." – So hatte Sabina doch recht, dachte Frau Apollonia in sich und betrachtete ihre Tochter mit Abscheu, doch unterdrückte das traurige Ereignis ihren Zorn.
Bertold hatte mehr verloren, als er sogleich überdenken konnte. Das Jahr hatte viel an ihm verändert, es hatte ihm einen zweiten Lebenslauf geschenkt, und der wich immer weiter von jenem ersten ab, der mit Fingerling und Hildegard Haus und Handlung begründete. Was er damals errungen, schien ihm jetzt an sich nichtig, nur als Mittel seinen Durst nach Tat, Wirksamkeit und Einfluss auf die Geschicke zu befriedigen, konnte er es noch loben. – Er gedachte jener früheren, erwerbenden Zeit, wie ein lebenslustiger Sohn seines emsigen Vaters, er ist ihm dankbar, aber er mag nicht seinem Beispiele folgen, sondern lieber dem Gelde einen zweckmässigen Abzug verschaffen. Die kleinen Geschäfte der Handlung, die Fingerling scheinbar ohne Mühe vollbracht hatte, weil sie mit ihm ganz eins geworden waren, fielen jetzt drückend auf den Bürgermeister. "Ein doppeltes Leben ist eine schwere Aufgabe", seufzte er oft, wenn er von den nahenden Ereignissen träumte, und von den Arbeitern mit unzähligen Anfragen, Forderungen und Bestellungen umdrängt wurde, "ich habe nicht die Kraft, zweierlei zugleich zu tun, zu bedenken." Anna erschwerte ihm diese Aufgabe durch eine eigne, störrige Laune, die wohl aus ihrem Zustande hervorging. Von steter Übligkeit gequält, hatte sie eine Art Ärger an ihm, der die Ursache dieser Leiden und sich doch dabei vollkommen wohl befand. Sie konnte ihn oft nicht ansehen und Bertold suchte sich dann, der Bücher und Schreibereien überdrüssig, ein Stündlein freundlicher Unterhaltung bei Apollonien, die von ihrer Magd Sabina beschwatzt, gar viel Böses von ihrer Tochter sagte, wofür sie dem guten Bertold mit der höchsten Freundlichkeit keinen Ersatz geben konnte. Verena war nicht müssig, jedesmal ihrer betrübten Frau zu erzählen, wann der Herr zu Apollonien gegangen und was die Leute sagten, wie sie so lustig wären mit einander, während Bertold bei ihr immer tiefsinnig und geschäftig vorbei eile. Verena wurde durch dieses Zutragen von Neuigkeiten ihr Liebling und ihre Vertraute, von ihr erfuhr auch Anna, dass Bertold durch das Blut eben jenes Anton genesen sei, der zu ihr ins Fenster gefallen. Es war gewissermassen ein Dank für das geliebte Leben Bertolds, dass Anton, den Verena für ihren Schatz ausgab, diese zu besuchen Erlaubnis erhielt. Anton wusste durch Sixt, dass Bertold ihn nicht im haus sehen mochte, so erwartete er die Stunden, wenn jener am Brunnen zu Apollonien gegangen war, was er von seiner Dachstube genau sehen konnte, und brachte dann seinen Abend bei Verena zu, indem er sich wohl bewirten liess, sie malte und ihre Zärtlichkeit von sich abwies. Der arme Junge meinte, es sei nur die gute Küche, die ihn hinziehe, und bemerkte nicht, dass er alles kalt werden liess, um Frau Annen einen Augenblick im Durchgehen durch das Zimmer oder im hof zu sehen und dass sein Herz frohlockte bei einem Worte, das sie ihm im Vorbeigehen auf Verenas Bitte sagte, um ihn zu bestimmen, sich bald niederzulassen, sich zu verheiraten und als Meister sein Glück zu begründen. Alle diese Besuche erfuhr Frau Apollonia durch Sabina, die nicht ihre Schwester Verena, sondern Frau Anna als die Ursache derselben angab, in der Hoffnung, dass Anton auf diese Weise am schnellsten aus jenem haus vertrieben würde. Frau Apollonia wollte mehrmals darüber reden, aber Anna machte sie durch ihre stolze Sicherheit in ihrer Meinung so zweifelhaft; in dieser Unbestimmteit mieden sich beide, beide sahen einander so selten, nie kam es zu einer Erklärung, und beide glaubten mehr auf dem Herzen zu haben, als sich durch blosses Besprechen gut machen lasse.
Auch trat eine Störung eigner Art zwischen alle diese eingebildeten Leiden. Herzog Ulrich wollte die Jagden in der Gegend von Waiblingen benutzen und beschloss, sich einige Tage in dem Orte niederzulassen. Bertold und Anna sahen eines Morgens zum Fenster hinaus, da war der Marktplatz von Jägern, Hofgesinde und Hunden besetzt. Ein dicker Herr, ganz in grünem Samt gekleidet, ritt in der Mitte, heftig zankend und stiess mit seinem rechten Fuss einem Jäger in die Rippen, der die Hunde führte und diese nicht zur rechten Zeit angelassen hatte. Darüber verlor der Herr das Gleichgewicht und ein Jäger zog ihn in guter Absicht wieder auf die Mitte des Pferdes. Die gute Absicht wurde ihm aber mit Fusstritten vergolten und der Herr wackelte nach der andern Seite über, so dass er ganz gelinde vom Pferde herunter sank und auf die Beine zu stehen kam. Jetzt sah sich der Herr um, den Bertold sogleich als seinen Herzog Ulrich erkannte. Der Herzog ging auf sein Haus zu, weil es bei weitem das grösste und angesehenste in der Stadt war. Bertold eilte ihm entgegen und der Herr war sehr gnädig, fragte ohne Aufhören, denn er wartete nie auf die Antwort, erzählte dazwischen recht lustig und trocknete den Schweiss, der ihm reichlich von der Stirn floss, und streichelte seine grossen Hunde, die an ihm heransprangen und seine feurige Nase berochen. Er trat ohne weitere Anfrage ins Haus und zwar in das Zimmer, wo Anna eben einiges Tischzeug zusammenlegte. Er trat auf sie zu, befahl ihr den Tisch gleich zu decken, er habe ein grosses Mahl auf seinen Packpferden, liess auch gleich spanischen Sekt bringen und Kuchen; trank, tunkte ein und fütterte Annen, wie einen jungen Falken. Anna konnte ihm nicht