. Albern war es wohl überhaupt, den geistreichen, gewandten, herrlichen Leonard auch nur einen Augenblick für einen entlaufenen Mönch anzusehen. Aber so stark ist noch der fürchterliche Eindruck jener grässlichen Szenen auf unserm schloss, dass oft, tritt Leonard unvermutet zu mir herein und blickt mich an mit seinem strahlenden Auge, das ach nur zu sehr jenem Medardus gleicht, mich unwillkürliches Grausen befällt und ich Gefahr laufe, durch mein kindisches Wesen den Geliebten zu verletzen. Mir ist, als würde erst des Priesters Segen die finstere Gestalten bannen, die noch jetzt recht feindlich manchen Wolkenschatten in mein Leben werfen. Schliesse mich und den Geliebten in Dein frommes Gebet, meine teure Mutter! – Der Fürst wünscht, dass die Vermählung bald vor sich gehe; den Tag schreibe ich Dir, damit Du Deines Kindes gedenken mögest in ihres Lebens feierlicher, verhängnisvoller Stunde etc. Immer und immer wieder las ich Aureliens Blätter. Es war, als wenn der Geist des himmels, der daraus hervorleuchtete, in mein Inneres dringe und vor seinem reinen Strahl alle sündliche, frevelige Glut verlösche. Bei Aureliens Anblick überfiel mich heilige Scheu, ich wagte es nicht mehr, sie stürmisch zu liebkosen, wie sonst. Aurelie bemerkte mein verändertes Betragen, ich gestand ihr reuig den Raub des Briefes an die Äbtissin; ich entschuldigte ihn mit einem unerklärlichen Drange, dem ich, wie der Gewalt einer unsichtbaren höheren Macht, nicht widerstehen können, ich behauptete, dass eben jene höhere, auf mich einwirkende Macht mir jene Vision am Beichtstuhle habe kund tun wollen, um mir zu zeigen, wie unsere innigste Verbindung ihr ewiger Ratschluss sei. "Ja, du frommes Himmelskind," sprach ich, "auch mir ging einst ein wunderbarer Traum auf, in dem du mir deine Liebe gestandest, aber ich war ein unglücklicher, vom Geschick zermalmter Mönch, dessen Brust tausend Qualen der Hölle zerrissen. – Dich – dich liebte ich mit namenloser Inbrunst, doch Frevel, doppelter, verruchter Frevel war meine Liebe, denn ich war ja ein Mönch und du die heilige Rosalia." Erschrocken fuhr Aurelie auf. "Um Gott," sprach sie, "um Gott, es geht ein tiefes unerforschliches Geheimnis durch unser Leben; ach, Leonard, lass uns nie an dem Schleier rühren, der es umhüllt, wer weiss, was Grauenvolles, Entsetzliches dahinter verborgen. Lass uns fromm sein und fest aneinander halten in treuer Liebe, so widerstehen wir der dunkeln Macht, deren Geister uns vielleicht feindlich bedrohen. Dass du meinen Brief lasest, das musste so sein; ach! ich selbst hätte dir alles erschliessen sollen, kein Geheimnis darf unter uns walten. Und doch ist es mir, als kämpftest du mit manchem, was früher recht verderblich eintrat in dein Leben und was du nicht vermöchtest über die Lippen zu bringen vor unrechter Scheu! – Sei aufrichtig, Leonard! – Ach wie wird ein freimütiges Geständnis deine Brust erleichtern und heller unsere Liebe strahlen!" – Wohl fühlte ich bei diesen Worten Aureliens recht marternd, wie der Geist des Truges in mir wohne, und wie ich nur noch vor wenigen Augenblikken das fromme Kind recht frevelig getäuscht; und dies Gefühl regte sich stärker und stärker auf in wunderbarer Weise, ich musste Aurelien alles – alles entdecken und doch ihre Liebe gewinnen. "Aurelie – du meine Heilige, – die mich rettet von..." In dem Augenblick trat die Fürstin herein, ihr Anblick warf mich plötzlich zurück in die Hölle, voll Hohn und Gedanken des Verderbens. Sie musste mich jetzt dulden, ich blieb und stellte mich als Aureliens Bräutigam kühn und keck ihr entgegen. Überhaupt war ich nur frei von allen bösen Gedanken, wenn ich mit Aurelien allein mich befand; dann ging mir aber auch die Seligkeit des himmels auf. Jetzt erst wünschte ich lebhaft meine Vermählung mit Aurelien. – In einer Nacht stand lebhaft meine Mutter vor mir, ich wollte ihre Hand ergreifen und wurde gewahr, dass es nur Duft sei, der sich gestaltet. "Weshalb diese alberne Täuschung?" rief ich erzürnt; da flossen helle Tränen aus meiner Mutter Augen, die wurden aber zu silbernen, hellblinkenden Sternen, aus denen leuchtende Tropfen fielen und um mein Haupt kreisten, als wollten sie einen Heiligenschein bilden, doch immer zerriss eine schwarze fürchterliche Faust den Kreis. "Du, den ich rein von jeder Untat geboren," sprach meine Mutter mit sanfter stimme, "ist denn deine Kraft gebrochen, dass du nicht zu widerstehen vermagst den Verlockungen des Satans? – Jetzt kann ich erst dein Innres durchschauen, denn mir ist die Last des Irdischen entnommen! – Erhebe dich, Franziskus! ich will dich schmücken mit Bändern und Blumen, denn es ist der Tag des heiligen Bernardus gekommen, und du sollst wieder ein frommer Knabe sein!" – Da war es mir, als müsse ich wie sonst einen Hymnus anstimmen zum Lobe des Heiligen, aber entsetzlich tobte es dazwischen, mein Gesang wurde ein wildes Geheul, und schwarze Schleier rauschten herab zwischen mir und der Gestalt meiner Mutter. – Mehrere Tage nach dieser Vision begegnete mir der Kriminalrichter auf der Strasse. Er trat freundlich auf mich zu. "Wissen Sie schon," fing er an, "dass der Prozess des Kapuziners Medardus wieder zweifelhaft worden? Das Urteil, das ihm höchst wahrscheinlich den Tod zuerkannt hätte, sollte schon abgefasst werden, als er aufs neue Spuren des Wahnsinns zeigte. Das Kriminalgericht erhielt nämlich die Nachricht von