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Schenktisch gebannt glaubte, nachdem sie schon Anton in ihre Zimmer und zwar zuerst in das geführt hatte, wo Meister Sixt an dem grossen Familienbilde gemalt hatte, um sich die Farben vor der Dunkelheit zu bereiten. Gleich schickte sie das Mädchen mit der Bitte zur Mutter, dass sie diese Stelle übernehmen möchte. Diese schlug es ihr rund ab, noch tiefer gekränkt durch das, was ihr Grünewald vertraut hatte. Die Gegenwart der Mutter hätte vielleicht dem Unglück vorgebeugt. Anna sagte verdriesslich zu Verena, sie solle zurückeilen, den Ehrenplatz des Wirts möge einnehmen, wer da wolle. Kein Bürger hielt sich bei der Abwesenheit des Bürgermeisters zu dieser Ehre bestimmt, so kam's, dass sich Graf Konrad dahin setzte und Faust, den er auf einmal vertraulich kennen und zu ehren schien, die Oberstelle neben sich einräumte, was manche Bürger so kränkte, dass sie augenblicklich das fest verliessen. Den andern versenkte der gute, alte Wein aus Bertolds Keller allen Ärger, sorge und Vorsicht, viele Gesundeten wurden von Konrad aufs Wohl der Stadt ausgebracht. Auch der Tanz wurde nach Aufhebung der Tische mit freudig taumelnden Herzen von der Jugend, unter Konrads Anführung ausgeführt, während Faust mit Kunststücken, die fast wie Hexerei aussahen, die älteren Leute und die Kinder um seinen Tisch sammelte. Er fragte nach manchem, endlich auch nach Anton, aber keiner hatte ihn gesehen. Doch Sabina trat zu ihm und sagte ihm etwas ins Ohr. Gleich warf er sein Kartenspiel fort, sprang vom Tische auf und redete mit Konrad leise.

Unterdessen war Anton sehr fleissig gewesen. – Als der Aufgang des Vollmonds nahe schien, glaubte es Anna die rechte Zeit, Anton in ihr Schlafzimmer zu rufen. Sie löschte das Licht als ob sie zu Bette gegangen, und rief ihn nicht ohne Zagen hinein. Anton wurde von ihr aus einer Träumerei erweckt, deren Gegenstand sie war. Diese Vertraulichkeiten waren ihm gefährlich, die Heimlichkeit erregte sein Blut, dass er fürchtete, nicht sicher und ordentlich malen zu können. Er trat ein mit den Farben und legte alles auf das Fensterbrett, aber da es noch nicht hell vom Mondschein, so setzte er sich zu Anna in die Nähe des Fensters, wo sie den Aufgang des Mondes beachten konnten. Sie sprachen gleichgültige Dinge, aber doch fühlte er ein Niegefühltes, über das er nie Herr werden könnte, in sich jung werden, alle Seligkeit, welche ein jugendlich träumendes Herz in der Liebe ahndet. Wie ein Mäuslein, das einen reichen Tisch im Dunkel wittert, sich aber noch nicht verraten mag, so sass er still mit glänzenden Augen und immer rief es in ihm: das ist meine Nacht, meine Anna, mein Haus, mein Kind! Auch Anna fühlte ein Wohlwollen gegen ihn, dass er sie aller sorge entreissen wolle, indem er das Bild ändre und nach Nürnberg ziehe, und sprach zu ihm: "Lieber Anton, hier ist Reisegeld nach Nürnberg!" – "Es ist noch nicht verdient", erwiderte Anton, "Ihr seid so gut, jetzt tut es mir erst leid, dass ich wandern soll, aber ich will Eurer Unterstützung Ehre machen bei Dürer; ich komme wieder als ein berühmter Meister, oder nimmermehr." – Nimmermehr, dachte Anna, aber sie sagte es nicht, um ihn nicht zu kränken. "Die Zeit wird auch kommen", sagte sie. Er hatte sich vor ihr auf ein Knie niedergelassen und ihren Fuss geküsst, sie drückte mit dem Fuss ganz leise seine Hand, die er ihm als Teppich untergelegt hatte. Die Blüten der Orangen wehten jetzt ins offene Fenster und Anna sagte: "Steht auf, Anton, der erste Rand des Monds steigt über die Häuser, wie ein umgestürztes Glutschiff, er ruft zur Arbeit, dass er nicht untergeht, ehe Ihr fertig seid." Sie wollte ihm die Hand reichen, um ihm aufzuhelfen, aber, nach dem mond schauend, verfehlte sie die Hand und fuhr über den schönen Umriss seines Gesichts, dass er sich lebendig in ihr gestaltete, sie hätte ihn in Ton darstellen können, wenn sie die Bildnerei damals schon getrieben hätte. "Nun weiss ich, wie es den Blinden geht", sagte sie verlegen, "und wie sie die Leute kennen!" – Und er entgegnete: "Und ich weiss nun, wie einem Menschen zu Mute, der sehen lernt, denn mit Eurer Hand kamen mir die ersten Strahlen ins Auge und nun sehe ich schon Euer Antlitz im Mondenschein." Er erhob sich und sehnte sich zu ihrem mund, denn seine hände waren von der Arbeit gehärtet und er fürchtete mit einem Druck derselben sie zu verletzen, so schwankte er nach ihrem mund und wieder zurück und er konnte sie nicht erreichen, denn schon stand der reine Mond über der Erde und die Wolkenengel verbargen scheu im Kreise umher ihre Angesichter unter farbigen Flügeln. "Der Mond ist rund und voll", sagte Anna, "er schaut durchs Fenster, wie Ihr damals an meinem Hochzeitmorgen, der Markt ist leer, drüben ist alles beim Tanze eifrig versammelt, eilt Euch lieber Anton; hier ist der Mantel der Verena, hängt ihn um, diese Tücher über die Leine, so kann Euch niemand sehen, viel weniger erkennen." – Anton folgte ihrem Befehl ohne Anstand und, wie er so verkleidet hinaustrat, stand nicht Anna, sondern das heilige Bild vor seinen Augen, das ihn am Morgen mit seinem Umriss beglückt