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Tracht, die dort nachgebildet war, und die beiden Mädchen, es waren des Vogts Brix heiratslustige Töchter, taten sich nicht wenig darauf zu gute (sie waren kürzlich in Stuttgart gewesen) und hofften, dass Apollonia sie darum beneiden würde. – "Was sieht Er mich so gross an?" fragte die eine, Babeli mit Namen, die gleich jeden in sich verliebt glaubte. – "Je Jungfer", sagte Bertold, "Sie hat ja ein Paar Hosen auf dem Kopf." – Babeli fand sich sehr gekränkt, aber sie rümpfte kaum den Mund und fragte weiter: "Weiss Er denn sonst nichts Neues?" – "Erzähl Er uns etwas Neues", fiel gleich die andere, Josephine, ein. Bertold dachte, was er erzählen sollte, er wusste nur wenig aus dem Umgange mit Menschen, aber alles, was ihm einfiel, schien ihm zu schlecht, er wollte durchaus nicht wieder lächerlich werden. Endlich betete er heimlich zu Gott, dass ihm etwas Neues einfallen möge und da stand's vor seiner Seele, was er kürzlich erst gelesen und er sprach: "Der heilige Papst hatte erlaubt, dass in unserm land, wegen Mangel an Fischen und Baumöl, die Milch auch in den Fasten zu geniessen sei, aber ein Doktor Spenlin hat sich widersetzt und appelliert vom Papste an das Konzilium, er sagt, es seien genug Fische im land und statt des Baumöls reines Nussöl, Leinöl, Rüböl, Mohnöl...." Hier lachten schon die Vogtsjungfern hellaut, wie es sich wahrlich nicht schickte, und Apollonia sagte ärgerlich, dass er sich nicht besser empfohlen: "Lass Er uns, Er hat uns schon genug beölt, weiss Er denn nichts anders zu sprechen?" – Josephine, eine rechte Schnatterbüchse, sagte ihm vor, er müsse von Turnieren und Fehden sprechen, von hochberühmten Frauen und Sängern, von zarter Minne und teuren Gottesdegenen, von Blaubärten und Milchbärten, von Fidelern und Fanten. – "Von Elefanten", sagte er, "steht auch was in meinem buch." – "Ihr müsst Bären anbinden", fuhr Josephine lachend fort, "Euren Falben von einer Felsenspitze zur andern einreiten und Euch endlich vom uralten Schneemanne in Gegenwart von Rundienen und Galgenschwenglein zum Ritter schlagen lassen und dabei Gottes Wort in einem Hausbakkenbrote verehrt erhalten." – "Meister Fingerling ist garstig dabei zerkratzt worden", sagte Bertold, ohne von dem Vortrage verwundert zu sein. – "Der Schneider?" fragte Babeli. – "Er ist wirklicher Katzenritter", fuhr Bertold fort, "er hat vor zehn Jahren in der Zunftstube die angebundene Katze gänzlich verbissen, er hat davon viel Ehre gehabt, aber wenn er davon spricht, ist ihm noch immer eklig zu Mute." – Die geschichte machte den Vogtsjungfern viel Freude, sie behaupteten, er habe mehr Verstand, als man erst glaube, sie liessen sich ausführlich von den Katzenrittern, einem damals üblichen Spass der Handwerksgenossen gegen die Ritterschaft, erzählen. Josephine sprach, dass Bertold einem Ritter vom Stuttgarter hof ähnlich sehe, mit dem sie oft getanzt habe, und da versuchte sie, wie Bertold sich im Tanze zeige. Bertold sprang höflich mit, wie ein Mensch es macht, dem Boden und Wände sich drehen, dem es aber doch nicht übel in den Gliedern tut, von weiblichen Händen so geschwenkt zu werden, hätte er nur feinere Schuhe angehabt; diese waren abgelegte von Martin, mit Nägeln, wie Eulenspiegels Grabeiche, beschlagen. Der grosse, rotwangige Bursche gefiel den Vogtstöchtern nicht übel und je lauter er stampfte, je mehr Spass machte es ihnen, er schien ihnen, wie den Kindern der Haushund, ein geschöpf, vom Himmel zu jeder Quälerei geschaffen. Apollonia wollte sie nicht stören, aber das Wesen gefiel ihr gar nicht. Babeli fiel nun darauf, dem Bertold Unterricht im Tanzen geben zu wollen, sie stiess gegen seine Beine, kniff ihn und stopfte ihm den Mund mit Kuchen, wenn er verdriesslich zu werden schien. Bertold kam in dem fremden Wesen ganz aus seinem Häuschen, er meinte mit den Wölfen heulen zu müssen, und als Apollonia mit in das Spiel hineingezogen wurde, so wuchs ihm gar der Kamm, er erwiderte, was ihm angetan wurde, und glaubte Beifall zu ernten und sich recht geschickt aufzuführen. So kam es, dass, als ihn Babeli kniff, er wieder kniff, aber nicht Babeli, sondern aus angestammter Neigung Apollonien in die Backen, indem er freundlich um Vergebung bat, dass er am Morgen ihr die Blumen abgejagt. Dieses min Verbrechen wurde von den Vogtsjungfern vor Gericht gezesen und er von den ausgelassenen Mädchen zu drei Streichen, ogt seinen eigenen Pergamenten verdammt, weil er die ritterlichen Miinnegesetze verletzt habe, nach welchen die Blumen dem weiblichen Geschlechte gehören. Er drohte, so oft zu küssen, als er gestrichen würde, da machte Josephine gleich Ernst und strich ihn dreimal mit einer Gerte über, die zufällig in der stube stand. Die Streiche brannten dem Bertold nicht halb so heiss, wie seine Neigung, er umfasste Apollonien im Vergeltungsrecht und küsste sie dreimal recht derb ab. Josephine wollte ihn mit Schlägen fortbringen; das erbitterte ihn noch mehr, er küsste Apollonien immer mehr. Als ob er blind und taub wäre, merkte er nicht, dass der Bürgermeister eingetreten war, bis dieser ihn mit starker Hand fortriss, ihn zur Stubentüre, und weiter bis zur Treppe hinzog und dort