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das Haupt, neben ihm ging ein anderer ohne Fakkel mit dem Kruzifix, der ihm die hände faltete und mit ihm betete; ein Laienbruder mit glänzendem Beile folgte beiden. Diese drei traten in die Mitte des Kreises, der Mönch ohne Kappe kniete nieder, betete, legte sein Haupt auf den Block, und der Laienbruder trennte es mit einem Hiebe von dem Rumpfe, das alles in einer Schnelligkeit, dass mir schwindelte; in halber Ohnmacht hörte ich das Lied "Oremus pro fideli defuncto singen; der Körper wurde zurück in die Totenkammer gebracht, der Zug der Mönche ging bei Glockenklang in die Kirche.

War es die wirkung dieser schaudervollen Erscheinung, oder trug ich die Krankheit schon im Blute, am Morgen lag ich im heftigen Fieber, aus dem ich nur für einzelne Stunden erwachte und bald wahrnahm, dass ich in ein anderes besseres Zimmer gebracht sei, das eine Aussicht auf ein anderes grosses Gebäude hatte. Ich wurde sehr gutmütig in meiner Krankheit gepflegt, ich vermied, von jener Nacht zu sprechen, doch endlich brachte mich mein Wärter, Pater Posidonius, selbst auf dieses Gespräch, indem er mir erzählte, dass ich immer von einem Mönche phantasiert hätte, dem der Kopf abgeschlagen worden. Ich erzählte ihm das schaudervolle Nachtgesicht; er hörte zu und versicherte, das habe alles seine Richtigkeit, ihr Kloster habe das Recht über Leben und Tod, und der Hingerichtete sei wegen einer Verbindung mit einer vornehmen Nonne im Kloster gegenüber hingerichtet worden. 'Hier hat er gewohnt', sagte er, 'von hier sah er zu der Nonne ins Fenster, hier wurde er auf Befehl des Abtes weggebracht, und die Verzweiflung gab ihm den unseligen Gedanken ein, sich kunstreiche Flügel zu machen; das gelang ihm nicht, er kam nicht zu ihr, sondern in den Himmel, es war eine treue Seele; sie weiss nichts von seinem tod und wartet täglich, ihn zu sehen, denn dort haben sie kein so strenges Gesetz wie bei uns. Es wäre ihm auch nie etwas geschehen', sagte der Mönch sachte, 'aber der Abt hat selbst ein Auge auf die schöne Nonne geworfen.'

Kaum war der Mönch fort, so sah ich verwildert im Zimmer umher, ich wünschte mich weit fort, ich dachte, der Unglückliche werde mir missgönnen, durch das Unglücksfenster, was ich bisher nicht der Mühe wert geachtet hatte, hinauszublicken; wenn eine Maus durch die kammer lief, glaubte ich seinen Geist herschreiten zu sehen. Kaum war ich hergestellt, so wollte ich weiterziehen; aber mir ward angedeutet, dass ich die Mühe und die Kosten, die ich dem Kloster gemacht, durch kirchliche Dienste abverdienen sollte, so blieb ich halbgezwungen zurück. O wäre ich mit Gewalt herausgebrochen, hätte mein Leben selbst nicht geschont!

Es war an einem Sonntag abend, als ich ermüdet vom Beichtstuhl mich an das Fenster setzte, um die frische Luft zu geniessen, die, mit Wohlgerüchen aus dem Garten der Nonnen durchdrungen, sich begierig in unsere Zellen ergoss; da sah ich zum erstenmal nach dem Turme mir gegenüber und erblickte in der höchsten klarheit bei einer Lampe eine Heilige an einem Stickrahmen, denn heilig war sie mir, das schwöre ich im Anblick der Waage, die vor uns am Himmel sichtbar geworden, mag der ewige Richter mein Herz wägen. Mein Auge sah immer weiter und klarer, mir ward, als stände ich unsichtbar neben ihr, so sah ich mich hinein in jeden Zug des hohen jugendlichen Gesichtes; ich fühlte zu ihr alle Liebe, die ich bei meiner Schwester aufgegeben. Sie fuhr plötzlich von ihrer Arbeit auf, versteckte sie unter ihrem Bette und entriegelte die Tür; es trat eine fröhliche alte Nonne mit einem Schachbrette herein, sie küsste meine Heilige, beide setzten sich näher zum Fenster und legten das Schachbrett auf einen kleinen Tisch; die Heilige spielte mit den weissen Schachfiguren, die Alte mit den schwarzen. Das Spiel begann; ich sah die sanfte Aufmerksamkeit der Heiligen, die Bosheit der Alten; jene betete, diese fluchte mit ihren Augen, und beiden wurde gewährt. Die Nachtfalter, die erst vor dem Fenster und an der Lampe sich umhergetrieben, verwandelten sich in Gestalten; rötliche kleine buntgeflügelte Engel umflogen die Heilige und setzten sich auf die Figuren, die sie ziehen sollte; dahingegen kleine schwarze geschwänzte Teufelchen mit Fledermausflügeln die Gegenzüge der Alten bezeichneten. Der Kampf des Guten und Bösen wurde auch in meiner Brust gestritten bis tief in die Mitternacht; endlich sah ich, dass meine Heilige ermüdete, sie sah nicht mehr die Engel, und die Alte ging triumphierend mit dem gewonnenen Spiele fort. Die Heilige sank ermüdet über den Sessel, und die Teufel und der Wind spielten in den Falten ihres Gewandes. O du heiliger Gott, welch ein weltträumender Sinn ging mir da auf, dass ich die Welt hätte verachten mögen; weichliches Gras des Frühlings und glatte Früchte des Herbstes und Sommerquellen und Winterschlaf, alles in erstem Weine des Lebens berühret, erstes Atmen des lebendigen Wortes, worin die Welt sich verklärt; Wunder des Glaubens, das Unmögliches der sehnenden Seele gewährt; Fülle der Freude, die in allem widerklingt, von allem uns wiederkehrt: ihr seid doch geahnt; aber die Liebe in einem kindisch-ernsten Gemüte, die in einem Augenblick Jahre reift, die ist nicht geahnt in den Abgründen ihrer trauernden Wollust, die den Menschen vernichtet, während er mit allem Leben zu prangen scheint.

Lieber Sohn, ich vergesse, dass ich dich