1815_Hoffmann_039_91.txt

Parks sprengen, unaufhaltsam rannte ich fort. Ich kam an den breiten Graben, der den Park von dem dicht dabei gelegenen wald trennte, ein mächtiger Sprungich war hinüber, und immer fort und fort rannte ich durch den Wald, bis ich erschöpft unter einem Baume niedersank. Es war schon finstre Nacht worden, als ich, wie aus tiefer Betäubung, erwachte. Nur der Gedanke, zu fliehen wie ein gehetztes Tier, stand fest in meiner Seele. Ich stand auf, aber kaum war ich einige Schritte fort, als, aus dem Gebüsch hervorrauschend, ein Mensch auf meinen rücken sprang und mich mit den Armen umhalste. Vergebens versuchte ich, ihn abzuschüttelnich warf mich nieder, ich drückte mich hinterrücks an die Bäume, alles umsonst. Der Mensch kicherte und lachte höhnisch; da brach der Mond hellleuchtend durch die schwarzen Tannen, und das totenbleiche, grässliche Gesicht des Mönchsdes vermeintlichen Medardus, des Doppeltgängers, starrte mich an mit dem grässlichen blick, wie von dem Wagen herauf. – "Hi... hi... hi... Brüderlein... Brüderlein, immer, immer bin ich bei dir... lasse dich nicht... lasse... dich nicht... Kann nicht lau... laufen... wie du... musst mich tra... tragen... Komme vom Ga... Galgen... haben mich ... rädern wollen... hi hi..." So lachte und heulte das grause Gespenst, indem ich, von wildem Entsetzen gekräftigt, hoch emporsprang wie ein von der Riesenschlange eingeschnürter Tiger! – Ich raste gegen Baum- und Felsstücke, um ihn, wo nicht zu töten, doch wenigstens hart zu verwunden, dass er mich zu lassen genötigt sein sollte. Dann lachte er stärker, und mich nur traf jäher Schmerz; ich versuchte seine unter meinem Kinn festgeknoteten hände loszuwinden, aber die Gurgel einzudrücken drohte mir des Ungetümes Gewalt. Endlich, nach tollem Rasen, fiel er plötzlich herab, aber kaum war ich einige Schritte fortgerannt, als er von neuem auf meinem rücken sass, kichernd und lachend und jene entsetzliche Worte stammelnd! Aufs neue jene Anstrengungen wilder Wutaufs neue befreit! – aufs neue umhalst von dem fürchterlichen Gespenst. – Es ist mir nicht möglich, deutlich anzugeben, wie lange ich, von dem Doppeltgänger verfolgt, durch finstre Wälder floh, es ist mir so, als müsse das Monate hindurch, ohne dass ich Speise und Trank genoss, gedauert haben. Nur eines lichten Augenblicks erinnere ich mich lebhaft, nach welchem ich in gänzlich bewusstlosen Zustand verfiel. Eben war es mir geglückt, meinen Doppeltgänger abzuwerfen, als ein heller Sonnenstrahl und mit ihm ein holdes anmutiges Tönen den Wald durchdrang. Ich unterschied eine Klosterglocke, die zur Frühmette läutete. "Du hast Aurelie ermordet!" Der Gedanke erfasste mich mit des Todes eiskalten Armen, und ich sank bewusstlos nieder.

Zweiter Abschnitt

Die Busse

Eine sanfte Wärme glitt durch mein Inneres. Dann fühlte ich es in allen Adern seltsam arbeiten und prikkeln; dies Gefühl wurde zu Gedanken, doch war mein Ich hundertfach zerteilt. Jeder teil hatte im eignen Regen eigenes Bewusstsein des Lebens, und umsonst gebot das Haupt den Gliedern, die wie untreue Vasallen sich nicht sammeln mochten unter seiner herrschaft. Nun fingen die Gedanken der einzelnen Teile an, sich zu drehen wie leuchtende Punkte, immer schneller und schneller, so dass sie einen Feuerkreis bildeten, der wurde kleiner, sowie die Schnelligkeit wuchs, dass er zuletzt nur eine stillstehende Feuerkugel schien. Aus der schossen rotglühende Strahlen und bewegten sich im farbichten Flammenspiel. "Das sind meine Glieder, die sich regen, jetzt erwache ich!" So dachte ich deutlich, aber in dem Augenblick durchzuckte mich ein jäher Schmerz, helle Glockentöne schlugen an mein Ohr. "Fliehen, weiter fort! – weiter fort!" rief ich laut, wollte mich schnell aufraffen, fiel aber entkräftet zurück. Jetzt erst vermochte ich die Augen zu öffnen. Die Glockentöne dauerten fortich glaubte noch im wald zu sein, aber wie erstaunte ich, als ich die Gegenstände rings umher, als ich mich selbst betrachtete. In dem Ordenshabit der Kapuziner lag ich in einem hohen einfachen Zimmer auf einer wohlgepolsterten Matratze ausgestreckt. Ein paar Rohrstühle, ein kleiner Tisch und ein ärmliches Bett waren die einzigen Gegenstände, die sich noch im Zimmer befanden. Es wurde mir klar, dass mein bewusstloser Zustand eine Zeitlang gedauert haben und dass ich in demselben auf diese oder jene Weise in ein Kloster gebracht sein musste, das Kranke aufnehme. Vielleicht war meine Kleidung zerrissen, und man gab mir vorläufig eine Kutte. Der Gefahr, so schien es mir, war ich entronnen. Diese Vorstellungen beruhigten mich ganz, und ich beschloss abzuwarten, was sich weiter zutragen würde, da ich voraussetzen konnte, dass man bald nach dem Kranken sehen würde. Ich fühlte mich sehr matt, sonst aber ganz schmerzlos. Nur einige Minuten hatte ich so, zum vollkommenen Bewusstsein erwacht, gelegen, als ich Tritte vernahm, die sich wie auf einem langen Gange näherten. Man schloss meine tür auf, und ich erblickte zwei Männer, von denen einer bürgerlich gekleidet war, der andere aber den Ordenshabit der Barmherzigen Brüder trug. Sie traten schweigend auf mich zu, der bürgerlich Gekleidete sah mir scharf in die Augen und