1817_Arnim_006_159.txt

stimme: 'Ihr treulosen, aufrührerischen Bösewichter, heute sollt ihr alle eure Strafe empfangen, hier sollt ihr sterben!' Bei diesen Worten musste der Konstabler die Stücke lösen. Mancher fiel vor Schreck und meinte sich getroffen, oder lag in seinem Unflat und meinte in seinem Blute; die meisten aber bückten sich, dass sie sich klein wie Mäuse meinten, streckten die alten Beine auseinander, als wollten sie sich zerreissen, und sprangen, wo sie konnten, über die Stadtmauern; weiss Gott, wo sie aufgehört haben zu laufen. Die aber von den Bürgern eingeschlossen zurückblieben, streckten die hände aus und baten, sie herauszulassen und ihnen Gnade angedeihen zu lassen.'

Der Obervogt sprach zum Untervogt: 'Es ist doch besser, wenn wir den Wolf erst aus dem Schafstall herauslassen', und rief dann laut: 'Weil euch leichtsinnige Bösewichter eure Übeltat reut, so soll euch verziehen werden; aber ihr sollt alle durch das Eselstor, wo sonst nur die Mülleresel treiben, hinausziehen zum ewigen Schimpfe.'

Die Bauern wollten erst jeglicher zu seinem Tore hinausgehen und baten darum, aber der Konstabler machte eine so grimmige Bewegung mit seiner Lunte in der Trunkenheit, und der Obervogt schwor, er wolle sie, so wahr er ein Edelmann, wie Hühner abschlachten, dass sie endlich wohl gar noch Eselsohren sich gemacht hätten, wenn's verlangt worden wäre; sie zogen ab, und ich musste zu ihrem Abzuge spielen. Als sie fort waten, da ging die Untersuchung gegen die schuldigen Bürger an; da wurde der Schaden Josephs erst besehen; es sollte der Wein wieder in den herrschaftlichen Keller geschafft werden; darüber wurde mein Dank vergessen, ich musste weiter ziehen und bin nun, wie ihr mich seht, hungernd und durstig und ohne Geld."

"Was ist denn aber Euer Handwerk sonst?" fragte Anton; "wie heisst Ihr? damit ich Euch künftig nennen kann. Ich heisse Anton und bin ein Maler."

"Ich habe nur ein Mundwerk", sagte der andere, "kein Handwerk; ich habe mich viele Jahre mit der Meistersängerei in Nürnberg abgequält, hab Euch in allen Tonarten Wörter zusammenschreiben können, wie die andern, habe selbst die Seidenschwanzweise erfunden, die ihren Kunstbau durch hundertundzwanzig Reime treibt, wurde verliebt, als ich den Gesang der drei Männer im feurigen Ofen darin aufgeschrieben hatte; meine Braut lachte mich aus damit und sang mir ein Liebeslied vom schmelzenden Schnee und grünen Grase, von der Frau Nachtigall, vom Goldring, den sie im Schnabel trägt; das behagte mir so wohl, dass ich allen meinen Narrenkram wegwarf und sang, wie mir's ums Herz war. Da wollte mich niemand mehr in Nürnberg bei festlicher gelegenheit haben; der gute alte Hans Sachs, die weisse Taube, gab mir aber ein Reisegeld, dass ich nach München gehen solle, um noch singen zu lernen; so bin ich immer weiter gekommen und rücke immer näher an meine Bärbel; ich aber heisse Güldenkamm."

"Ihr seid ein kühner Mann", sagte Anton, "dass Ihr den Meistergesang so herabsetzt; habe sonst immer grosses Lob davon gehört, weiss aber selbst nichts von ihm; in meiner Stadt hatten wir keine solche Schule und schämten uns dessen; die Nürnberger taten immer bei uns so stolz, wenn einer das Schulkleinod, die Krone oder den Kranz gewonnen, oder wenn einer getauft und gefreiet worden."

"Das bin ich alles auch", sagte Güldenkamm, "verkauf Euch aber alles, was ich da gelernt habe, für ein Mittagessen, es ist eine Wortschinderei; mich hungert heute, ich habe nichts gegessen; habt Ihr nichts bei Euch?"

"Nein, mein guter Güldenkamm", seufzte Anton, "ich habe schon lange Euren Ranzen angesehen, ob nichts Essbares darin sein möchte."

"Ihr seht so stattlich ritterlich angezogen aus", sagte Güldenkamm, "wie seid Ihr in solche Not gekommen?"

Anton erzählte ihm in der Kürze, was ihm begegnet, von seiner Frau, wie er sie liebte; nur von seinem Vater und von Susannen schwieg er. Doch sah der listige Meistersänger recht wohl, dass es ein Mädchen sei und Anton ihr zärtlich die Hand drücke.

Die Erzählung wurde durch die Ankunft des Fährmanns unterbrochen, der mit einigen Leuten über das Feld jenseit des Flusses kam und sie übersetzte.

Anton suchte jetzt in seinen Taschen nach Geld zum Übersetzen und stampfte mit dem fuss zornig: "Habe meine Geldtasche im Bette vergessen! Wer hat nun Geld zur Überfahrt?"

Traurig sahen sich alle drei an. "Umsonst tut's der Alte nimmermehr, ich kenne ihn."

Susanna holte jetzt das kleine Eichhörnchen aus ihrer tasche und sagte sehr trübsinnig: "Unser armer Tucktuck verhungert, er nagt schon meine Finger an, und nirgends, so weit ich blicke, sehe ich einen Ort, wo er was fände, wenn wir ihn frei liessen."

Inzwischen wurde die Fähre ans Land gestossen und festgebunden; es stieg ein alter Prälat und zwei Nonnen aus; jener sass zu Pferde, diese gingen zu Fuss. Der Prälat sah gleich auf das Eichhörnchen und sagte zu den Nonnen: "Eure Liebden sehen einmal den Rotschwanz! Gib her Kleiner, ein artig Tier; wie es mir die Nuss aus der Hand nimmt! sehen Eure Liebden, es nagt wie ein Zimmermann mit der Säge in die Schale; ich wollte, es wäre feil,