."
Es naht der Herr in dieses Tages Frühe,
Im Erntesegen nahet uns der Herr,
Er lohnet uns Vertrauen, Liebe, Mühe,
Er gibt sich selbst für uns, so lohnet er,
Es ziehen die Könige zum Erntefest,
Wie kann die Hütte fassen solche Gäst.
Die arme Hütte kann sie alle fassen,
Es macht der Glanz sie alle froh und satt,
Und seinen Tron mag jeder gern verlassen,
Der hier noch einen Platz zum Knieen hat,
Es ist ein Kind geboren in dem Glanz,
Ihm bringen sie den reichen Erntekranz.
Aus Ähren und aus Trauben ist gebunden
Der Kranz, den sie dem kind bieten dar,
Sie haben es beim Strahl des Sterns gefunden,
Der noch am Tageshimmel leuchtet klar,
Einst segnet dieses Kind das Brot, den Wein,
Gott wird euch nah im ird'schen Zeichen sein.
Hat euch der Herr im Reichtum sich verkündet,
In seiner Ernten schöner Mannigfalt,
Verkündet ihn der Welt, der euch entsündet,
In dem Geschenk übt göttliche Gewalt:
Gedenkt des Herrn beim Brot, beim Becher Wein,
So kehrt der Herr im geist bei euch ein.
Sechste geschichte
Das Todaustreiben
Wie mag die Erde sich scheuen, wie möchte sie so gern ihren Lauf zurück wenden, wenn sie in den Winterhimmel tritt, der alle ihre Saaten verschüttet. Sie ringt vergebens gegen ihren eignen Umschwung. – Ob die Tiere wohl ihr Leben rühmen mögen, welche auf einen Jahreslauf beschränkt, nur Frühling und Sommer kennen? Oder ob sie neidend zu den überlebenden Geschlechtern hinblicken mögen, ehe sie sich vor der kalten Luft verkriechen?
Törichter Neid, sie wissen nicht, wie die Bienen trauern, wenn sie ihren Vorrat in der Winternot angreifen müssen, denn sie hatten ihn nur zur Erinnerung der Blumenküsse zusammen getragen. Sie wissen nichts von der Gefangenschaft der Fische, wenn sich ihr Mund an der harten Eisdecke, die sie unbemerkt umschlossen hat, blutig stösst, wie sie erschrekken, wenn der Hirsch neugierig auf die Eisdecke klopft, weil ihm verlangte nach dem klaren Bache und das wasser ihm in Stein verwandelt ist. Der Winter kommt den Tieren und den Menschen zur Verwunderung, nur wenige wissen ihre Zeit voraus, wie die Wasserlilien, die zum Blühen in rechter Zeit ihre strahlenden Häupter über die Oberfläche der Gewässer erheben, um dann genügsam und ruhig in den Abgrund seliger Erinnerungen bis zur Wiedergeburt zu versinken.
Ein harter Winter war dem schönen Herbste gefolgt und während der Most zu Wein wurde, froren die Reben, an denen er gewachsen. Bertold wurde am Neujahrstag durch ein Beben seines Bettes erweckt und wollte erst nicht glauben, die Erde habe gebebt, bis die Nachrichten von allen Seiten kamen und eingefallene Schornsteine sie bestätigten. Die treue Muttererde bebt, dachte er im stillen, die treue Mutter hat mir kein Lebenslicht zum Neuen Jahre überbracht und Anna denkt an so etwas nicht. Aber diese kleine sorge ging ihm schnell in der schwereren für seine Stadt unter. Durch die Hoffnung eines Kindes hatten sich seine Stadtplane, die ihn schon immer beschäftigt, über das mitlebende Geschlecht hinaus, über entfernte Zukunft ausgedehnt. Die Stadt sollte sich frei und selbstständig erheben, wie Reichsstädte; nur dazu waren ihm die Anmahnungen der Kronenwächter, sich dem Schwäbischen Bunde anzuschliessen, willkommen. Grünewald, der gar keine Meinung über so etwas hatte, aber alles sehr geschickt auszuführen verstand, gab ihm in allem nach, hatte er sich doch überhaupt nur darum in die Gunst des Herzogs geschmeichelt, um in der Nähe Annens mit Ansehen aufzutreten. Auch der Neujahrstag verging, wie so mancher andre Tag in vergeblichen Beratschlagungen mit ihm, wie die Unternehmung des Bundes zu beschleunigen sei, da die Erde selbst zu ungewöhnlichen Unternehmungen geneigt scheine; das Unternehmen konnte in der Kälte nicht zur Geburt kommen. Der Frost in den nächsten Tagen nach Neujahr stieg immer noch, die ältesten Eichen spalteten sich, der edle Kaiser Maximilian starb und Bertold betrauerte ihn aufrichtig und war mit den öffentlichen Trauerfeierlichkeiten beschäftigt. Da kam Botschaft vom Herzog Ulrich, der Reutlingen trotz dem Froste belagerte, dass sie die Rüstungen beschleunigen und ihm Leute senden möchten. Bertold und Grünewald stellten sich dem Willen des Herzogs ergeben, aber je eifriger sich Bertold und Grünewald zur Förderung der Rüstung anstellten, desto weniger vollbrachten sie. Der Ehrenhalt kam jetzt und versprach die nahe Ankunft der Scharen des Schwäbischen Bundes, aber es zögerte sich, wie mit allen Unternehmen, die aus dem Entschlusse vieler hervorgehen sollen. Reutlingen musste sich ergeben, vom Geschütz in seinen wesentlichen Befestigungen zerstört, während die Gräben zugefroren waren. Der Herzog hielt einen feierlichen Einzug, die Bürger mussten ihm huldigen, die Reichsfreiheit war verloren, wenn der Schwäbische Bund noch länger zögerte. Bertold hätte verzweifeln mögen, während er Freudenfeste zur Ehre dieses Zuwachses des Herzogtums veranstalten musste.
Der Wind wendete sich, die zeit war im Nichtstun vorgerückt, der Frühling liess wie ein bescheidner Freund erst anfragen, während Bertold vor der tür stand (wie er nach dem Mittagessen zu tun pflegte), um nach ihm sich umzusehen, ob er nicht bald komme. Er fühlte sich in Frühlingsahndung ganz wehmütig. Da blies es vom Turme, den er als Kind bewohnte, in grossem jubel schrieen alle aus den Häusern, doch wusste er nicht gleich, was es bedeute, weil er als Kind nicht unter die Leute gekommen war. Da sah er den beschrieenen Gast über den Markt ziehen, es war der Storch. Gleich liefen die Kinder aus allen Häusern am Markt