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aber ich wollte doch, es wäre alles nicht wahr; es war doch Fabian, den ich hier in meiner Kindheit so oft mit Bewunderung betrachtet habe; ohne den schändlichen Niklas, seinen Vater, hätte wohl etwas aus ihm werden können, das ist nun alles aus, sein Dasein misst die Länge seines Leibes, und um mein Leben könnte ich ihn nicht wieder zum Reden und Gehen, zum Essen und Trinken bringen."

Susanna, die ihn also traurig sah, seiner eignen Schmerzen uneingedenk, nur den undankbaren Freund bejammernd, bat ihn, dass sie hinuntergehen und ihn ansehen dürfe, ob seine Wunde zu heilen; Anton nickte mit dem kopf, sie öffnete die Tür und schrie erschrocken auf: "Jesus Maria!"

Seger stand draussen und trat herein, indem er sprach: "Anton, wir sind quitt, ich habe Euch entführt, Ihr habt auf mich schiessen wollen; wir haben nichts mehr gegen einander; wir können jetzt manches mit einander tun, vor allem zechen."

"Aber sage mir Seger, sag mir mein Fabian, ich erkenne dich jetzt erst ganz wieder, wie hast du so vielfach gegen mich handeln können?"

"Nun, Ihr wisst alles schon", sagte Seger, "ja seht, in früher Zeit musste ich es auf Geheiss meines Vaters Niklas tun, den nun schon lange der Teufel geholt hat; was ich zuletzt getan, das war der verfluchten Weiber wegen in Augsburg, und ich frag Euch selbst, ob einem ein Weib nicht den Kopf umdrehen kann, als wär er ein Wetterhahn."

Anton dachte sich in dem Augenblicke zwischen seine Frau und Susannen, machte eine bedenkliche Miene und bot ihm die Hand: "Es ist gut, will weiter nicht daran denken; es ist mir lieb, dass ich wieder einen habe, mit dem ich von alten zeiten reden kann, von alten Spässen; von meiner neuen gräflichen Herrlichkeit werde ich wohl so bald nichts erfahren. Wein her, Kurt! Sagt mir nur, warum habt Ihr meines Vaters Vieh weggetrieben?"

SEGER: "Ich brauchte Geld und jetzt haben wir's beide; es kam gerade ein Schlächter vorbei, der hatte eine schwere Geldkatze um und ein Dutzend blanke Messer in der Scheide; der Kerl hatte solche Lust zum Schlachten, wie sein Hund zum Blutlecken, der hatte einen jubel an all dem fetten Schafvieh." – ANTON: "Mit den Schafen, das ärgert mich, es war so ein Angedenken aus meiner Jugend; wenn das mein Vater noch erlebt hätte!" – SEGER: "Es geht immer anders nach dem tod, als die Alten meinen; meinen Vater sollte ich recht reinlich begraben, das hatte er mir befohlen; nun hatte er sich niemals gewaschen, ich zog ihm also die Haut ab und liess mir ein Paar Hosen daraus gerben, so war uns beiden gedient und geholfen." – ANTON: "Pfui Teufel! mit solchen Geschichten bleib mir vom leib. Wie ist dein Vater gestorben?" SEGER: "Das wird Euch nicht sonderlich gefallen, ich hab's Euch ja damals erzählt, wie ich ihm den Tod zugeschworen; das habe ich auch gehalten." – ANTON: "Ihr seid ein erschrecklicher Mensch! Ich weiss gar nicht, warum ich Euren verfluchten Reden immer zuhören muss." –

Susanna brachte jetzt Wein in einer hölzernen Kanne, die mit verschiedenen farbigen Holzarten buntgewürfelt ausgelegt war.

SEGER: "Bringst du auch einen Fingerhut mit? Nein, das gilt nicht; jetzt ziehen wir in den Keller, ich glaube, der Junge will sparen." – ANTON: "Hör Susanna, du bringst uns wenig."

Susanna wurde rot und ging zur Tür hinaus; Seger lachte mit hoher stimme: "Also ist Frau Annas Bettplatz schon wieder besetzt? das nenn ich rasch nach solchem Gesichterschneiden, Mundlecken, Herzdrükken und Tränenquetschen." – ANTON: "Nichts davon, ich liebe noch meine Frau wie sonst und hab dies arme Kind nicht sonderlich sündlich berührt." – SEGER: "Da seid Ihr ein Narr gewesen, so will ich's tun." – ANTON: "Beim heiligen Sixtus, ich spalt Euch das Haupt, wo Ihr sie anrührt; auch dürft Ihr nicht sagen, dass ich ihr Geschlecht verraten." – SEGER: "Ihr seid verflucht herrisch, seit Ihr den Titel eines Grafen von Stock Euch hinters Ohr geschrieben, denn auf der Stirn dürft Ihr das S doch nicht tragen, sonst lachen Euch die Leute aus; weiss noch kein Mensch, ob an der ganzen Kronenburg etwas ist; mein Vater meinte immer, es sei ein altes Loch von einem Bergschlosse, wo sie einen Schatz drin glaubten, den aber noch kein Mensch gesehen; es ist so wie mit den Reliquien, hab mein Tage viel Geld damit verdient; wo ich irgend einen alten Lumpen, ein Stück faul Holz, ein paar ausgedürrte Knochen am Schindanger finden kann, das schneide ich zu Reliquien, lege Zeugnis und alte Schrift bei; die Leute sind so fromm und so dumm dabei, wie bei den echten."

Susanna brachte wieder Wein, aber der war schnell ausgetrunken.

Seger schwor darauf, sie müssten in den Keller, bei dem Tragen verdufte die beste Kraft, nahm auch Anton halb auf seine Schulter, halb ging er, und brachte ihn mit Ächzen bis vor die tür. Hier liess sich Anton herunter und sagte,