1817_Arnim_006_138.txt

fiel sein erster blick, und er dachte wieder, wie sonderbar es sei, dass er jedesmal, wo er verwundet gewesen, als er das Bein gebrochen, als er von den Rittern niedergeworfen, denselben Traum träume. – Jetzt sah er aber auf und erst wischte er sich die Augen, denn wirklich zierte die Wand ihm gegenüber das beschriebene Bild, auf die Mauer gemalt; die grünen Vorhänge deckten wohltätig die Fenster zu, er fühlte, dass er hier schon gewesen und tausend Freuden als Kind mit erster warmer Frühlingsluft hier eingesogen.

In diesem Aufbrausen alter Zeit trat der hohe ernste Alte ins Zimmer, der ihn vom feld fortgetragen, ergriff seine Hand und drückte sie kräftig. – "O mein Vater!" rief eine innere stimme aus ihm, "wie habe ich dich so lange nicht gesehen; wie ist deiner Augen Licht erloschen!"

Der Alte sagte, seine Hand loslassend: "Du schwärmst, junger Mann; zwar bist du ähnlich meiner Jugendzeit, und darum bist du mir lieb, aber meinen einzigen Sohn hat ein Wolf zerrissen und seines Lammes geschont."

"Ich bin's, Vater!" rief Anton, "wo ist mein Lamm geblieben? ich hatte es so lieb; wo ist Fabian, der mit mir spielte, dem ich meine Kirschen schenkte?"

Der Alte stutzte. – "Fabian, der heuchlerische Satanas! ihn wollte ich niederschiessen, als ich dich getroffen habe."

"Das war Fabian?" fragte Anton; "bei uns hiess er Seger; da sei ihm verziehen, ich hatte ihn so lieb wie meinen Gott."

Der Alte wischte sich die Augen und seufzte: "O lass mich träumen, harter Gott, der immer seinen armen Knecht Rappolt gnädig liess erwachen; schenk mir den Glauben, dass der fremde Mann mein Sohn; ich will ihm alles Gute tun, als wär's mein liebes Kind; ich will ihm zeigen seine Herde, die aus den beiden Lämmern ist gezeuget und geboren!" – Bei diesen Worten ging der Alte hastig zur Tür hinaus.

Anton sah starr nach dem Bilde; da hörte er ein Getrappel auf den Treppen, als käme eins der kleinen Völker zu ihm, die nach alten Sagen in alten Schlössern hausen und in gewissen Zimmern und zeiten ihre Feste feiern sollen. Er hörte die kleinen Ritter gegen die Türklinke springen, aber vergebens, sie war zu hoch. Susanna sprang auf und öffnete sie; aber eine gedrängte Herde von Schafen, die nimmer geschoren in prachtvollen breiten glänzenden Pelzen prangte, riss sie fast nieder. Die ganze Herde schien mit wunderlicher Neigung in das Zimmer und dann zu dem Bette des Verwundeten zu dringen, denn einzelne stiegen über die andern fort, und der Alte konnte sich kaum durch ihre Mitte drängen. Die Schafe stiegen aber mit den Vorderfüssen auf Antons Bett und leckten ihm die hände und reichten die weichen Schnauzen an seinen Mund.

"Du bist mein Sohn", rief der Alte, "du bist mein verlorener Anton! sie kennen dich, weil ihre Eltern von dir aufgezogen. Ach, wenn das deine Mutter noch erlebt hätte; aber sprich, mein einziger Junge, wie bist du uns entwendet?"

Anton besann sich; – "Weiss ich es doch selbst nicht, wie es auf einmal anders geworden und wie ich einen andern Vater, Martin Sixt, und eine alte hässliche Mutter, Sybilla, bekommen; aber das weiss ich noch, dass Fabian mir sagte, er wolle mir zeigen, wo bei Tage die Nacht sei; dann führte er mich in eine Höhle, und da ich müde wurde, nahm mich drin ein fremder Mann auf die arme, und so kam ich von einem zum andern, und zuletzt blieb ich bei dem alten Maler."

"Fabian!" rief der Alte, "du bist Satanas; denn deine Jugend hat an Lastern die alte Welt überboten. O mein Sohn, was wird es für schwere zeiten geben, wenn die Teufel so von allen Seiten schon losgelassen werden!" – Bei diesen jammervollen Worten setzte er sich auf einen grossen Sessel nieder und sang seinen Schafen:

Schäflein drängt euch dicht zusammen

In der heissen Mittagsstunde:

Einsam steh ich in den Flammen,

Macht der Teufel seine Runde

In der schwarzen Mitternacht.

Schäflein lasst die Glocken klingen,

Dass ihr nimmer euch verirret.

Denn wenn ich muss einsam singen,

Meine Seele sich verwirret

Vor des Teufels stiller Macht.

Der Alte hielt sich nach diesen Versen beide Augen zu, die Schafe flüchteten ängstlich von ihm; Anton erschrak, aber Susanna trat hin zu dem Alten und fasste unerschrocken seine Stirne, die herabhing, und drückte sie mit beiden Händen.

"Du guter Engel", sagte der Alte, "du hast mir wohlgetan; habe Dank! es sind so Schwindel, die ich der grossen Einsamkeit und vielem Kummer zu danken habe. Ach, lieber Sohn, wenn du, wie ich, dein Leben verwacht hättest auf der Kronenburg, starr hingerichtet mit aller Aufmerksamkeit auf nichts, denn du lauerst stets, ob nicht der Verräter nahe, und niemand dringt in die einsame Wildnis, so dass die Vögel zahm mit dir frühstücken, da würdest du nicht mehr wie eine Blume mit deinen Augen in die Welt sehen."

"Hoher Vater", sagte Anton, "erzählt mir von dieser Burg." –

"Es kommt wohl noch die Zeit dazu", meinte der Alte nachdenklich