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geschichte; er müsse wohl manches erfahren haben.

"Ich könnte Euch ein paar Jahre davon berichten", antwortete Seger, "aber Ihr sollt die Zeit nicht verlieren; Ihr seid in Euren besten Jahren, Ihr sollt mir helfen. Ich bin in jenem Fürstenhause geboren, das dort so weiss aus den Tannen hervorsieht; es war ein Jagdschloss der Herzoge von Schwaben und gehört jetzt den Graten von Reck; es hat viel Gelass, um alle Sünden und Missetaten zu bergen, viel heimliche Eingänge unter der Erde, wo sich das Laster einschleicht; so kam auch ich auf einem Schleichwege in die Welt, denn meine Mutter war eine Nonne, die sich Agate nannte. Ich habe sie nicht gekannt, denn Niklas, mein Vater, hatte sie umgebracht, weil sie mich durch die Kraft des Grafen in die Welt gesetzt hatte, was mir doch recht lieb war, denn ich hätte sein Sohn nicht sein mögen. Darauf übernahm er meine Erziehung mit grossem Ernste; zuerst musste ich den Leuten, die bei uns einkehrten, die Sacktücher und Handschuhe, wo sie einen liegen liessen, verheimlichen; dann musste ich ihnen die Geldbeutel, wenn sie beim Weine eingenickt waren, entfremden; ich tat das so im Spiel. Da schickte er aber eine böse Magd mir zu, die musste sich verliebt in mich stellen und mich in ihre Gewalt bringen; die beredete mich, einem Bacchanten aufzulauern, der oft bei uns verkehrte und von dem sie behauptete, dass er ihr mit seiner Liebe nachstelle. Es ward mir recht sauer; ich lag wohl eine halbe Stunde im Dorngebüsch, und die Spechte hackten so fürchterlich an den Bäumen; auf meine Armbrust, die gespannt neben mir im Grase ruhte, kroch eine grosse schwarze Waldschnecke und streckte bei der Spitze des Pfeiles, der darauf lag, ihre Fühlhörner in die Weite; ich aber blickte auf und sah den Schüler in seinem weiten schwarzen Mantel einherkommen, wie er einen Apfel ass, den ich noch am Morgen mit Verlangen auf dem Schranke der Magd gesehen hatte. Meine Armbrust war in meiner Hand, ich wusste nicht wie, gezielt und losgedrückt, und der Bacchant schrie, als hätte er Bauchkneifen, und da war's still, ich aber lief hin und sah ihn recht an; eine Seele konnte wohl nie in ihm gewesen sein, denn um das bisschen Eisen, was ihm im Herzen steckte, war sie heraus gefahren. Darauf kam die Magd gelaufen und mein Vater; sie nahmen alles Geld aus seinen Taschen, aber das freute mich nicht ich wollte seinen schwarzen Mantel haben, aber den wollten sie nicht geben, weil es sonst auskäme; darüber schlug ich auf meinen Vater, dass er mich verfluchte. Beim Abendbrote war alles wieder vertragen, da herzte mich die Magd, und mein Vater litt es. Darauf erklärte er mir die ganze Welt und wie es aller Orten zugehe, dass immer einer den andern bestohlen und umgebracht, die Fürsten den Edelmann, der Edelmann die Bauern; weil es denn so artig zugehe, hätten sie sich als freie Leute im wald auch dazu vereinigt, und ich hätte mein Probstück abgelegt und sei nun auch ein rechter Kerl, der ihn einmal, wenn er alt und schwach und zu nichts mehr gut, aus der Welt schaffen sollte."

Dem guten Anton wurde bei diesen Worten der Wein kalt, er sah sich mit einer schmerzlichen sehnsucht nach seiner Susanna um; sie stand aber unter dem Hügel. Der Himmel war rot nach einer Seite und schwarz gestreift; er meinte, dass Augsburg noch brenne, und sah wieder auf Seger, der mit grimmigem Hohn fortfuhr:

"Meines Vaters Segen machte mich herzlich froh; ans Lernen brauchte ich nun nicht mehr zu denken, ich wurde zu allem mitgenommen, lernte meines Vaters Raubgesellen kennen und dachte mir, dass es nicht anders sein könne; ich schmierte meine Haare mit Speck ein wie sie, konnte hungern und saufen wie sie; die Mädchen taten mir schön, obgleich ich dürr aussah wie ein Käfer; ich brachte ihnen immer was mit vom zug. So ging ich in meiner Spielerei als Bettelknabe verkleidet gar oft durch den Wald. Da trat ich einstmals an einen schmalen Steg, wo über ein laufendes wasser ein einziger Baumstamm führte. Als ich darüber gehen wollte, trat mir ein Mann in schwarzem Mantel mit dem Apfel in der Hand entgegen; es war der Bacchant, den ich erschossen hatte, und ich zitterte so entsetzlich, dass ich weder rück- noch vorwärts konnte. Er trat mir aber ganz nahe und zischte mir leise in die Ohren: 'Bring mir deines Vaters Blut, so geb ich dir meinen schwarzen Mantel!' In dem Augenblicke tat die Luft einen blauen Donnerschlag neben mir nieder; als ich wieder zu mir kam, lag ich im wasser mit den Beinen, und es war beinahe dunkel. Als ich nach haus kam, war ich ganz verwildert; sie brachten mich zu Bette. Immer sah ich den Bacchanten, der auf meinen Vater wies, als wollte er sagen: 'Stoss zu auf den, du hast ja ein Brotmesser neben dir.' In dieser Krankheit ward ich ein grimmiger Sittenrichter, denn wenn ich den Bacchanten sah, so fing ich an den Vater zur Tugend zu ermahnen; wenn ich aber nüchtern wurde, machte ich Verse, über die mein Vater grosse Freude hatte. Weil wir nun eben so lustig zusammen sind, will ich Euch ein Lied vorsingen,