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zu zerstreuen suchte; bald meinte er, ob es besser sei, das Vorwerk jetzt zu verkaufen oder es aufzubauen. Die Frau stimmte aber für das Letztere und meinte, dass dazu die silbernen Pokale und Becher aus des Mannes Erbschaft verkauft werden sollten.

Anton wagte die Augen nicht aufzuschlagen, er dachte sich den Lärmen, wenn der Verlust der beiden bedeutendsten Stücke entdeckt würde, und brachte es durch seine Beredsamkeit dahin, sie zum Verkaufe zu überreden. Nach acht Tagen, wo Antons unverwüstliche Gesundheit alle Beschädigung überwunden hatte daran mancher andre gestorben wäre, ging er nach dem Ratskeiler und wurde bei einem Becher Wein mit dem Wirte eines Kaufs einig, der ganz billig war, da Seger sehr lebhaft für Anton gesprochen hatte. Aus Dankbarkeit tat er Seger den Gefallen, ihm das Kapital zu einem gewohnten Zinse auf seine Häuser und Gärten zu leihen, die sehr ansehnlich waren, sowie auch Seger überall für einen wohlhabenden Mann galt. Frau Anna war zwar böse, dass er mit dem schlechten Menschen dadurch in Verbindung bleibe, sie konnte aber das Geschehene nicht ändern; auch war sie jetzt mit ihrem kind sehr beschäftigt, das so ausserordentlich zunahm, als wolle es den Vater bald einholen. Anton, im geheimen Bewusstsein der Schuld mit den Bechern, wurde in dieser Zeit so demütig wie in der ersten seines Ehestandes; doch begegnete sie ihm mit gleicher Härte, die er während der zeiten seines wüsten Herumlebens in ihr notwendig gemacht hatte. Er dachte auch wieder an die Malerei und verfertigte einen St. Sebastian und einen St. Petrus, die ihm gut bezahlt wurden. Freilich war diese Einnahme immer nur gering gegen die Ausgaben, die ihm solch Bild machte. Um ruhig und ausdauernd zu malen, musste seine Weinkanne nie leer werden; es blieb immer nur wenig übrig, um die beiden Becher, wie er sich vorgenommen hatte, früher zu ersetzen, ehe die Frau den Verlust wahrnehmen könne.

Aber ein neues Unglück störte diesen Frieden von neuem: Seger lief davon und hinterliess so viele Schulden, dass seine Häuser und Gärten ihnen nur für ein Zehntel Ersatz gaben. Die Nachricht setzte Frau Annen ganz ausser sich; sie schimpfte, sie schlug ihren Mann, wo sie ihn traf, und dieser im Bewusstsein, wie viel mehr er noch verschuldet, ertrug alles geduldig. Sie gab ihm nur noch wenig Wein; er malte desto fleissiger, und die Geistlichen gaben ihm grosse Bestellungen. In der Not, worin ihn die Frau erhielt, in der Liebe zu seinem Knaben, die ungemein gross war, fing er an, was er so machte und gemacht hatte in handwerksmässiger Gewohnheit und besondrer Anlage, näher zu betrachten; es kam ihm selbst wunderbar vor, was er hervorbringe; es konnte sich doch nichts von allem in der Gegend damit messen, und seines Vaters Bilder waren neben den seinen kaum zu dulden; insbesondre konnte er nicht begreifen, woher ihm die frommen stillen Gesichter kämen, da er selbst einem lustigen Landsknecht glich, auch nur mit lustigen Leuten gern umging. Da meinte er, das müsse wohl von seiner Frau ihm so vorschweben, die bei aller Härte gegen ihn doch immer ein sehr mildes heiliges Gesicht bewahrte, auch fleissig betete; der Gedanke vermehrte seine achtung gegen sie; er schlich ihr oft nach, beobachtete sie und fand dann immer, dass seine Marien und andere heilige Frauen natürlicher würden und mehr Beifall erhielten.

Als er sich so mit eigner Gesinnung seiner Kunst widmete und aus dem Handwerke hervorstrebte, griff die von Karlstein verbreitete Bilderstürmerei auch bis in diese Gegenden um sich; der Vorwand, den Götzendienst zu zerstören, brachte eine Menge liederlichen Volkes zusammen, welche die Kirchen beraubte. Mit grosser Wut sprach Anton in seiner Stadt gegen die Lehre, ja er verfluchte Luter und alle seine Anhänger, weil durch sie dieser Wahnsinn aufgeregt worden, und wirklich hatte seine stimme sein körperliches Ansehen die Macht, lange Zeit alle in Ordnung zu halten. Endlich drang aber Seger, als Anton gerade wegen der Überbringung eines Gemäldes abwesend war, mit einer Schar schwärmender Landsknechte in die Stadt und hielt Predigten vom wahren Glauben. Sein Haufe vermehrte sich schnell, und sie wollten eben in die Stadtkirche dringen, die von den Geistlichen stark verriegelt war, als Anton anlangte, von dem Lärmen hörte, sich mit einem Spiesse bewaffnete und durch hülfe der Geistlichen auf geheimen Wegen in die Kirche kam, um sie zu verteidigen.

Der Anlauf gegen die tür ward immer wilder, endlich hob der Haufe ein Stück Bauholz zur tür und schwang diese wie einen Mauerbrecher dagegen; die Riegel sprangen und alle, Seger voran, jubelten, dass alles gelungen, als ihnen Anton aus dem Dunkel der Kirche mit donnerndem Fluche und glänzendem Spiesse entgegentrat. "Dass eure Augen ausfallen, ihr Frevler!" rief er mit grässlicher stimme und stiess Seger, der nicht weichen wollte, nieder. "Du sollst den Herrn nicht betrüben, wie du mir getan", rief er weiter, "du sollst noch der Arm seiner Gerechtigkeit werden." Bei diesen Worten ergriff er ihn beim Fuss und schmetterte mit ihm, wie mit einer gebrochenen Keule, auf die rasenden Stürmer los, die von dieser Riesenkraft erschreckt, sich nach allen Richtungen fortflüchteten. "Ihr Wiedehopfen, die ihr euer eigen Nest besudelt", rief er ihnen nach, "habt ihr so viel Herz euren Herrgott anzufallen, und lauft davon vor einem Menschen?" Segern legte er in einen Winkel vor der Kirche, damit