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du verstandest mich nicht! ... meine Liebe ist der Tod!" – so umsäuselte und umflüsterte mich Aureliens stimme, und fest stand mein Entschluss, dem Richter frei die merkwürdige geschichte meiner Verirrungen zu gestehen und dann mir den Tod zu geben.

Der Kerkermeister trat herein und brachte mir bessere speisen, als ich sonst zu erhalten pflegte, sowie eine Flasche Wein. – "Vom Fürsten so befohlen", sprach er, indem er den Tisch, den ihm sein Knecht nachtrug, deckte und die Kette, die mich an die Wand fesselte, losschloss. Ich bat ihn, dem Richter zu sagen, dass ich vernommen zu werden wünsche, weil ich vieles zu eröffnen hätte, was mir schwer auf dem Herzen liege. Er versprach, meinen Auftrag auszurichten, indessen wartete ich vergebens, dass man mich zum Verhör abholen solle; niemand liess sich mehr sehen, bis der Knecht, als es schon ganz finster worden, hereintrat und die am Gewölbe hängende Lampe anzündete. In meinem inneren war ich ruhiger als jemals, doch fühlte ich mich sehr erschöpft und versank bald in tiefen Schlaf. Da wurde ich in einen langen, düstern, gewölbten Saal geführt, in dem ich eine Reihe in schwarzen Talaren gekleideter Geistlicher erblickte, die der Wand entlang auf hohen Stühlen sassen. Vor ihnen, an einem mit blutroter Decke behangenen Tisch sass der Richter und neben ihm ein Dominikaner im Ordenshabit. "Du bist jetzt", sprach der Richter mit feierlich erhabener stimme, "dem geistlichen Gericht übergeben, da du, verstockter, freveliger Mönch, vergebens deinen Stand und Namen verleugnet hast. Franziskus, mit dem Klosternamen Medardus genannt, sprich, welcher Verbrechen bist du beziehen worden?" – Ich wollte alles, was ich je Sündhaftes und Freveliges begangen, offen eingestehen, aber zu meinem Entsetzen war das, was ich sprach, durchaus nicht das, was ich dachte und sagen wollte. Statt des ernsten, reuigen Bekenntnisses verlor ich mich in ungereimte, unzusammenhängende Reden. Da sagte der Dominikaner, riesengross vor mir dastehend und mit grässlich funkelndem blick mich durchbohrend: "Auf die Folter mit dir, du halsstarriger, verstockter Mönch!" Die seltsamen Gestalten rings umher erhoben sich und streckten ihre langen arme nach mir aus und riefen in heiseren grausigem Einklang: "Auf die Folter mit ihm!" Ich riss das Messer heraus und stiess nach meinem Herzen, aber der Arm fuhr unwillkürlich herauf; ich traf den Hals, und am Zeichen des Kreuzes sprang die Klinge wie in Glasscherben, ohne mich zu verwunden. Da ergriffen mich die Henkersknechte und stiessen mich hinab in ein tiefes unterirdisches Gewölbe. Der Dominikaner und der Richter stiegen mir nach. Noch einmal forderte mich dieser auf, zu gestehen. Nochmals strengte ich mich an, aber in tollem Zwiespalt stand Rede und Gedanke. – Reuevoll, zerknirscht von tiefer Schmach, bekannte ich im inneren allesabgeschmackt, verwirrt, sinnlos war, was der Mund ausstiess. Auf den Wink des Dominikaners zogen mich die Henkersknechte nackt aus, schnürten mir beide arme über den rücken zusammen, und hinaufgewunden fühlte ich, wie die ausgedehnten Gelenke knackend zerbröckeln wollten. In heillosem, wütendem Schmerz schrie ich laut auf und erwachte. Der Schmerz an den Händen und Füssen dauerte fort, er rührte von den schweren Ketten her, die ich trug, doch empfand ich noch ausserdem einen Druck über den Augen, die ich nicht aufzuschlagen vermochte. Endlich war es, als würde plötzlich eine Last mir von der Stirn genommen, ich richtete mich schnell empor, ein Dominikanermönch stand vor meinem Strohlager. Mein Traum trat in das Leben, eiskalt rieselte es mir durch die Adern. Unbeweglich wie eine Bildsäule, mit übereinander geschlagenen Armen stand der Mönch da und starrte mich an mit den hohlen schwarzen Augen. Ich erkannte den grässlichen Maler und fiel halb ohnmächtig auf mein Strohlager zurück. – Vielleicht war es nur eine Täuschung der durch den Traum aufgeregten Sinne? Ich ermannte mich, ich richtete mich auf, aber unbeweglich stand der Mönch und starrte mich an mit den hohlen schwarzen Augen. Da schrie ich in wahnsinniger Verzweiflung: "Entsetzlicher Mensch... hebe dich weg! ... Nein! ... Kein Mensch, du bist der Widersacher selbst, der mich stürzen will in ewige Verderbnis... hebe dich weg, Verruchter! hebe dich weg!" – "Armer, kurzsichtiger Tor, ich bin nicht der, der dich ganz unauflöslich zu umstricken strebt mit ehernen Banden! – der dich abwendig machen will dem heiligen Werk, zu dem dich die ewige Macht berief. – Medardus! – armer, kurzsichtiger Tor! – schreckbar, grauenvoll bin ich dir erschienen, wenn du über dem offenen grab ewiger Verdammnis leichtsinnig gaukeltest. Ich warnte dich, aber du hast mich nicht verstanden! Auf! nähere dich mir!" Der Mönch sprach alles dieses im dumpfen Ton der tiefen, herzzerschneidendsten Klage; sein blick, mir sonst so fürchterlich, war sanft und milde worden, Mensch, du bist der Widersacher selbst, der mich weicher die Form seines Gesichts. Eine unbeschreibliche Wehmut durchbebte mein Innerstes; wie ein Gesandter der ewigen Macht, mich aufzurichten, mich zu trösten im endlosen Elend, erschien mir der sonst so schreckliche Maler. – Ich stand auf vom Lager, ich trat ihm nahe, es war kein Phantom, ich berührte sein Kleid; ich kniete unwillkürlich nieder, er legte die Hand auf mein Haupt,