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Unterredung habe sie seine stimme im Keller gehört, und wie ihr das wehe getan, das könne sie nicht verschmerzen, die Frauen hätten sie angesehen und nicht gewusst, was ihr fehle. Als jene aber weggegangen, da sei sie ihm nachgegangen und habe ihren Jammer im Keller gesehen, und nun fing sie mit allen Vorwürfen und Klagen ihm die geschichte zu wiederholen an, dass Anton nach ein paar Stunden in heller Verzweiflung aufstand und unter dem Vorwande sich Farben einzukaufen, vor dem Tore in frischer Luft sich zu ergehen beschloss. Er kam auf einen freien Platz mit Bäumen, wo er oft mit seinen Kameraden Ball geschlagen hatte, er dachte sich, mit welcher Ungeduld er sonst dahingeeilt und für alle Quälereien seines Vaters hinlänglichen Ersatz mitten im Staube gefunden, in dem sie sich getummelt, wie sie die Gärten listig beraubt, die Kühe auf der Weide ausgemolken und wie sie sich so vielerlei gedacht, was aus ihnen werden sollte, Ritter und Räte mit goldenen Ketten und Spornen, und wie aus allen so wenig geworden. Er dachte des guten alten Bürgermeisters, wie ihn der in aller ritterlichen Übung unterrichten lassen, und wie ihm alles so wohl angestanden; er dachte, wie ihm die Welt sonst so weit gewesen und wie er nun Abends nicht über seiner Frauen Kammerschwelle hinausschreiten solle. In dem Augenblicke kam Seger ganz allein den Weg zu ihm heruntergeschritten und fragte scherzweis: "Nun, hat's noch viel Schläge von der Frau gesetzt, oder hat sie Euch gar weggejagt? Hört", fuhr er fort, "ich rate Euch als Freund, verliert Eure Hosen nicht in den ersten Momenten, Ihr bringt sie sonst niemals wieder; so einer Witwe müsst Ihr den Daumen aufs Auge setzen, um sie nach der Hand zu ziehen, ich weiss es aus Erfahrung, mein Weib wollt es eben so machen jetzt muss sie kuschen. Ich bin Euch gut, Ihr seid ein Kerl, der überall sein Glück machen kann bei Weibern und bei grossen Herren, was wollt Ihr bei dem weib verjammern? kommt mit in das Jägerhaus, es ist jetzt gut Wildbret und Wein dort, Eure Kameraden, an die Ihr gestern so viel Geld verloren, kommen auch, Ihr müsst es ihnen wieder abnehmen." Anton war durstig und er schämte sich zu sagen, dass er seiner Frau wegen schon nach haus müsste; er schlenderte mit in das Jägerhaus, kegelte erst einen Stamm ab und beredete sich mit dem Jäger zu einer grossen Jagd am andern Tage, dann kamen seine Spiessgesellen, und er spielte und trank mit ihnen. Das Glück hielt diesmal zwischen ihm und den andern die Waage, es wurde ihm so behaglich, Seger erzählte gute Schwänke aus dem Kriege, wie er mit Sickingen gegen Köln gezogen, wie sie die Mönche geärgert, dabei fluchte er auf den Papst, mit dem man damals aus allerlei Gründen unzufrieden war; es wurde von Luter erzählt, wie der des Papstes Bullen verbrannt. Anton bewunderte den tapfern Mann und hätte gern sein Bildnis malen mögen. "Seinem Bilde müssen wir folgen", sprach Seger; "wahrhaftig, die Geistlichen sollen uns hier nicht mehr mit beichte und Ablass martern und abschätzen." Darüber kam es zum Streit, wobei Anton mit seiner Stärke Frieden stiftete. Erst um zwölf Uhr kam er ziemlich bezecht, doch wohl bei Sinnen in sein Haus zurück, wo alles in der grössten Verwirrung durcheinander lief, Frau Anna war auf den Gedanken gekommen, weil sie ihm den Nachmittag so viele Vorwürfe gemacht, er möchte in die weite Welt gelaufen sein, und nun fühlte sie erst recht, wie lieb sie ihn hatte; mit grosser Ungeduld hatte sie Boten auf alle Strassen abgesendet, an alle Tore geschickt, es war ein Lärm in der Stadt geworden, Meister Anton Sixt sei davongelaufen, und alles, was noch im haus deswegen auf und versammelt geblieben, war verwundert, ihn so fröhlich und ruhig eintreten zu sehen. Die Frau war ganz elend vom Schrecken, sie lag bleich auf einem Ruhebette; als sie ihn aber so fröhlich ankommen sah, sprang sie doch aus Ärger auf und über ihn her, er aber sah sie gross an, wie ein Adler, der einer Grasmücke die Eier ausgetrunken, die ihm dafür auf den rücken gesprungen und mit dem Schnabel hackt. Er fragte mit grossen Augen, was denn das bedeuten solle, und erfuhr von den Mägden die ganze geschichte. Diesen öffentlichen Lärmen nahm er ernstlich übel, er schwor, er sei Herr im haus, und wenn sich noch einer unterstehe, ohne seinen Befehl so etwas zu tun, so werde er ihm Arm und Beine entzwei schlagen. Dabei schlug er so grimmig auf den Tisch, dass die Frau in Angst geriet und ihm gute Worte gab; sie wollte ihn auch liebkosen, aber er wies sie von sich. Alle waren über Herrn Anton verwundert, der bisher kaum etwas im haus sich zu erbitten erlaubt hatte; schon den nächsten Tag sah er die wirkung seines Ernstes; während seine Frau noch heftig mit ihm zankte, kam der Hausknecht und fragte ihn, was für Wein er holen solle. Die Frau wollte vor Ärger umkommen, aber er bestellte sich einen teuren Wein und liess sie toben, dass er ihr alles Geld verschleudere. Wollte sie von nun an ein gutes Wort von ihm haben, so musste sie ihm Geld geben, so viel er haben wollte, und stillschweigen, wenn er Abends aus den Weinkellern nach haus kam