1815_Hoffmann_039_79.txt

der Tat nicht ein."

"eigentlich meinte ich auch mehr die spielenden Personen als die Begebenheit."

"Ich verstehe Sie nicht."

"Erinnern Sie sich genau meiner Erzählung jener Katastrophe, die dem Prinzen den Tod brachte?"

"Allerdings."

"Ist es Ihnen dabei nicht völlig klar worden, dass Francesko verbrecherisch die Italienerin liebte? dass er es war, der vor dem Prinzen in die Brautkammer schlich und den Prinzen niederstiess? – Viktorin ist die Frucht jener freveligen Untat. – Er und Medardus sind Söhne eines Vaters. Spurlos ist Viktorin verschwunden, alles Nachforschen blieb vergebens."

"Der Mönch schleuderte ihn hinab in den Teufelsgrund. Fluch dem wahnsinnigen Brudermörder!" –

Leiseleise liess sich in dem Augenblick, als ich heftig diese Worte ausstiess, jenes klopfen des gespenstischen Unholds aus dem Kerker hören. Vergebens suchte ich das Grausen zu bekämpfen, welches mich ergriff. Der Arzt schien so wenig das klopfen als meinen inneren Kampf zu bemerken. Er fuhr fort: "Was? ... Hat der Mönch Ihnen gestanden, dass auch Viktorin durch seine Hand fiel?"

"Ja! ... Wenigstens schliesse ich aus seinen abgebrochenen Äusserungen, halte ich damit Viktorins Verschwinden zusammen, dass sich die Sache wirklich so verhält. Fluch dem wahnsinnigen Brudermörder!" – Stärker klopfte es und stöhnte und ächzte; ein feines lachen, das durch die stube pfiff, klang wie Medardus... Medardus... hi... hi... hi hilf! – Der Arzt, ohne das zu bemerken, fuhr fort:

"Ein besonderes Geheimnis scheint noch auf Franceskos Herkunft zu ruhen. Er ist höchstwahrscheinlich dem fürstlichen haus verwandt. So viel ist gewiss, dass Euphemie die Tochter..."

Mit einem entsetzlichen Schlage, dass die Angeln zusammenkrachten, sprang die Tür auf, ein schneidendes Gelächter gellte herein. "Ho ho... ho... ho Brüderlein," schrie ich wahnsinnig auf, "hoho... hieher... frisch, frisch, wenn du kämpfen willst mit mir... der Uhu macht Hochzeit; nun wollen wir auf das Dach steigen und ringen miteinander, und wer den andern herabstösst, ist König und darf Blut trinken." – Der Leibarzt fasste mich in die arme und rief: "Was ist das? was ist das? Sie sind krank... in der Tat, gefährlich krank. Fort, fort, zu Bette." – Aber ich starrte nach der offnen tür, ob mein scheusslicher Doppeltgänger nicht hereintreten werde, doch ich erschaute nichts und erholte mich bald von dem wilden Entsetzen, das mich gepackt hatte mit eiskalten Krallen. Der Leibarzt bestand darauf, dass ich kränker sei, als ich selbst wohl glauben möge, und schob alles auf den Kerker und die Gemütsbewegung, die mir überhaupt der Prozess verursacht haben müsse. Ich brauchte seine Mittel, aber mehr als seine Kunst trug zu meiner schnellen Genesung bei, dass das klopfen sich nicht mehr hören liess, der furchtbare Doppeltgänger mich daher ganz verlassen zu haben schien.

Die Frühlingssonne warf eines Morgens ihre goldnen Strahlen hell und freundlich in mein Zimmer, süsse Blumendüfte strömten durch das Fenster; hinaus ins Freie trieb mich ein unendlich Sehnen, und des Arztes Verbot nicht achtend, lief ich fort in den Park. – Da begrüssten Bäume und Büsche rauschend und flüsternd den von der Todeskrankheit Genesenen. Ich atmete auf, wie aus langem schwerem Traum erwacht, und tiefe Seufzer waren des Entzückens unaussprechbare Worte, die ich hineinhauchte in das Gejauchze der Vögel, in das fröhliche Sumsen und Schwirren bunter Insekten.

Ja! – ein schwerer Traum dünkte mir nicht nur die letztvergangene Zeit, sondern mein ganzes Leben, seitdem ich das Kloster verlassen, als ich mich in einem von dunklen Platanen beschatteten Gange befand. – Ich war im Garten der Kapuziner zu B. Aus dem fernen Gebüsch ragte schon das hohe Kreuz hervor, an dem ich sonst oft mit tiefer Inbrunst flehte um Kraft, aller Versuchung zu widerstehen. – Das Kreuz schien mir nun das Ziel zu sein, wo ich hinwallen müsse, um, in den Staub niedergeworfen, zu bereuen und zu büssen den Frevel sündhafter Träume, die mir der Satan vorgegaukelt; und ich schritt fort mit gefalteten emporgehobenen Händen, den blick nach dem Kreuz gerichtet. – Stärker und stärker zog der Luftstromich glaubte die Hymnen der Brüder zu vernehmen, aber es waren nur des Waldes wunderbare Klänge, die der Wind, durch die Bäume sausend, geweckt hatte, und der meinen Atem fortriss, so dass ich bald erschöpft stillstehen, ja mich an einen nahen Baum festalten musste, um nicht nieder zu sinken. Doch hin zog es mich mit unwiderstehlicher Gewalt nach dem fernen Kreuz; ich nahm alle meine Kraft zusammen und wankte weiter fort, aber nur bis an den Moossitz dicht vor dem Gebüsch konnte ich gelangen; alle Glieder lähmte plötzlich tödliche Ermattung; wie ein schwacher Greis liess ich langsam mich nieder, und in dumpfem Stöhnen suchte ich die gepresste Brust zu erleichtern. – Es rauschte im Gange dicht neben mir... Aurelie! Sowie der Gedanke mich durchblitzte, stand sie vor mir! – Tränen inbrünstiger Wehmut quollen aus den Himmelsaugen, aber durch die Tränen funkelte ein zündender Strahl; es war der unbeschreibliche Ausdruck der glühendsten sehnsucht, der Aurelien fremd schien. Aber so flammte der Liebesblick jenes geheimnisvollen Wesens am Beichtstuhl, das