gelernt?"
"Nein!"
Der Richter klingelte und gab dem hereintretenden Gerichtsdiener leise einen Befehl. Bald darauf öffnete sich die tür, und wie durchbebten mich Schreck und Entsetzen, als ich den Pater Cyrillus eintreten sah. Der Richter fragte:
"kennen Sie diesen Mann?"
"Nein! ... ich habe ihn früher niemals gesehen!"
Da heftete Cyrillus den starren blick auf mich, dann trat er näher; er schlug die hände zusammen und rief laut, indem Tränen ihm aus den Augen gewaltsam hervorquollen: "Medardus, Bruder Medardus ...! um Christus willen, wie muss ich dich wiederfinden, im Verbrechen teuflisch frevelnd. Bruder Medardus, gehe in dich, bekenne, bereue... Gottes Langmut ist unendlich!" – Der Richter schien mit Cyrillus' Rede unzufrieden, er unterbrach ihn mit der Frage: "erkennen Sie diesen Mann für den Mönch Medardus aus dem Kapuzinerkloster in B.?"
"So wahr mir Christus helfe zur Seligkeit," erwiderte Cyrillus, "so kann ich nicht anders glauben, als dass dieser Mann, trägt er auch weltliche Kleidung, jener Medardus ist, der im Kapuzinerkloster zu B. unter meinen Augen Noviz war und die Weihe empfing. Doch hat Medardus das rote Zeichen eines Kreuzes an der linken Seite des Halses, und wenn dieser Mann"... "Sie bemerken," unterbrach der Richter den Mönch, sich zu mir wendend, "dass man Sie für den Kapuziner Medardus aus dem Kloster in B. hält und dass man eben diesen Medardus schwerer Verbrechen halber angeklagt hat. Sind Sie nicht dieser Mönch, so wird es Ihnen leicht werden, dies darzutun; eben dass jener Medardus ein besonderes Abzeichen am Halse trägt, – welches Sie, sind Ihre Angaben richtig, nicht haben können – gibt Ihnen die beste gelegenheit dazu. Entblössen Sie Ihren Hals." – "Es bedarf dessen nicht," erwiderte ich gefasst, "ein besonderes Verhängnis scheint mir die treueste Ähnlichkeit mit jenem angeklagten, mir gänzlich unbekannten Mönch Medardus gegeben zu haben, denn selbst ein rotes Kreuzzeichen trage ich an der linken Seite des Halses." – Es war dem wirklich so, jene Verwundung am Halse, die mir das diamantne Kreuz der Äbtissin zufügte, hatte eine rote, kreuzförmige Narbe hinterlassen, die die Zeit nicht vertilgen konnte. "Entblössen Sie Ihren Hals", wiederholte der Richter. – Ich tat es, da schrie Cyrillus laut: "Heilige Mutter Gottes, es ist es, es ist das rote Kreuzzeichen! ... Medardus... Ach, Bruder Medardus, hast du denn ganz entsagt dem ewigen Heil?" – Weinend und halb ohnmächtig sank er in einen Stuhl. "Was erwidern Sie auf die Behauptung dieses ehrwürdigen Geistlichen?" fragte der Richter. In dem Augenblick durchfuhr es mich wie eine Blitzesflamme: alle Verzagteit, die mich zu übermannen drohte, war von mir gewichen, ach, es war der Widersacher selbst, der mir zuflüsterte: "Was vermögen diese Schwächlinge gegen dich Starken in Sinn und Geist? ... Soll Aurelie denn nicht dein werden?" – Ich fuhr heraus beinahe in wildem, höhnendem Trotz: "Dieser Mönch da, der ohnmächtig im stuhl liegt, ist ein schwachsinniger, blöder Greis, der in toller Einbildung mich für irgend einen verlaufenen Kapuziner seines Klosters hält, von dem ich vielleicht eine flüchtige Ähnlichkeit trage." – Der Richter war bis jetzt in ruhiger Fassung geblieben, ohne blick und Ton zu ändern; zum erstenmal verzog sich nun sein Gesicht zum finstern, durchbohrenden Ernst, er stand auf und blickte mir scharf ins Auge. Ich muss gestehen, selbst das Funkeln seiner Gläser hatte für mich etwas Unerträgliches, Entsetzliches, ich konnte nicht weiter reden; von innerer verzweifelnder Wut grimmig erfasst, die geballte Faust vor der Stirn, schrie ich laut auf: "Aurelie!" – "Was soll das, was bedeutet der Name?" fragte der Richter heftig. – "Ein dunkles Verhängnis opfert mich dem schmachvollen tod," sagte ich dumpf, "aber ich bin unschuldig, gewiss... ich bin ganz unschuldig... entlassen Sie mich... haben Sie Mitleiden... ich fühle es, dass Wahnsinn mir durch Nerv und Adern zu toben beginnt... entlassen Sie mich!" – Der Richter, wieder ganz ruhig geworden, diktierte dem Protokollführer vieles, was ich nicht verstand, endlich las er mir eine Verhandlung vor, worin alles, was er gefragt und was ich geantwortet sowie was sich mit Cyrillus zugetragen hatte, verzeichnet war. Ich musste meinen Namen unterschreiben, dann forderte mich der Richter auf, irgend etwas polnisch und deutsch aufzuzeichnen, ich tat es. Der Richter nahm das deutsche Blatt und gab es dem Pater Cyrillus, der sich unterdessen wieder erholt hatte, mit der Frage in die hände: "Haben diese Schriftzüge Ähnlichkeit mit der Hand, die Ihr Klosterbruder Medardus schrieb?" – "Es ist ganz genau seine Hand, bis auf die kleinsten Eigentümlichkeiten", erwiderte Cyrillus und wandte sich wieder zu mir. Er wollte sprechen, ein blick des Richters wies ihn zur Ruhe. Der Richter sah das von mir geschriebene polnische Blatt sehr aufmerksam durch, dann stand er auf, trat dicht vor mir hin und sagte mit sehr ernstem, entscheidendem Ton: "Sie sind kein Pole. Diese Schrift ist durchaus unrichtig, voller grammatischer