sass, sprach Susanna: "Lieber Herr, Ihr habt Euern Vater so wenig gekannt, dass Ihr diese Stunden wie einen Traum ansehen könnt; sorgt für Euch, denn ich vermag es nicht, allein für Euch zu sorgen; ich vermag nicht die Türen zu sprengen, die uns einschliessen."
"Sei nicht besorgt um meine Traurigkeit", sagte Anton, "es ist uns ein Übergang, denn eigentlich schäm ich mich vor jedem traurigen gesicht, das ich mache, und ich sage dir, du sollst mich noch bitten, dass ich weniger mutwillig sei."
Mühsam erholte sich Anton und schlich, von ihr gestützt, auf einem fuss zur Tür, wo ein Druck von ihm das Schloss sprengte; dann ging er zurück zu seinem Bette, und Susanna ging aus, im haus nach Vorräten zu suchen.
Sie blieb lange aus; endlich kam sie mit kaltem Fleisch, Brot und Butter, auch Weinflaschen zurück; sie war aber sehr bleich und sprach: "Herr, ich habe oft gehört von dem Schrecken grosser Unglücksfälle, von Erdbeben, welche die Häuser zerstören und die Bewohner vertreiben, wie da so mancher Unglückliche von seinen sinkenden Glücksgütern niedergeschlagen wird; das mag schrecklich sein, aber viel schrecklicher ist die Leere dieses Hauses, wo noch alles steht und liegt, als wohnten viele darin, und nirgends begegnet einem eine sichtbare Gestalt, in alle Winkel blicke ich und meine die Luft von Unsichtbaren bewohnt, aber nichts bewegt sich, als die verlassenen Lieblinge in den Kammern; die Vögel in den Drahtäuschen schreien ängstlich nach Futter, das Rindvieh brüllt, den gewöhnlichen Weideplatz zu besuchen; ich soll für alle sorgen, so glaube ich mir geboten, und kann mit keinem umgehen; ich habe in der Stadt in unserm haus nichts als Hunde und Katzen mit dem Küchenabfall gefüttert." –
"liebes Kind", sagte Anton, "gib ihnen die Freiheit, und ihnen ist allen geholfen, und jedes erhält das Seine vom Himmel aus gesäet; nur uns mögen wir bedauern, denn alles was wir brauchen, bedarf menschlicher Vorbereitung, – doch keiner sorge für den andern Morgen; setz dich zu mir, trink ein Glas auf deinen Schreck; erst jetzt weiss ich recht, was mich so trübsinnig machte, mich hungerte; mit dem ersten Bissen, mit dem ersten Trunke fühle ich mich glücklich wie ein König, und mir soll nimmer so Trauriges begegnen wie meinem Vater." –
"Herr, Ihr seid zu kühn", sagte Susanna, "wer viel ertragen kann, dem wird viel aufgelegt, denn im Schweisse seines Angesichts soll jeder sein Brot essen." – Susanna aber holte das kleine Eichhörnchen das sie ihm den Tag vorher gebracht hatte, aus dem Winkel, wo es sich in einem Schuh eingenistet hatte, und fütterte es erst mit einigen Nüssen, die sie noch gefunden hatte, ehe sie sich zu dem Tische setzte. Nachdem die erste Lust der Speise gestillt war, fragte Anton: "Sag, liebes Kind, wer wird mich nun verbinden?"
"Ach Herr", sagte sie, "daran habe ich schon lange mit sorge gedacht; wir sind sehr unglücklich, doch hat mir die Mutter Gottes einen Gedanken eingegeben, Euch zu retten, ohne mich vor Euch zu schämen; Ihr bindet mir die Augen zu und führet mir die hände, dass ich die Wunde mit einem grünen Blatt und feurigen Gebete schliesse."
Anton, dem ein Scherz einfiel, gab ihr recht in dieser Gesinnung, wartete bis sie ein Blatt geholt, verband ihr die Augen und führte dann ihre Hand auf seinen Mund, indem er den Kopf tief heruntergebeugt hatte; sie senkte darauf ihren feinen, sanftgeschweiften Mund seinen Lippen nahe, ihr Atem strömte in Gebeten wie ein Frühlingsregen über ihn; darauf küsste sie dreimal die vermeinte Wunde, die sich so sanft anschloss, legte zwei grüne Rosenblätter im Kreuz darauf und verband den Kopf zitternd, aus Furcht ungeschickt zu werden, weil sie ihn für das Oberbein hielt, mit einem Tuche, dann kniete sie nieder, sprach noch ein stilles Gebet und wartete, bis ihr Anton das Tuch von den Augen nahm. Anton hätte gern gelacht, aber der Verband hatte seine Lippen so fest verschlossen, dass er ernstlich fürchtete, der Mund möchte zur Bestrafung seines Mutwillens zugeheilt sein und allen süssen speisen verschlossen bleiben. Susanna war ganz versteinert, ihn mit verbundenem kopf zu erblicken, und zwar mit demselben rotgestreiften Tuche umwunden, das sie um sein Bein gelegt zu haben meinte. Er machte ihr ängstliche Zeichen, diese Binde schnell abzunehmen, die sie aber nicht gleich verstand, sondern ihm besorgt den Kopf hielt. Endlich löste sie den Knoten, fand die beiden Rosenblätter auf seinem mund und warf sich beschämt über sein Bett und verhüllte sich in der Decke. Anton brachte mit Mühe die Lippen auseinander, auch bluteten sie, so schnell hatte das Heilmittel sie an einander geheftet; dann lachte er herzlich und schwor jetzt Susannen, sie nicht noch einmal anzufahren; jetzt schmerzte ihn auch die Wunde so heftig, dass er an keinen Scherz dachte sondern eilig die Augen der lieben Retterin verband und die Wunde seines Schenkels von ihr besprechen und verbinden liess. Die Linderung war augenblicklich, er dankte ihr freundlich und fragte sie, was er ihr als Gegengefälligkeit erweisen könnte; sie sah vor sich nieder und bat ihn, da er jetzt Zeit und Farben habe, ihr sein Bild so klein gemalt zu geben, dass