grab. Güldenkamm hatte sich durch die Erinnerung rühren lassen; es war ohne seine Absicht, dass sich sein Lied zum Ernst hin wandte; es liegt das aber meist in der Art einer Tändelei bei einem bewegten Gemüte. Susanna fand sich durch seine Ausdrücke, durch das Gefühlvolle in ihm ergriffen, und sie wusste nicht wozu; es gab nichts zu tun, sie wusste nichts, als ein paar Tränen auf seinen Wangen abzutrocknen und ihn zu streicheln.
Anton hatten die Wanzen nicht lange schlafen lassen, denen sein glatter, saftiger Stamm ein besonderer Leckerbissen zu sein schien; ganz zerstochen sprang er an die Luft und sah die beiden so vertraulich beisammen sitzen. Er konnte es sich nicht sagen, welches Gefühl ihn durchwallte; es wurde ihm so kalt, er schämte sich seiner selbst; er hätte sich gewaltsam von beiden befreien mögen, um dieses Gefühl los zu werden; er wandte sich von ihnen, setzte sich unter eine grosse Linde, in welche ein Muttergottesbild eingelegt war, und fing an zu beten; während er betete, fiel ihm seine Frau und sein Kind ein; er dachte sich Frau und Kind in dem Muttergottesbilde, das von der Mondnacht zwar beleuchtet, aber von der Linde dünn in schwebender Wallung beschattet war; da ward er wieder Hausvater und Gatte und flehte um die Fortdauer seiner Liebe. Susanna aber ward ihm gleichgültig; er dachte mit Behagen daran, dass er sie vielleicht mit Güldenkamm gut versorgen könnte; alles wurde ihm fertig vor der Seele; er nahm sich vor ein Schmied zu werden; wenn seine Malerei nicht mehr bezahlt würde, da würde ihm seine Kraft nützen; er sah schon in Gedanken die Kohlen in seiner Schmiede glühen, sah die Ritterpferde, die bei ihm beschlagen wurden; da weckte ihn der Hunger und der Schmerz seiner Wunden aus der Betrachtung; nicht bloss die Wunde am Schenkel, sondern auch der Finger, die Susanna ihm geheilt, schienen in den alten Zustand der Verletzung zurückkehren zu wollen; er hinkte deswegen zu Susanna und Güldenkamm, die ruhig, in geringer Entfernung von einander, im Grase eingeschlafen waren. Er fühlte weder Neid noch Eifersucht, vielmehr war er so gutmütig, sie nicht stören zu wollen. Er selbst machte noch einen Versuch, ob er nicht zum Schlafe gelangen könne, aber unmöglich; er wachte, bis die Morgenkälte die beiden andern auch erweckte. Susanna sah ihm gleich nach dem Erwachen an, dass sein Auge getrübt sei; sie fragte nach der Ursache, er schützte Hunger und Schmerzen vor; sie verschaffte ihm durch ihre schmeichelnde Fürbitte bei einigen Frauen etwas Kleienbrot mit Baumrinde gemischt; dann mussten sie weiterziehen, wobei Güldenkamm, der in aller Not an nichts als an seine Liebe dachte, recht wacker voranschritt. Susanna wollte Anton unterstützen und verbinden, er wollte es aber nicht leiden. "Heute werden wir den schlimmsten Tag haben", sagte Güldenkamm, "denn bis Pforzheim steht kein Dorf mehr; Gras und Laub werden unsere Nahrung sein, und das ist allzu natürlich und paradiesisch."
In dieser schlimmen Erwartung schon halb ermüdet, gingen sie stillschweigend hinter einander eine Strecke; es zog sich ein Morgennebel über die Ferne, und so hofften sie, wenigstens in eine erfreulichere Gegend einzudringen; als er aber verschwunden, sahen sie eine weite Gegend ohne Merkzeichen vor sich, von Bergen begrenzt, die von der Hitze sehr verbrannt schienen, das Auge hatte kein Mass mehr, um sich Ruhepunkte in gewissen Entfernungen festzuhalten; am Himmel war auch wenig zu sehen, gleichgültige weisse Wolken zogen vorüber, zuweilen schien es dunkler zu werden und regnen zu wollen, aber die Hitze war dann um so drückender. Nach ein paar Stunden, wo sie sich mehrmals ausruhen mussten, um zu gähnen und den kalten Schweiss abzutrocknen, legten sie sich vor einem Tannenwalde nieder. Güldenkamm sang halb lallend, indem er seine Füsse streichelte:
Meine Beine, meine Beine,
Ach, ich weine um die Steine,
Dass die Steine ohn Erbarmen
Reissen durch den Schuh mir Armen
In die Haut,
Und die Tränen und der Schweiss
Tröpfeln von der Stirne heiss.
arme Braut,
Kann doch heute an deiner Seite
Nicht empfinden Lust und Freude.
Anton horchte bei diesen Worten auf und fragte ihn: "Seid ihr schon so weit? Nun wohlan, so muss ich euch wohl einsegnen." "Tut das, mein neuer Freund", sagte Güldenkamm; und Anton nahm mit abgewendetem gesicht beider hände und legte sie in einander.
"Was macht Ihr", fragte Susanna, "ich weiss von nichts, ich will nichts. Was soll mir das Zusammenlegen der hände?"
"Seid glücklich mit einander", sagte Anton, sprang auf und schritt mutig voran in den Wald, der vor ihnen lag; die beiden Gesellschafter schritten stumm und langsam ihm nach; sie hatten das Verlöbnis in der Mühe bald vergessen und aufgegeben. Als sie wieder eine Stunde fortgegangen, bemerkten sie über dem wald einen starken Rauch. Anton rief mit Entzücken: "Feuer! Menschen! Essen!" Er glaubte sich in der Nähe einiger Köhlerhütten zu befinden, aber der Rauch wurde vom Wind herangetrieben, immer heisser und stärker; sie konnten sich diese Erscheinung nicht erklären; endlich kamen sie auf einen freieren Platz mitten im Gehölze, als eben wunderbare leichte Flammen neben ihnen über die dürren Halme und die knisternden Tannenbäume hinaufliefen, bis der Baum, der von der Hitze ausgedörrt, in heller pyramidaler Flamme stand. Dieser freie Platz