er starb auf der Wacht, nachdem er mich mehrere Jahre in dem Geheimnisse der Krone und der Gänge und des Gebetes wohl unterrichtet hatte. Das alles sollst auch du lernen, mein teurer Sohn Anton, wenn du erst zu verständigen Jahren gekommen und Rinde angesetzt hast auf deine glatte Stirn. Von meiner Mutter weiss ich nichts, als dass ich damals ausser ihr nichts wusste; sie spann viel und stand dazu früh auf; von ihrem feinen Gespinst kommen alle die feinen Gedekke, worauf in der Kronenburg am Todestage Konradins gespeiset wird. Wenn sie nun bei einem Kienfeuer im Kamin früh Morgens aufsass, da ruhte ich nicht mit Schreien, bis sie mich auf ein Kissen an die Erde gelegt; da lag ich auf dem rücken und spielte mit meinen Füssen, und sah sie wohl stundenlang an und lachte, wenn sie sang. Weiter weiss ich auch nichts von ihr, dabei sog ich an meinem Finger, was sie mir oft verbot, aber ausser meinem Kissen und meinem Finger hatte ich gar kein Spielzeug."
"Vater", fragte Anton, "weisst du nicht mehr, was Frau Katarina, die Grossmutter, gesungen? ich höre gern alte Lieder, denn man weiss doch nicht recht, wo sie herkommen."
"Ein paar Reime sind mir so geblieben", sagte Rappolt, "nicht aus der frühen Zeit, sondern weil sie mein Vater immer zu ihrem Angedenken wiederholte:
Mein Mann ist auf der Wacht
Die lange schwarze Nacht,
Und wenn der Morgen graut,
Und wenn der Nebel taut,
Hat er sich müd gedacht,
Da bin ich frisch erwacht.
Gott segne ihn, Gott stärke ihn
Und lass ihn bald zu Tale ziehen.
Ich hab nur kurzen Schlaf,
Weil fern mein lieber Graf;
Noch ruhen Hahn und Kind,
Es geht ein scharfer Wind;
Doch fahr ich in die Schuh,
Ich habe keine Ruh;
Gott segne euch, Gott stärke euch,
Ihr lieben Kinder, allzugleich.
Von grauer Asch bedeckt
Liegt helle Flamm versteckt,
Und dieses Feuers Stärk
Zeigt Gottes Gnadenwerk.
Ich arbeit nicht allein,
Gesellig ist der Schein,
Gott segne ihn, Gott hüte ihn,
In Ruh will ich den Faden ziehen.
Ist mein Gespinst zu ende,
Streck ich zu Gott die Händ
Und harre stille sein
Im Totenhemde fein,
Jed' Kind ein Hochzeitemd
Aus gleichem Stück bekömmt;
Gott segne sie, Gott stärke sie,
Wenn ich zu meinem Heiland zieh.
Sieh, lieber Sohn", fuhr Rappolt mit ungewohnter sanfter stimme fort, "was sie gesungen, das ward an ihr wahr, aber nicht an uns; sie starb so weg, kein Mensch wusste wie, ich weiss es auch nicht recht, denn ich lief damals schon meinem älteren Bruder Wolf und der Schwester Gloria nach und hatte die Mutter etwas mehr vergessen. Als sie aber tot war und zur Erde bestattet wurde, da schrieen wir alle erbärmlich; doch, wie es bei Kindern geht, eine alte Magd, die uns alles Gute tat, hatte bald unsre Liebe zur Mutter geerbt; auch wuchsen wir selbst allmählich an, dass wir nach unsrem kopf wirtschafteten. Wir hielten alle drei auf strenge Ordnung, da war kein Winkelchen in unserm Zimmer, das nicht zu etwas Bestimmtem benutzt wurde. Ich trieb viel Vogelstellerei und hatte die eine Wand mit ausgestopften Vögeln besteckt; nebenbei war ein Bauer mit lebendigen Vögeln, die ich in allerlei Sangweisen abrichtete, sowie ich auch noch jetzt das wilde Geschrei von allen so genau nachzumachen weiss, dass sie scharenweis zu der Kronenburg geflogen kommen und dort überwintern. Meine Schwester Gloria war sehr geschickt mit der Nadel in allerlei künstlichem Werk; auch spielte sie das arabische Schachspiel besser als wir beide, worüber wir uns oft geärgert hatten, ihr Gerät stand zwischen den Fenstern auf der andern Seite. Mein Bruder Wolf war recht fleissig in aller Art Gelehrsamkeit, und täglich besuchte ihn ein Mönch aus der Gegend, der ihm in allem gelehrten Wesen Unterricht gab; sein Schreibtisch und sein Bücherschrank besetzten die dritte Seite, an der vierten stand der Esstisch. So lebten wir einen Tag wie den andern, und jeder lernte mit dem andern; wir sagten es uns nie, wussten es auch nicht, hatten einander aber so lieb, dass wir keinen Unterschied zwischen einander zu machen wussten; auch schliefen wir noch, wie in unserer ersten Kindheit, in einem grossen Bette zusammen, beteten zusammen und küssten uns, ehe wir einschliefen.
Lieber Sohn, zuweilen haben die Väter gross Unrecht; der Himmel verzeihe meinem Vater, wie er uns einmal des Morgens aufgeschreckt, unter fürchterlichen Schimpfreden und Flüchen, die wir nicht verstanden, aus dem Bette riss und einzeln seinen Leuten übergab. Er hat mir in späten Jahren erst anvertraut, was ihn damals zu dem gewaltsamen erscheinen gebracht: es war die Warnung des Niklas, Fabians verruchten Vaters, den wir nicht leiden mochten: wir trieben schändliche Sünden, deren Namen meine Lippen verunreinigen würden, zusammen; er möchte nur frühe kommen, so würde er uns in einem Bette finden, obgleich drei andere für uns bereit ständen. Als er uns nun in dem grossen Bette angetroffen, hatte er in Wahrheit gemeint, der Teufel habe uns zusammengeknebelt; er brachte uns beide, um Busse zu tun, in zwei entfernte Klöster, und meine Schwester zu einer reichen adligen Witwe ihrer Verwandtschaft in Konstanz. Nicht einmal einen Abschied gönnte er uns Kindern, sondern einzeln schleuderte er uns aus dem Zimmer und befahl