind, eins kannst du nur bekommen, willst du den schönen Apfel oder das Stück Geld?"
Der Knabe sah verwundert erst nach der rechten Seite, wo der Apfel ihm vorgehalten wurde; alle jubelten im Herzen; dann aber wandte er sich zur linken, und keiner entielt sich, ihm verstohlen zuzuwinken, wie manche beim Kegelspiele die geworfene Kugel mit dem Beine nachzulenken trachten; aber ein heller Himmelsschein strahlte jetzt durch die staubigen Fenster auf den roten Apfel, und das Kind wendete sich hin zu ihm, fasste ihn und biss gleich recht tief hinein. Der Ratsherr wurde blutrot vor wallender Freude, er hob seine hände zum Himmel und dankte stumm; manche in der Versammlung schluchzten. Der Bube ass recht vergnügt seinen Apfel, und als er beinahe damit fertig, rief er bittend: "Geld auch haben!"
Der Ratsherr wurde bedenklich und fragte betreten: "Was willst du denn mit dem Gelde machen?" – Der Kleine antwortete: "Bruder Oswald geben, da lacht er." – Die Antwort befriedigte alle Gemüter; der Bürgermeister und die Ratsherren sprachen Gnade und liessen das Kind in das Haus des Ratsherrn führen, der dessen Unschuld so scharfsinnig bewährt hatte.
Nachdem das Kind fortgeführt worden, beratschlagten die Herren lange Zeit, was aus dem Kleinen werden sollte, dass er nicht sobald zur Mutter zurück dürfte, bis der tränengenässte Schwamm der Zeit alle alte Rechnung ausgelöscht habe; darüber waren alle einig, dass es besser sei, ihn ein paar Jahre aus der Stadt zu entfernen, das gab jeder zu, aber in der unruhigen Zeit war es schwer, einen bequemen Ort für ihn auszumitteln; endlich beschlossen sie, ihn in den vom alten Bürgermeister zu einem Waisenhause und zu einem Kinderfeste vermachten hof vor der Stadt unterzubringen. Nachdem Susanna diesen Beschluss vernommen hatte, ging sie fort; sie hatte schon vorher einige Bürger vernommen, die sich beschwerten, was so ein fremder Junge in ihrem Ratssaale zu tun habe. Im Vorbeigehen am Ratskeller hörte sie Güldenkamm, der die ganze geschichte mit dem Knaben in Reime gebracht hatte und sie den Fremden mit grossem Beifalle vorsang; es war den Leuten über die vielen Religionsstreitereien etwas ganz Neues geworden, klar und lustig singen zu hören; auch erbosten sich manche, wenn er alte lustige Schwänke von einem Brunnen sang, über dem ein Mädchen gestanden; er nötigte Susanna herein, sie musste mit ihm ein Glas Wein trinken und von dem Ausgange der Sache erzählen, den die meisten noch nicht wussten. Sie sprach wenig, nur wenn eine heftige Bewegung ihr ganzes Gemüt füllte, da durchbrach es die Eisrinde, die eine harte Erziehung ihr aufgebürdet, dann sprossten Blumen, wo es gezogen, und das Wider strebende riss es mit sich fort. Alle horchten ihrer Erzählung, alle sprachen ihr nach; Güldenkamm, so künstlich er singen mochte, wurde nicht mehr gehört, alle Gäste tranken ihr zu; die Wirtin brachte ihr eine herrliche frische Festbrezel, sie konnte sich nicht genug über den artigen Jungen verwundern, der so schön erzählte und nun so geschämig wie eine Jungfer mit hochroten Backen dasitzen tät, als ob er nicht fünf zählen könnte.
Erst nach dem Mittagsmahle konnte