; schwarz ward es rings, und kein Traumbild wagte sich in diese Tiefe. Aber allmählich, wie ein Leichnam, der, tief im wasser versunken, in der sehnsucht zum Lichte wieder aufstrebt, so fühlte ich ein Erbeben und endlich ein farbig Begrüssen in den schillernden Wellen, in denen die aufgehende Sonne sich spiegelt. Bald lag ich in den Armen der Schwester, und alle Scheu, die mich sonst von ihr geschieden, war vergessen; ich wusste gar nicht mehr, dass sie mir Schwester war und Nonne; ich fühlte nur mit wildentbrannten Sinnen, dass sie ein Mädchen, dass sie mein. Doch als ich ihres Leibes Wonne suche, da meine ich, des Klosters Glocken schreien zu hören; ich fühlte ganz, dass mich ein Traum getäuscht, ich aber wollt's nicht wissen, ich wehrte mich, die Augen zu öffnen, um zu geniessen aller Lieblichkeit. Was in jener zarten Welt des leeren Spiels gestört, das lebt nicht mehr; ein Windstoss zerreisst die zarten bunten Flügel, die in einer Nacht sich entfalten und versinken; seit ich die Glocken gehört, drückte ich das Traumbild meiner Lust immer gewaltsamer an mein Herz, dass mich Gloria wie einen Heiligen umschloss, der sich in Strahlen vor der Welt verstecken möchte. Aber immer lauter wurden die Glocken; ich öffnete gezwungen und doch mühsam ein Auge und schloss es dann wieder und wollte fortträumen; ich wusste nicht, wo ich war, als ich es wieder eröffnete; die Erinnerung sammelte sich erst allmählich bei dem Geläute und bei verwirrten Stimmen, die ich hörte; ich wollte aufspringen, aber noch hielten mich die Fesseln, mir war, wie in jener Nacht der Hinrichtung; aber bald sagte ich mir, dass ich schon hingerichtet sei, bald, dass ich hingerichtet werden sollte; alle Vorstellungen liefen über einander und suchten einander auf unendlichen Windeltreppen; nur eins glaubte ich wirklich und jammerte dessen, die Schuld mit meiner Schwester; das Fieber hatte mich durch und durch wieder ergriffen, was mich bei dem Eintritte in das Kloster überfallen hatte. Selige Tage der Krankheit, die Welt liegt abgestorben fern, aber in uns blüht alles und regt sich in seinen Übergängen; die verständigen Stunden wagte ich nicht, durch fragen zu stören, und wenn ich fragte, antwortete mir Posidonius so unbestimmt, dass ich bald daraus schloss, er dürfe mir nichts sagen; auch sah ich, dass man mich aus meinem Zimmer in ein entferntes Gartenhaus gebracht hatte wo mir mit liebevoller Sorgfalt allerlei Blumen ums Bett gelegt wurden, die ich in der Bewusstlosigkeit des Fiebers gern streichelte und befühlte.
Langsam genas ich und nahm mir endlich vor, was sich im Kloster ereignet, ob ich nur zur Hinrichtung so mühsam aufgepflegt würde, zu erforschen, als ein ernster Ritter mit weissen Haaren und verweinten Augen zu mir eintrat; er stürzte an meinem Bette nieder und sprach nach langem Schweigen: 'Sohn, wenn du wüsstest, wie schwer es einem Vater wird, sein Kind um Verzeihung anzuflehen, du würdest mich aufheben.'
'Vater', sprach ich, 'wenn Ihr es seid, was habe ich Euch zu verzeihen: Aber ich bin zu schwach, Euch aufzuheben.'
'Darin zeig dein Verzeihen', sagte der Vater, 'dass du in Geduld abwartest, bis ich dich stark genug weiss, alle Ereignisse, die uns betroffen, anzuhören; jetzt vernimm, dass du nicht mehr Geistlicher bist; der Papst hat mein Flehen erhört, deine Gelübde gelöst; du ziehest jetzt heim mit mir, um das Geschlecht der Graten von Stock fortzuführen und ihren schweren Dienst zu vollbringen.'
Das Fieber hatte alle Heftigkeit in mir gelöscht, aber nach Freiheit atmete ich noch, und das Unbestimmte, was mir begegnen und was ich erfahren könnte, stärkte meinen Willen, gesund zu werden. Nach einer Woche war ich stark genug, mich auf ein Pferd setzen zu lassen; erst jetzt wagte ich es, nach meiner Schwester Gloria zu fragen; der Vater drehte sich zur aufgehenden Sonne und wischte sich die Augen, als ob er geblendet wäre, und sprach: 'Keine Frage, lieber Sohn, ihr ist wohl, ein guter Vater sorgt für alle seine Kinder.'
Als wir so an der Ebene stillschweigend hinuntergeritten waren, wo alles mir wie eine neue Welt schien, da sprach meines Vaters Knecht: 'Herr, jetzt geht es hellauf.'
'Gut', sagte er, 'in der Hölle wird es ihnen heisser werden.'
Ich blickte um und sah die wohlbekannten Zinnen und Türmchen der beiden Klöster hellflammend; erst glaubte ich im Morgenrot, aber die Mauern wurden durchsichtig, und der irdische Dampf rang mit dem ewigen Lichte; da wandte ich mein Pferd und wollte zurückeilen: 'Gott, meine Schwester!' rief ich.
'Sie ist nicht mehr dort', rief mein Vater, 'sie ist nicht mehr hier, kein Auge kann sie sehen, kein Ohr sie hören, sie lebt in den Gedanken, sie ist bei Gott!'
'So will ich bei ihrem grab bleiben und wie eine Zypresse einwurzeln', rief ich.
'Ihr Grab ist nirgends', sagte mein Vater, 'der teure Leib ist zu Asche verbrannt, von der Luft verweht; so soll auch dieses Haus der Grausamkeit und der Schande zu Asche verwehen, denn dieses Feuer habe ich angelegt.'
'Vater, Eure Worte haben mich wie Stahl gehärtet, sagt