1817_Arnim_006_161.txt

und Anton drang in sie, seinetwegen sich nicht mit dem Elende der Hütte zu plagen. Sie ging also mit Güldenkamm an das Ufer des Stromes und las einzelne Beeren für Anton; dann setzten sich beide der Abendröte gegenüber; der Bach flüsterte so freundlich; alles was am Himmel und auf Erden geschah, war Susannen eine neue Welt. Ihre fremdartigen fragen ergötzten den Spielmann; sie hatte eine so vornehme Vorstellung von der Welt gehabt und ihren eigenen Zustand in Augsburg so allen andern nachgesetzt, dass sie sich jetzt nicht beruhigen konnte, wie so viel Menschen noch elender lebten als sie; sie redete die Bäuerinnen mit einer Art Rührung an, diese aber äusserten herzliches Mitleiden mit dem jungen Burschen, der so durch die Welt ziehe. Es wurde dunkler; da kamen die jungen Leute, trotz der Hungersnot, so vertraulich Paar und Paar gezogen; mancher sang, viele lachten; da war kein Rückhalt in allem, was sie meinten, und doch war es ein anderes Wesen, als in dem Frauenhause, ein anderes Wesen, als bei den Bürgerfrauen in München; sie schienen so gut wie diese und so schlecht wie jene zu gleicher Zeit zu sein. Güldenkamm, mit seiner gewohnten Träumerei erfüllt, ging unter den Mädchen umher, wie von den rechten Weingegenden erzählt wird, dass durchwandernde Fremde so viel davon essen dürfen, als ihnen gefällt, ohne dafür zu zahlen, aber nichts nach haus mitnehmen dürfen; jedes Mädchen war ihm eine Traube, die er gern sogleich genossen hätte, aber die Hast, mit der er gewöhnlich zu Werke ging, zerdrückte sie meist früher, und er blieb ohne Genuss. Ohne dass ihm Susanna ein Zeichen ihrer Zuneigung gegeben hatte, glaubte er sich derselben schon versichert; er bildete sich dieses Verhältnis aus; stumm neben ihr sitzend und spielend mit einem Bande ihres Wamses, dachte er der letzten zeiten in den steten Unruhen, wo er oft mit herzlicher sehnsucht nach einem Mädchen sich umgesehen hatte, mit der er nur ein vertrauliches Wort wechseln könne; und jetzt sass ein recht wunderbares Mädchen neben ihm und schwatzte von aller Welt himmels und der Erden so unnachahmlich neu, und ihn beschäftigten jetzt andere grössere Anforderungen an sie; er verachtete seine Unbefriedigung, fühlte plötzlich den glücklichen Abend und sang zu ihr in freien Bewegungen mit leichter Begleitung der Ziter: Seliger war ich noch nie als heute, Nach Tages Müh, an Liebchens Seite; Spielend an Ufers Rand Durch ihre Hand, Mit ihrem Band, Umzieht mich ihr süsses Geschwätz Wie ein Netz; Darum nenn ich sie Fischerin, Weil sie mit klugem Sinn Mich im eignen Element erhält, Nachdem sie mir Reusen gestellt, In die mich der Fluss Immer tiefer treibt im Genuss. Ich weiss es und setze die Flossen nicht entgegen, möchte sie viel lieber ganz dicht an mich legen; Lasse mich still von dem Strome bewegen, Es kühlet darin ein heimlicher Segen. Konnte sonst so listig und mutig, Und oft mit einem Herzen so blutig, Mich entreissen der Weiber Gewalt Und Wohlgestalt; Und wie ein Kramsvogel aus den Dohnen Liess ich zwar Federn ohne Schonen, Aber ich entriss mich der Schlinge, Sang fröhlich und guter Dinge. Eine Reihe Schönen, die meiner spotten Und mit mir zanken, Mich fragend, ob ich nun bald gesotten, Ohne glänzende Schuppen, Als ein Märtyrer gerieben zur Suppen, Würde büssen, Dass ich so fälschlich konnte küssen und grüssen; Herzinniglich weiden, Stolz dann zu scheiden. Ei seht doch, nun bin ich's wohl gar, Der falsch und untreu und unbestimmt war: Hab euch alle geliebt, Ihr habt mich alle betrübt; Die Kleine dort, weil ich nicht bei ihr blieb, Die Gute hier, weil sie mir nicht die Zeit vertrieb, Die Feine daneben, weil sie einem andern gehört, Die vierte Selbstüberlebte, weil ich sie nicht immer

gehört

Die immer hätte singen sollen, Ich bin ihr wie ein Lied verschollen. Eine aber, die tat mir weh, Die meinte, ich sei zu flüchtig zur Eh'. Sie starb darüber am Fieber Und zieht vorüber so mild, so licht, Und streicht mir die Haare aus dem Gesicht. Es tut mir vieles leid, Doch bin ich unschuldig bis heute; Ich sag's euch derb und trocken, Ihr schüttelt mit den Locken, Ich hab euch nie versucht, Die gelegenheit hat mich aufgesucht. Liebliche Kleine in fürstlicher Krone, Die mein schlummerndes Herz erweckt, Gabst du mir nicht einen Schlag zum Hohne Auf die Backen, dass Glut sie bedeckt, Um mit dem Kusse ihn dann zu vergüten? Lieblichste, musstest du also wüten? Musste das Glück auf jeglichen Wegen Uns zusammenführen mit List? In den Bäumen, ach, welches Erregen, Wie geschmückt zu dem heiligen Christ; Wenn du hinter den Stämmen verborgen, Betest den fröhlichsten guten Morgen! Doch die Verwirrung des Sinns zu entflammen Wussten die fürstlichen Brüder mit Lust, Warfen uns Abends auf Blumen zusammen, Und du ruhtest an meiner Brust; Doch da sagte der böse Hofmeister: "Nehm Er nun Abschied, denn morgen, da reist Er." Du ruhst, wo Gold und Silber ruht, In den Tiefen, – Viele Tage und Jahre verliefen, Schnell wie zum Tanze beschuht; Ich ward Student Und dachte nur dein liebliches Gesicht, Und achtete der andern Mädchen nicht, Und wie ein Berg unübersteiglich uns getrennt, Die hohe Felsenwand Von Rang und Stand; Verzweifelnd warf ich mich auf