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, antwortete er; 'halte dich nur fest, ich will auf meiner Stufe auch ruhen; ich habe mir so vorgenommen, dir endlich ein Geheimnis aufzuklären, was so lange auf dir gelastet hat.'

'Wo ist meine Schwester?' fragte ich.

'Sie ist tot', antwortete er.

'Vater, ich sehe jetzt klar', rief ich, 'was unter mir ist, reizt und schreckt mich nicht mehr, wir können ruhig ansteigen durch den Saum der Wolke, der meinen Scheitel umhüllt.'

Das Wort hatte mir Totenruhe gegeben, mit dem Worte war ich von der Erde frei; ruhig ging ich die Stufen hinauf, als wäre ich Jahrhunderte schon wie ein Stern auf und nieder gegangen, kein Schwindel war mir schrecklich; ich sah mich selbst in der Leere über der Erde, ich schwebte und erschien mir in dem bisherigen Verhältnisse zu mir töricht, es war jetzt Ernst geworden. –

'Verkürzt den Weg mit der Erzählung', bat ich den Vater, 'ich will warten, wenn Euer Atem zu kurz wird.' –

'Lieber Sohn', sagte er, 'noch weisst du nicht, warum ich euch in so früher Zeit so hart auseinander gerissen; der gute Niklas war um euch besorgt, dass eure Liebe zu einander sündlicher Art sei, und als ich euch verschlungen in einem Bette fand, da übernahm mich der Zorn; ich verschwor euch Söhne dem Kloster und wollte von einer andern Frau mir Erben gewinnen; die Tochter aber brachte ich zu einer Verwandten nach Kostnitz. Diese Frau lebte mit vielen Menschen in weltlicher Fröhlichkeit, aber Gloria wandte sich zur Einsamkeit und Busse, wo ihr der Herr erschien und mit ihr in Stunden der Entzückung sprach und sie ermahnte, in das Kloster zu gehen. Sie war nach dieser Erscheinung gleich willig dazu, aber alle ihre Bekannten, die so herrlich sie aufblühen sahen, suchten sie mit Liebe und Gewalt zurückzuhalten; dies verzögerte ihren Eintritt, aber veränderte nicht ihren Entschluss; ich musste ihrem Flehen nachgeben, obgleich es mich schon damals, nachdem ich lange vergebens auf Kinder von meiner zweiten Frau gehofft hatte, schwermütig reute, dass ich meine beiden Söhne von der Welt abgeschieden hatte. Ihr Abschied war ein Zeichen für mehrere junge Ritter, in fernen Kriegszügen Zerstreuung und Ersatz zu suchen. Vor allen schmerzlich war das Scheiden eines Ritters von Lilienfeld, der nach Jerusalem zog; aber auch sie ging nicht in den Frieden ein, auf den sie gehofft hatte. Das Kloster war heimlicher Sünde voll, und die Äbtissin, eine frühe Freundin des Abtes, den dein Wurf verwundete, suchte seine Neigung sich zu erhalten, indem sie ihm die reizendsten ihrer neuangenommenen Novizen opferte. Meine arme Tochter ahnte nichts davon, sie sah den Abt als einen ehrwürdigen Beichtvater, auch war ihr ganzes Gemüt von der Erscheinung deines unglücklichen Bruders Wolf erschüttert, der in dem Kloster, ihr gegenüber, angekommen, ihr das Bild des Herrn, das ihr im Entzükken vorgeschwebt, fest und deutlich vor Augen mit zärtlichen Blicken hingestellt hatte. Sie beichtete diese Erscheinung dem Abte; er legte ihr leichte Busse auf, deinen Bruder aber beschloss er aus Eifersucht zu verderben. Nun trug dein Bruder den geistlichen Stand mit grösserem Widerstreben als du; die leidenschaft zur schönen Nonne raste in ihm; unbekannt mit der Welt, von der er so lange geschieden, suchte er in dem Kreise seiner Beschäftigungen mit mechanischen Kunstwerken seiner leidenschaft hülfe und Rat. Unsäglich war die Mühe, sich die Gerätschaften heimlich zusammenzubringen, um sich Flügel zu bilden, die Geliebte gegenüber aus dem Turme fortzutragen. Der Abt hatte ihn schlau umstellt; beim ersten Versuche wurde er gefangendu hast ihn sterben sehen. Du kamst in gleiche Schlingen des Satans, und meine Tochter wurde von der Äbtissin angeleitet, sich dem Abte für die Rettung deines Lebens zu versprechen. In einem Kampfe, der zuletzt alle Besinnung erschöpfte, liess sie sich die Mönchskleider anziehen, sie wurde durch einen geheimen gang zitternd und ohnmächtig in das Zimmer des Abtes geführt. Er versprach ihr dein Leben.'

Bei diesen Worten waren wir auf der Spitze des Turmes angekommen; die Krone lag vor mir, aber ich sah sie nicht; ich setzte mich nieder, sah in die Weite, wo ein ausgetretener Strom über die Wohnungen der Menschen hinrauschte, dass sie wie Schreckensfrüchte an den dürren Gipfeln der Bäume hingen; dabei biss ich mir auf die Finger, und der Schmerz war mir Wollust. Als mein Vater diese Heftigkeit in mir erblickte, legte er mir Ketten an die Glieder und heftete mich fest; dann fuhr er fort: 'Mein Sohn, dass ich dich so schmerzlich ankette, tue ich dir zur Sicherheit. Gloria ging, dir Lebensrettung anzukündigen, ihr erkanntet einander; jetzt sah sie, dass du ohne ihre schreckliche Aufopferung zu retten gewesen wärest; wer konnte es dir verargen, zu deiner Schwester zärtlich geschrieben zu haben? was du dem Abte getan, erschien jetzt nicht mehr als verliebte Raserei; das aber fühlte sie nur wenig, eins wusste sie nur, dass sie in ihrem Schimpfe nicht fort leben könnte. Du versankst in Ohnmacht und sie in Verzweiflung, aber ihre Rettung und ihr Tod waren nahe. Der Abt hatte seine Lust gekühlt, jetzt blieb ihm nur die Rache gegen dich; er brach sein Wort und sendete die Gesellen seiner Bosheit, dich zum Richtplatze zu führen; die Schwester glaubte er schon zum Kloster zurück. Die