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dem tod seiner Mutter; ich machte es ihm bekannt, da lachte er wild auf und rief mit einer stimme, die selbst dem standhaftesten Gemüt Entsetzen erregen konnte: 'Ha ha ha! – die Prinzessin von... (er nannte die Gemahlin des ermordeten Bruders unsers Fürsten) ist längst gestorben!' – Es ist jetzt eine neue ärztliche Untersuchung verfügt, man glaubt jedoch, dass der Wahnsinn des Mönchs verstellt sei." – Ich liess mir Tag und Stunde des Todes meiner Mutter sagen! sie war mir in demselben Moment, als sie starb, erschienen, und tief eindringend in Sinn und Gemüt, war nun auch die nur zu sehr vergessene Mutter die Mittlerin zwischen mir und der reinen Himmelsseele, die mein werden sollte. Milder und weicher geworden, schien ich nun erst Aureliens Liebe ganz zu verstehen, ich mochte sie wie eine mich beschirmende Heilige kaum verlassen, und mein düsteres Geheimnis wurde, indem sie nicht mehr deshalb in mich drang, nun ein mir selbst unerforschliches, von höheren Mächten verhängtes Ereignis. – Der von dem Fürsten bestimmte Tag der Vermählung war gekommen. Aurelie wollte in erster Frühe vor dem Altar der heiligen Rosalia in der nahegelegenen Klosterkirche getraut sein. Wachend und nach langer Zeit zum erstenmal inbrünstig betend, brachte ich die Nacht zu. Ach! ich Verblendeter fühlte nicht, dass das Gebet, womit ich mich zur Sünde rüstete, höllischer Frevel sei! – Als ich zu Aurelien eintrat, kam sie mir, weiss gekleidet und mit duftenden Rosen geschmückt, in holder Engelsschönheit entgegen. Ihr Gewand sowie ihr Haarschmuck hatte etwas sonderbar Altertümliches, eine dunkle Erinnerung ging in mir auf, aber von tiefem Schauer fühlte ich mich durchbebt, als plötzlich lebhaft das Bild des Altars, an dem wir getraut werden sollten, mir vor Augen stand. Das Bild stellte das Martyrium der heiligen Rosalia vor, und gerade so wie Aurelie war sie gekleidet. – Schwer wurde es mir, den grausigen Eindruck, den dies auf mich machte, zu verbergen. Aurelie gab mir mit einem blick, aus dem ein ganzer Himmel voll Liebe und Seligkeit strahlte, die Hand, ich zog sie an meine Brust, und mit dem Kuss des reinsten Entzückens durchdrang mich aufs neue das deutliche Gefühl, dass nur durch Aurelie meine Seele errettet werden könne. Ein fürstlicher Bedienter meldete, dass die herrschaft bereit sei, uns zu empfangen. Aurelie zog schnell die Handschuhe an, ich nahm ihren Arm, da bemerkte das Kammermädchen, dass das Haar in Unordnung gekommen sei, sie sprang fort, um Nadeln zu holen. Wir warteten an der tür, der Aufentalt schien Aurelien unangenehm. In dem Augenblick entstand ein dumpfes Geräusch auf der Strasse, hohle Stimmen riefen durcheinander, und das dröhnende Gerassel eines schweren, langsam rollenden Wagens liess sich vernehmen. Ich eilte ans Fenster! – Da stand eben vor dem Palast der vom Henkersknecht geführte Leiterwagen, auf dem der Mönch rückwärts sass, vor ihm ein Kapuziner, laut und eifrig mit ihm betend. Er war entstellt von der Blässe der Todesangst und dem struppigen Bartdoch waren die Züge des grässlichen Doppeltgängers mir nur zu kenntlich. – Sowie der Wagen, augenblicklich gehemmt durch die andrängende Volksmasse, wieder fortrollte, warf er den stieren entsetzlichen blick der funkelnden Augen zu mir herauf und lachte und heulte herauf: "Bräutigam, Bräutigam! ... komm... komm aufs Dach... aufs Dach... da wollen wir ringen miteinander, und wer den andern herabstösst, ist König und darf Blut trinken!" Ich schrie auf: "Entsetzlicher Mensch... was willst du... was willst du von mir?" – Aurelie umfasste mich mit beiden Armen, sie riss mich mit Gewalt vom Fenster, rufend: "Um Gott und der heiligen Jungfrau willen... Sie führen den Medardus... den Mörder meines Bruders, zum tod... Leonard... Leonard!" – Da wurden die Geister der Hölle in mir wach und bäumten sich auf mit der Gewalt, die ihnen verliehen über den frevelnden verruchten Sünder. – Ich erfasste Aurelien mit grimmer Wut, dass sie zusammenzuckte: "Ha ha ha... Wahnsinniges, töriges Weib... ich... ich, dein Buhle, dein Bräutigam, bin der Medardus... bin deines Bruders Mörder... du, Braut des Mönchs, willst Verderben herabwinseln über deinen Bräutigam? Ho ho ho! ... ich bin König... ich trinke dein Blut!" – Das Mordmesser riss ich herausich stiess nach Aurelien, die ich zu Boden fallen lassenein Blutstrom sprang hervor über meine Hand. – Ich stürzte die Treppen hinab, durch das Volk hin zum Wagen, ich riss den Mönch herab und warf ihn zu Boden; da wurde ich festgepackt, wütend stiess ich mit dem Messer um mich herumich wurde freiich sprang fortman drang auf mich ein, ich fühlte mich in der Seite durch einen Stich verwundet, aber das Messer in der rechten Hand, und mit der linken kräftige Faustschläge austeilend, arbeitete ich mich durch bis an die nahe Mauer des Parks, die ich mit einem fürchterlichen Satz übersprang. "Mord... Mord... Haltet... haltet den Mörder!" riefen Stimmen hinter mir her, ich hörte es rasseln, man wollte das verschlossene Tor des