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dieses Frevlers Leiche den heiligen Boden nicht besudele; jetzt wartete er noch ein paar Stunden als Wächter und ging dann mit einer inneren Zufriedenheit nach haus, um sich bei seiner Frau zu stärken und zu erfrischen. Hier erwartete ihn ein neuer Kampf.

Ein Haufen hatte ihn erkannt, war in sein Haus gedrungen, hatte mit entsetzlichem Toben der Frau erzählt, wie sich ihr Mann gegen sie vergangen habe, wie sie nur aus Mitleid ihr das Leben liessen, hingegen alles andere rauben wollten. Sie waren in dieser fürchterlichen Arbeit, als Anton vor das Haus trat: einer schüttete Federn zum Fenster hinaus; ein andrer durchtrat ein Christusbild, das ihn in der Zerstörung noch mild lächelnd anblickte; ein dritter hatte einen Teerpinsel gefunden und besudelte das Bild am Giebel, das zu der Bekanntschaft Antons die Veranlassung gegeben; einer aber, ein gewesener Prediger, schrie ununterbrochen eine Stelle aus dem Propheten Michä I, V. 7: "Alle ihre Götzen sollen zerbrochen und alle ihr Hurenlohn soll mit Feuer verbrannt werden und will alle ihre Bilder verwüsten: denn sie sind von Hurenlohn gesammelt und sollen auch wieder Hurenlohn werden." Diesen Schreier warf Anton zuerst darnieder, dann rannte er schäumend vor Wut, in das offene Haus, und wer ihm nicht auswich, fiel unter seinen Streichen, ungeachtet er seinen Spiess aus Heftigkeit weggeworfen und bloss mit der Faust auf seine Gegner eindrang. Als alle andern geflüchtet waren, legte er zwei Tote und vier Schwerverwundete vor die Tür; da jammerte ihn der Tod dieser Leute, und seine Frau machte ihm harte Vorwürfe, dass er durch seinen törichten Eifer ihnen das letzte zu ihrer Unterhaltung geraubt; es ward ihm zu Mute, als sei nun alles aus. "Sind sie denn auch bei dem Silberzeuge gewesen?" fragte er kalt; er wollte ihr seine alte Sünde mit den beiden Bechern beichten. Da weinte sie statt der Antwort und sagte dann: "sieh selbst zu."

Er ging hinauf und fand die Schränke leer; jetzt fühlte er, dass er sich und die Seinen auf eine Art ernähren müsse, und seine einzige Geschicklichkeit, auf die er bisher rechnen konnte, seine Fertigkeit, heilige Bilder zu malen, die galt nichts mehr, wo so viele hochheilige alte Bilder an allen Orten zerstört oder nur mit Mühe bewahrt werden konnten, wo alle Opfer und Einnahmen den Kirchen versagt wurden; doch fühlte er in sich eine Art Trost, dass die geschichte mit den Bechern seiner Frau vielleicht verborgen bliebe und dass er dieser Beschämung überhoben sei.

Er trat stille in ihr Zimmer, wo sie ganz erschöpft mit herunterhängenden Armen auf ihrem stuhl sass; es war finster, der Mond beschien ihre beiden Kinder, die neben ihr schlummerten; die Kinder kannten ihn noch nicht, und im Herzen der Frau sprach nichts für ihn; er schien ihr ein schrecklicher Riese, der all ihr Glück durch sein Ungeschick zerstört hatte. "Ach wäre nur mein guter sel'ger Mann nicht gestorben!" rief sie endlich, und er wiederholte: "Wär nur der gute Bürgermeister nicht gestorben, da könnte ich mir jetzt schon ritterliche Ehre erfochten haben; was soll nun aus mir werden, wer mag jetzt noch Bilder kaufen!" Dieser neue Kummer war ihr noch nicht in die Seele gedrungen, jetzt aber rief sie: "Wehe dir, du unnützer Mann, so bist du zu gar nichts tauglich." Dies Wort stach ihm durchs Herz, dass ihm fast der Atem versagte; er hätte sich in Zorn entladen, wenn nicht in dem Augenblicke an die Haustür geklopft worden wäre.

Er sah zum Fenster hinaus, es war ein einzelner unbewehrter Mann; er kannte ihn nicht, machte aber doch auf und führte ihn in seiner Frauen Zimmer. "Ihr kommt von den Geistlichen?" fragte Anton; aber zugleich erkannte er Segern, der sehr bleich aussah, im Mondenscheine, schauderte zusammen und meinte, dass ihn ein Toter besuche. "Ihr erstaunt", sprach Seger, "Ihr glaubt mich tot, eine Katze lässt sich nicht leicht totschlagen; kaum waret Ihr fort, so sprang ich auf; die Stichwunde und die Beulen haben nicht viel zu bedeuten; seid Ihr denn rasend gewesen, mit einem alten Freunde so umzugehen, wenn er Euch auch um ein paar Taler betrogen hat?" – "Wahrhaftig", sagte Anton, "darum war ich so giftig nicht, sondern weil Ihr mir das Liebste beschimpfen und zerstören wolltet, das einzige, wovon ich lebe." – "Ei was", meinte Seger, "du lebst vom Essen und Trinken; hier findest du beides nicht mehr, denn die Geistlichen schützen dich wahrhaftig nicht, wenn du wegen der Leute in Anspruch genommen wirst, die in deinem haus erschlagen; du weisst, es sind angesehene Bürger. Komm mit mir heimlich fort, ich war von den Leuten zu ihrer Partei gezwungen, so würde es dir auch gehen; komm mit zu Schärtlin, der sammelt Landsknechte, und du verstehst dich aufs Fechten, du kannst dein Glück machen."

Anton stand verwundert vor Seger; der Gedanke an ritterliche Taten war ihm oft durch den Kopf gezogen, aber seine Haut als gemeiner Landsknecht zu Markte zu tragen, das war ihm ganz fremd; Weib und Kind aufzugeben, die er so lieb hatte, es war ihm zu hart; und so wandte er sich in der Hoffnung, dass sie es ganz abweisen werde, zu seiner Frau: "