Berufs, tiefer einzudringen, und ich würde es für unziemlichen Vorwitz halten, Ihnen irgend etwas über Ihre person, über Ihre wahrscheinlich ganz eigne Lebensverhältnisse entlokken zu wollen! – Doch, wie wäre es, wenn Sie, sich losreissend von allem Ihrer Ruhe Bedrohlichem, den Ort verliessen. Nach dem, was geschehen, kann Ihnen ohnedies der Aufentalt hier nicht wohltun." – Sowie der Richter dieses sprach, war es, als flöhen alle finstre Schatten, die sich drückend über mich gelegt hatten, schnell von hinnen. Das Leben war wiedergewonnen, und die Lebenslust stieg durch Nerv und Adern glühend in mir auf. Aurelie! sie dachte ich wieder, und ich sollte jetzt fort von dem Orte, fort von ihr? – Tief seufzte ich auf: "Und sie verlassen?" – Der Richter blickte mich im höchsten Erstaunen an und sagte dann schnell: "Ach! jetzt glaube ich klar zu sehen! Der Himmel gebe, Herr Leonard, dass eine sehr schlimme Ahnung, die mir eben jetzt recht deutlich wird, nicht in Erfüllung gehen möge." – Alles hatte sich in meinem inneren anders gestaltet. Hin war alle Reue, und wohl mochte es beinahe frevelnde Frechheit sein, dass ich den Richter mit erheuchelter Ruhe fragte: "Und Sie halten mich doch für schuldig?" – "Erlauben Sie, mein Herr," erwiderte der Richter sehr ernst, "dass ich meine Überzeugungen, die doch nur auf ein reges Gefühl gestützt scheinen, für mich behalte. Es ist ausgemittelt nach bester Form und Weise, dass Sie nicht der Mönch Medardus sein können, da eben dieser Medardus sich hier befindet und von dem Pater Cyrill, der sich durch Ihre ganz genaue Ähnlichkeit täuschen liess, anerkannt wurde, ja auch selbst gar nicht leugnet, dass er jener Kapuziner sei. Damit ist nun alles geschehen, was geschehen konnte, um Sie von jedem Verdacht zu reinigen, und um so mehr muss ich glauben, dass Sie sich frei von jeder Schuld fühlen." – Ein Gerichtsdiener rief in diesem Augenblick den Richter ab, und so wurde ein Gespräch unterbrochen, als es eben begann, mich zu peinigen.
Ich begab mich nach meiner wohnung und fand alles so wieder, wie ich es verlassen. Meine Papiere hatte man in Beschlag genommen, in ein Paket gesiegelt, lagen sie auf meinem Schreibtische, nur Viktorins Brieftasche, Euphemiens Ring und den Kapuzinerstrick vermisste ich, meine Vermutungen im Gefängnisse waren daher richtig. Nicht lange dauerte es, so erschien ein fürstlicher Diener, der mit einem Handbillet des Fürsten mir eine goldene, mit kostbaren Steinen besetzte Dose überreichte. "Es ist Ihnen übel mitgespielt worden, Herr von Krczynski," schrieb der Fürst, "aber weder ich noch meine Gerichte sind schuld daran. Sie sind einem sehr bösen Menschen auf ganz unglaubliche Weise ähnlich; alles ist aber nun zu Ihrem Besten aufgeklärt; ich sende Ihnen ein Zeichen meines Wohlwollens und hoffe, Sie bald zu sehen." – Des Fürsten Gnade war mir ebenso gleichgültig als sein Geschenk; eine düstre Traurigkeit, die geisttötend mein Inneres durchschlich, war die Folge des strengen Gefängnisses; ich fühlte, dass mir körperlich aufgeholfen werden müsse, und lieb war es mir daher, als der Leibarzt erschien. Das Ärztliche war bald besprochen. "Ist es nicht", fing nun der Leibarzt an, "eine besondere Fügung des Schicksals, dass eben in dem Augenblick, als man davon überzeugt zu sein glaubt, dass Sie jener abscheuliche Mönch sind, der in der Familie des baron von F. so viel Unheil anrichtete, dieser Mönch wirklich erscheint und Sie von jedem Verdacht rettet?"
"Ich muss versichern, dass ich von den näheren Umständen, die meine Befreiung bewirkten, nicht unterrichtet bin; nur im allgemeinen sagte mir der Richter, dass der Kapuziner Medardus, dem man nachspürte und für den man mich hielt, sich hier eingefunden habe."
"Nicht eingefunden hat er sich, sondern hergebracht ist er worden, festgebunden auf einem Wagen, und seltsamerweise zu derselben Zeit, als Sie hergekommen waren. Eben fällt mir ein, dass, als ich Ihnen einst jene wunderbaren Ereignisse erzählen wollte, die sich vor einiger Zeit an unserm hof zutrugen, ich gerade dann unterbrochen wurde, als ich auf den feindlichen Medardus, Franceskos Sohn, und auf seine verruchte Tat im schloss des baron von F. gekommen war. Ich nehme den Faden der Begebenheit da wieder auf, wo er damals abriss. – Die Schwester unserer Fürstin, wie Sie wissen, Äbtissin im Zisterzienserkloster zu B., nahm einst freundlich eine arme Frau mit einem kind auf, die von der Pilgerfahrt nach der heiligen Linde wiederkehrte."
"Die Frau war Franceskos Witwe, und der Knabe eben der Medardus."
"Ganz recht, aber wie kommen Sie dazu, dies zu wissen?"
"Auf die seltsamste Weise sind mir die geheimnisvollen Lebensumstände des Kapuziners Medardus bekannt worden. Bis zu dem Augenblick, als er aus dem Schloss des baron von F. entfloh, bin ich von dem, was sich dort zutrug, genau unterrichtet."
"Aber wie?. .. von wem?" ...
"Ein lebendiger Traum hat mir alles dargestellt."
"Sie scherzen?"
"Keinesweges. Es ist mir wirklich so, als hätte ich träumend die geschichte eines Unglücklichen gehört, der, ein Spielwerk dunkler Mächte, hin und her geschleudert und von Verbrechen zu