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mir nicht gefolgt seid."

Seinen Nachlass hatte er schon beim Anfange der Unruhen gerichtlich geordnet, Frau Apollonien übergab er die Oberaufsicht der Seinen, so lange Anna noch mit ihrem kind beschäftigt sei. Sie assen schweigend mit einander, als wäre ein Kranker unter ihnen. Nach Tische wurde ein Pferd vorgeführt, Anna und Apollonia weinten gleich heftig, Bertold fühlte sich beklemmt zum Ersticken. Er übersah Haus und Garten noch einmal, und betete in der Kapelle, die eben fertig geworden und geweiht war, da wo ihm das Kind verheissen. Er fühlte sich gefasster, aber als er schon Abschied genommen, an seine Tür trat und einen frischen Maulwurfhaufen an der Schwelle bemerkte, der sich eben herausarbeitete, da fiel ihm Mutter Hildegard ein, die das immer als Zeichen eines Todesfalles angesehen hatte. Er sprang noch einmal zurück, küsste Annen und Apollonien und das Kind heftig, schwang sich, ohne ein Wort zu gewinnen, auf sein Pferd, gab ihm die Spornen und ritt ohne Umblicken fort, damit ihm nicht das Bild am Giebel wieder in die Augen leuchte.

Bald war er bei Frundsberg durch den Ehrenhalt eingeführt, doch gab jener wenig Hoffnung zu Taten; den Herzog hatten die Schweizer verlassen und darum entliess er auch seine Landeskinder zur Verteidigung der Städte. Diese fielen aber ohne bedeutenden Widerstand, jedermann fühlte, der Herzog könne sich nicht halten und er fühlte es auch bald, nahm in Tübingen von seinen Kindern schmerzlichen Abschied und entfloh nach der Schweiz. Der Zug ging nun von einem Städtlein zum andern, gewöhnlich geschahen kaum einige Schüsse, dann wurde unterhandelt. Bertold vergass eignen Kummer bei dem Anblicke der Not, welche die fremden Scharen auf dem land verbreiteten. Die Briefe von Annen und Apollonien waren sein liebster Schmerz und sein einziger Trost, sie benutzten jede gelegenheit, ihm Nachricht zu geben. Einmal berichtete ihm Anna, dass es in der Stadt ein Gespött sei, dass ihr Kind noch nicht getauft worden. Er antwortete ihr froh, dass er nicht dabei zu sein brauche, sie möchte die Taufe und den Schmaus für die ganze Stadt ausrichten, wie er ihn vor den kriegerischen Ereignissen angeordnet habe, er stehe vor dem Assberge und müsse da wohl noch einen halben monat ausharren, das fest könne vielleicht den Seinen die Neigung vieler Mitbürger wieder gewinnen. Bald darauf erhielt er die Nachricht, dass Taufe und fest am Tage des heiligen Anno angeordnet sei (das Kind, so war schon verabredet, sollte diesen Namen führen), er möchte den Tag durch sein Gebet feiern.

Zwei Tage vor diesem festgesetzten Tauftage wurde er zu Frundsberg gerufen und ihm der Auftrag gegeben, in der Hülle eines Pilgers nach Kloster Einsiedlen zu wandern, um auszuforschen, ob der Herzog in der Schweiz werbe und Unterstützung finde. Der Auftrag war gefährlich, jene Seite Schwabens schwärmte von den zerstreuten Anhängern des Herzogs Ulrich, doch freute es ihn, seinen Willen bewähren zu können.

Er zog mit einem frohen Gefühle durch das Land, der Tag der Taufe brach an, er dachte sich lebhaft nach haus, die Sonne brannte, die Luft war schwül. Gegen Abend traf er in Kloster Lorch ein, betete lange in der Kirche und wurde dann von den Mönchen freundlich bewirtet, ohne dass sie nach seinem Namen fragten, denn das Pilgerkleid war ihnen Empfehlung genug.

Die Mönche klagten, dass sie allmählich aussterben müssten, bei der jetzigen Gesinnung der Leute trete keiner in ein armes Kloster und da dies Kloster, nach der Strenge ihrer Gelübde, ihre Welt sei, so hätten sie ein lebendiges Bild vom Weltuntergange in ihrem Kreise, der sich mit jedem Jahre verenge. Bertold sagte ihnen, dass solch ein Aussterben sein Wunsch sei. – "Habt Ihr je ernstlich an das Sterben gedacht?" fragte ihn der älteste der Mönche. "kommt hinunter in die Gruft, wo die Hohenstaufen begraben liegen, und Ihr werdet Euch am Leben fest zu halten suchen." – Bertold schüttelte mit dem Kopft, aber er bat, ihm die Grabhallen zu zeigen, er sei lieber bei den Toten, als bei den Lebenden. – Der alte Mönch strich nachdenklich seinen weissen Bart, ergriff eine Fackel, zündete sie am Herde an und ging mit ihm über den Hof.

Bertold beschaute die Sterne, welche vom nahen Gewitter nicht verdunkelt, in der Schwüle funkelten. – "Was leset Ihr in den Sternen?" fragte der Mönch. – Bertold antwortete nach einem Schweigen: "O wie so oft hab ich ein Zeichen erhofft, zogen Sterne den schimmernden Bogen durch die himmlische Leere, durch die himmlische Tiefe, dass ich der irdischen Schwere endlich auf immer entschliefe. Aber der Morgen löschte die Sterne aus, weckte die Sorgen, weckte des Herzens Haus, und des Alltäglichen Macht zwang die Ahndung der Nacht."

"Auch Euer Stündlein wird kommen!" sagte gleichgültig der Alte, öffnete die Schlösser der Kapelle und führte Bertold in die gewölbten Grabhallen, wo die Hohenstaufen unter einfachen, gehauenen Grabsteinen ruhten. Bertold versuchte die Namen auf den Grabsteinen zu lesen, aber die Buchstaben waren alt und sehr verwittert. "So ist's mit dem guten Namen der Menschen", sagte Bertold, "vom Zufall geschenkt, von der Zeit bald ausgelöscht!" – Der Mönch nannte ihm alle die berühmten Namen der Hohenstaufen, die da eines zweiten Lebens harrten, und Bertold fragte mit unerwartet aufbrechendem Zutrauen: "Ehrwürdiger Vater, wer nun zweimal schon gelebt hat, darf der noch ein