1815_Hoffmann_039_81.txt

sie fest umschlungen. "Leonard! mein Geliebter!" – lispelte sie leise. Da kochte und gärte in meinem inneren rasende Begier, wildes, sündiges Verlangen. Sie hing kraftlos in meinen Armen: die genestelten Haare waren aufgegangen und fielen in üppigen Locken über meine Schultern, der jugendliche Busen quoll hervorsie ächzte dumpfich kannte mich selbst nicht mehr! – Ich riss sie empor, sie schien erkräftigt, eine fremde Glut brannte in ihrem Auge, feuriger erwiderte sie meine wütenden Küsse. Da rauschte es hinter uns wie starker, mächtiger Flügelschlag; ein schneidender Ton, wie das Angstgeschrei des zum tod Getroffenen, gellte durch das Zimmer. – "Hermogen!" schrie Aurelie und sank ohnmächtig hin aus meinen Armen. Von wildem Entsetzen erfasst, rannte ich fort! – Im Flur trat mir die Fürstin, von einem Spaziergange heimkehrend, entgegen. Sie blickte mich ernst und stolz an, indem sie sprach: "Es ist mir in der Tat sehr befremdlich, Sie hier zu sehen, Herr Leonard!" – Meine Verstörteit im Augenblick bemeisternd, antwortete ich in beinahe bestimmterem Ton, als es ziemlich sein mochte, dass man oft gegen grosse Anregungen vergebens ankämpfe, und dass oft das unschicklich Scheinende für das Schicklichste gelten könne! – Als ich durch die finstre Nacht der Residenz zueilte, war es mir, als liefe jemand neben mir her, und als flüstere eine stimme: "I... Imm... Immer bin ich bei di... dir... Brü... Brüderlein... Brüderlein Medardus!" – Blickte ich um mich her, so merkte ich wohl, dass das Phantom des Doppeltgängers nur in meiner Phantasie spuke; aber nicht los konnte ich das entsetzliche Bild werden, ja es war mir endlich, als müsse ich mit ihm sprechen und ihm erzählen, dass ich wieder recht albern gewesen sei und mich habe schrecken lassen von dem tollen Hermogen; die heilige Rosalia sollte denn nun bald meinganz mein sein, denn dafür wäre ich Mönch und habe die Weihe erhalten. Da lachte und stöhnte mein Doppeltgänger, wie er sonst getan, und stotterte: "Aber schn... schnell... schnell!" – "Gedulde dich nur," sprach ich wieder, "gedulde dich nur, mein Junge! Alles wird gut werden. Den Hermogen habe ich nur nicht gut getroffen, er hat solch ein verdammtes Kreuz am Halse, wie wir beide, aber mein flinkes Messerchen ist noch scharf und spitzig." – "Hi... hi hi... tri... triff gut... triff gut!" – So verflüsterte des Doppeltgängers stimme im Sausen des Morgenwindes, der von dem Feuerpurpur herstrich, welches aufbrannte im Osten.

Eben war ich in meiner wohnung angekommen, als ich zum Fürsten beschieden wurde. Der Fürst kam mir sehr freundlich entgegen. "In der Tat, Herr Leonard!" fing er an, "Sie haben sich meine Zuneigung im hohen Grade erworben; nicht verhehlen kann ich's Ihnen, dass mein Wohlwollen für Sie wahre Freundschaft geworden ist. Ich möchte Sie nicht verlieren, ich möchte Sie glücklich sehen. Überdem ist man Ihnen für das, was Sie gelitten haben, alle nur mögliche Entschädigung zu gewähren schuldig. Wissen Sie wohl, Herr Leonard, wer Ihren bösen Prozess einzig und allein veranlasste? wer Sie anklagte?"

"Nein, gnädigster Herr!"

"Baronesse Aurelie! ... Sie erstaunen? Ja ja, Baronesse Aurelie, mein Herr Leonard, die hat Sie (er lachte laut auf), die hat Sie für einen Kapuziner gehalten! – Nun bei Gott! sind Sie ein Kapuziner, so sind Sie der liebenswürdigste, den je ein menschliches Auge sah! – Sagen Sie aufrichtig, Herr Leonard, sind Sie wirklich so ein Stück von Klostergeistlichen?" –

"Gnädigster Herr, ich weiss nicht, welch ein böses Verhängnis mich immer zu dem Mönch machen will, der..."

"Nun nun! – ich bin kein Inquisitor! – fatal wär's doch, wenn ein geistliches Gelübde Sie bände. – Zur Sache! – möchten Sie nicht für das Unheil, das Baronesse Aurelie Ihnen zufügte, Rache nehmen?" –

"In welches Menschen Brust könnte ein Gedanke der Art gegen das holde Himmelsbild aufkommen?"

"Sie lieben Aurelien?"

Dies fragte der Fürst, mir ernst und scharf ins Auge blickend. Ich schwieg, indem ich die Hand auf die Brust legte. Der Fürst fuhr weiter fort:

"Ich weiss es, Sie haben Aurelien geliebt seit dem Augenblick, als sie mit der Fürstin hier zum erstenmal in den Saal trat. – Sie werden wieder geliebt, und zwar mit einem Feuer, das ich der sanften Aurelie nicht zugetraut hätte. Sie lebt nur in Ihnen, die Fürstin hat mir alles gesagt. Glauben Sie wohl, dass nach Ihrer Verhaftung Aurelie sich einer ganz trostlosen, verzweifelten Stimmung überliess, die sie auf das Krankenbett warf und dem tod nahe brachte? Aurelie hielt Sie damals für den Mörder ihres Bruders, um so unerklärlicher war uns ihr Schmerz. Schon damals wurden Sie geliebt. Nun, Herr Leonard, oder vielmehr Herr von Krczynski, Sie sind von Adel, ich fixiere Sie bei hof auf eine Art, die Ihnen angenehm sein soll. Sie heiraten Aurelien. – In einigen Tagen feiern