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die können nachher keinen ordentlichen Schuss tun, wenn der Feind eindringt von aussen. Aber die Narrheit, die wahre Königin des volkes, zieht ein mit Pauken und Trompeten: hussa hussa! – hinter ihr her jubeljubelDie Vasallen erheben sich von den Plätzen, wo sie die Vernunft einsperrte, und wollen nicht mehr stehen, sitzen und liegen, wie der pedantische Hofmeister es will; der sieht die Nummern durch und spricht: 'Seht, die Narrheit hat mir meine besten Eleven entrücktfortgerücktverrücktja sie sind verrückt worden.' Das ist ein Wortspiel, Brüderlein Medardusein Wortspiel ist ein glühendes Lockeneisen in der Hand der Narrheit, womit sie Gedanken krümmt." – "Noch einmal," fiel ich dem albernen Schönfeld in die Rede, "noch einmal bitte ich Euch, das unsinnige Geschwätz zu lassen, wenn Ihr es vermöget, und mir zu sagen, wie Ihr hergekommen seid und was Ihr von mir und von dem Kleide wisst, das ich trage." – Ich hatte ihn mit diesen Worten bei den Händen gefasst und in einen Stuhl gedrückt. Er schien sich zu besinnen, indem er die Augen niederschlug und tief Atem schöpfte. "Ich habe Ihnen," fing er dann mit leiser matter stimme an, "ich habe Ihnen das Leben zum zweitenmal gerettet, ich war es ja, der Ihrer Flucht aus der Handelsstadt behilflich war, ich war es wiederum, der Sie herbrachte." – "Aber um Gott, um der Heiligen willen, wo fanden Sie mich?" – So rief ich laut aus, indem ich ihn losliess, doch in dem Augenblick sprang er auf und schrie mit funkelnden Augen: "Ei, Bruder Medardus, hätt' ich dich nicht, klein und schwach, wie ich bin, auf meinen Schultern fortgeschleppt, du lägest mit zerschmetterten Gliedern auf dem Rade." – Ich erbebtewie vernichtet sank ich in den Stuhl, die tür öffnete sich, und hastig trat der mich pflegende Geistliche herein. "Wie kommt Ihr hieher? wer hat Euch erlaubt, dies Zimmer zu betreten?" So fuhr er auf Belcampo los, dem stürzten aber die Tränen aus den Augen, und er sprach mit flehender stimme: "Ach, mein ehrwürdiger Herr! nicht länger konnte ich dem Drange widerstehen, meinen Freund zu sprechen, den ich dringender Todesgefahr entrissen!" Ich ermannte mich. "Sagt mir, mein lieber Bruder," sprach ich zu dem Geistlichen, "hat mich dieser Mann wirklich hergebracht?" – Er stockte. – "Ich weiss jetzt, wo ich mich befinde," fuhr ich fort, "ich kann vermuten, dass ich im schrecklichsten Zustande war, den es gibt, aber Ihr merkt, dass ich vollkommen genesen, und so darf ich wohl nun alles erfahren, was man mir bis jetzt absichtlich verschweigen mochte, weil man mich für reizbar hielt." "So ist es in der Tat," antwortete der Geistliche, "dieser Mann brachte Euch, es mögen ungefähr drei bis viertehalb Monate her sein, in unsere Anstalt. Er hatte Euch, wie er erzählte, für tot in dem wald, der vier Meilen von hier das...sche von unserm Gebiet scheidet, gefunden und Euch für den ihm früher bekannten Kapuzinermönch Medardus aus dem Kloster zu B. erkannt, der auf einer Reise nach Rom durch den Ort kam, wo er sonst wohnte. Ihr befandet Euch in einem vollkommen apatischen Zustande. Ihr gingt, wenn man Euch führte, Ihr bliebt stehen, wenn man Euch losliess, Ihr setztet, Ihr legtet Euch nieder, wenn man Euch die Richtung gab. Speise und Trank musste man Euch einflössen. Nur dumpfe, unverständliche Laute vermochtet Ihr auszustossen, Euer blick schien ohne alle Sehkraft. Belcampo verliess Euch nicht, sondern war Euer treuer Wärter. Nach vier Wochen fielt Ihr in die schrecklichste Raserei: man war genötiget, Euch in eins der dazu bestimmten abgelegenen Gemächer zu bringen. Ihr waret dem wilden Tier gleichdoch nicht näher mag ich Euch einen Zustand schildern, dessen Erinnerung Euch vielleicht zu schmerzlich sein würde. Nach vier Wochen kehrte plötzlich jener apatische Zustand wieder, der in eine vollkommene Starrsucht überging, aus der Ihr genesen erwachtet." – Schönfeld hatte sich während dieser Erzählung des Geistlichen gesetzt, und, wie in tiefes Nachdenken versunken, den Kopf in die Hand gestützt. "Ja," fing er an, "ich weiss recht gut, dass ich zuweilen ein aberwitziger Narr bin, aber die Luft im Tollhause, vernünftigen Leuten verderblich, hat gar gut auf mich gewirkt. Ich fange an, über mich selbst zu räsonieren, und das ist kein übles Zeichen. Existiere ich überhaupt nur durch mein eigenes Bewusstsein, so kommt es nur darauf an, dass dies Bewusstsein dem Bewussten die Hanswurstjacke ausziehe, und ich selbst stehe da als solider Gentleman. – O Gott! – ist aber ein genialer Friseur nicht schon an und vor sich selbst ein gesetzter Hasenfuss? – Hasenfüssigkeit schützt vor allem Wahnsinn, und ich kann Euch versichern, ehrwürdiger Herr, dass ich auch bei Nordnordwest einen Kirchturm von einem Leuchtenpfahl genau zu unterscheiden vermag."- "Ist dem wirklich so," sprach ich, "so beweisen Sie es dadurch, dass Sie mir ruhig den Hergang der Sache erzählen, wie Sie mich fanden, und wie Sie mich herbrachten." "Das will ich