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; es war keine Furcht, die sich seiner bemächtigte aber eine Überzeugung, dass sie recht habe und dass etwas aus ihr spreche, was er noch nicht gekannt. Er sprang von dem Sessel auf und versuchte den Fuss; er hinkte wohl noch etwas, aber er konnte deutlich merken, dass sich die Gelenkigkeit mit dem Gebrauche herstellte.

"Mädchen", sagte er und fasste sie unter das Kinn, "was soll das geben? Du machst mit mir was du willst, ich muss dir schon folgen hinkend und hungernd; nun pack ein, was wir haben."

Er hatte nicht viel mitzunehmen; das kleine Ölbild von Susanna steckte er in eine Jagdtasche, sie hing sein Bild an einem Schnürchen sich um den Hals und liess es zwischen Wams und Hemde versinken; Anton sah ihm über die angenehme Stelle vergnügt nach. Dann würden die Mäntel umgenommen; Anton hatte die Flinte wieder geladen, sah noch einmal das Bild in seinem Zimmer an und dachte, nun bist du doch den Waffen näher als den Farben, und durchzog das Haus. "Einmal hat mich Fabian aus diesem stillen haus meiner Jugend weggelockt, heute Susanna; sie wird mir kein Böses wollen; wohin soll ich? Alle Eintracht ist aus meiner Lebensweise gewichen. Aber Susanna!" rief er laut, "wo ist das Eichhörnchen?"

"Es schläft in meiner tasche; alle andern habe ich heute schon in den Wald, so auch die Vögel in den Himmel entlassen; erst glaubten sie nicht, dass sie fort könnten, sie gingen so langsam wie Ihr; dann aber ging es jubilierend auf und nieder, und jedes suchte sich eine freie Nahrung."

"Nun so wollen wir uns auch nähren wie die Vögel unter dem Himmel, wie die Lilien im feld; sieh, an dieser Tür hab ich einmal als Kind mein ganzes Frühstück, und es waren die ersten Kirschen im Jahr, einem Bettelknaben gegeben; wer weiss, wo uns wieder so geschieht." Ihre Schritte hallten öde im haus; die Fliegen sogar lagen aus Mangel an Nahrung schon in Haufen unter den Fenstern, durch deren harte Durchsichtigkeit zu entkommen sie vergebens gestrebt hatten; ein paar Schmetterlinge, die erst den Larven in den Winkeln entkrochen, rauschten mit ihren Flügeln noch ungeduldig an den Scheiben; Susanna liess sie hinaus. Es ward beiden doch recht wehmütig, als sie auf den Platz des Tanzes und der Blumen kamen; Anton und Susanne schmückten ihre Hüte mit dem Schönsten, was noch blühte. Anton, der sich jetzt schon gefasst hatte, sah sich noch einmal um, schwenkte Hut und Strauss und sang dabei:

Blumenduft dem Hungernden;

Worte wenn ich liebend brenn.

Ritterschaft ohne Pferd und Helm,

Also wird es mir armem Schelm.

Schätze bewachen ist mir Pflicht,

Aber ich finde im Säckel sie nicht,

Leere Fässer im Keller stehen,

Darum muss ich nun weiter gehen.

Der mich führt, weiss selbst keine Strass;

Ob ich gehe, ob ich's lass,

Hinken muss ich doch überall,

Darum lach ich viel tausendmal.

So lustig fing sich die Wanderschaft an. Anton vermied nur die Richtung gegen Augsburg; wo er sonst hin wollte, das wollte er erst im nächsten Orte fragen; aber das weite Feld, das in den letzten zeiten erst verwüstet schien und noch die Wasserfurchen aus früherer Bearbeitung zeigte, so wenig es von Bäumen beschränkt war, liess es doch nirgend eine Turmspitze vorscheinen; die Wohnungen der Gegend lagen meist in tieferen Tälern, das Jagdschloss war ihnen auch aus den Augen verschwunden. Zwischen dem offenen Meere, wo alle Küsten schwinden, und zwischen einer Fläche, auf der kein Haus zu finden, ist sehr wenig Unterschied; mühsamer ist es in jedem Falle, über Erdfläche hinzugehen, statt das Schiff unter sich lustig gehen zu lassen, und viel verzweiflungsvoller, wenn ein neuer Hügel hinangeschritten und die Fläche sich immer weiter hinausdehnt; das Verzweiflungsvollste aber, wenn ein Strom jetzt die tagelange Richtung des Weges durchschneidet und einen neuen Weg erzwingen will, weil nirgend an ein Überkommen zu denken ist.

Das alles geschah unsern Wanderern. Susanna hatte ihre Füsse so schmerzlich wund gelaufen, dass sie der Tränen sich nicht entalten konnte; Anton fühlte Schmerz in seinem verwundeten Beine, aber er liess sich nichts merken und tröstete sie bei jedem Ausrufe mit Küssen, die sie weder merkte noch zurückwies. Sie lagen so am Ufer des Flusses, der vom Schneeschmelzen im Gebirge über seine Ufer ausgetreten war; sie sahen in den Buchten die Wasserspinnen mit ewiger Ungeduld dem Strome entgegenstreben, wenig fortrücken und meist von der nächsten Welle doppelt so weit zurückgetrieben werden und doch ihren Weg nicht aufgeben und endlich doch alle etwas fortrükken. Susanna zeigte still auf die langfüssigen Tierchen, und sie dienten beiden zur Unterhaltung, dass sie nicht merkten, wie sich ihnen ein Mann mit einer Ziter genähert hatte. Susanna erschrak, als sie zufällig ihn erblickte; sie meinte erst, es sei Seger; der gütige blick des Ankommenden vertrieb bald diesen ersten Eindruck, das Zutrauen musste ihm überall entgegen kommen. "Ihr wartet auf die Überfahrt, ich auch", sagte der Ankommende, "es wird nicht mehr lange dauern, so besteigt der alte Fährmann seine Fähre."

"Eine Fähre hier?"

"Seht nur in den Winkel hinter den Weiden jenseits; jetzt ist sie schwer zu erkennen, das wasser steht hoch, und die Kronen der Weiden treten vor; da liegt sie;