1815_Hoffmann_039_60.txt

war ein kleines kugelrundes, höchst freundliches Männlein mit vergnügt blickenden Augen und einem roten Näschen; der Doktor Green ein robuster Mann von mittlern Jahren mit einem auffallenden Nationalgesicht, modern, aber nachlässig gekleidet, Brill' auf der Nase, Hut auf dem kopf. – 'Gebt mir Sekt, dass meine Augen rot werden!' rief er patetisch, indem er auf den Wirt zuschritt und ihn, bei der Brust packend, heftig schüttelte: 'Halunkischer Cambyses, sprich! wo sind die Prinzessinnen? Nach Kaffee riecht's und nicht nach Trank der Götter!' – 'Lass ab von mir, o Held, weg mit der starken Faust, zermalmst im Zorne mir die Rippen!' – rief der Wirt keuchend. 'Nicht eher, feiger Schwächling', fuhr der Doktor fort, 'bis süsser Dampf des Punsches, Sinn umnebelnd, Nase kitzelt, nicht eher lass ich dich, du ganz unwerter Wirt!' – Aber nun schoss Ewson grimmig auf den Doktor los und schalt: 'Unwürd'ger Green! Grün soll's dir werden vor den Augen, ja greinen sollst du gramerfüllt, wenn du nicht ablässt von schmachvoller Tat!' – Nun, dachte' ich, würde Zank und Tumult losbrechen, aber der Doktor sagte: 'So will ich, feiger Ohnmacht spottend, ruhig sein und harrn des Göttertranks, den du bereitet, würde'ger Ewson.' – Er liess den Wirt los, der eiligst davonsprang, setzte sich mit einer Catos Miene an den Tisch, ergriff die gestopfte Pfeife und blies grosse Dampfwolken von sich. – 'Ist das nicht, als wäre man im Teater?' sagte der freundliche Amtmann zu mir, 'aber der Doktor, der sonst kein teutsches Buch in die Hand nimmt, fand zufällig Schlegels Shakespeare bei mir, und seit der Zeit spielt er, nach seinem Ausdruck, uralte bekannte Melodien auf einem fremden Instrumente. Sie werden bemerkt haben, dass sogar der Wirt rhytmisch spricht, der Doktor hat ihn sozusagen eingejambt.' – Der Wirt brachte den dampfenden Punschnapf, und unerachtet Ewson und Green schwuren, er sei kaum trinkbar, so stürzten sie doch ein grosses Glas nach dem andern hinab. Wir führten ein leidlich Gespräch. Green blieb wortkarg, nur dann und wann gab er auf komische Weise, die Opposition behauptend, etwas von sich. So sprach z.B. der Amtmann von dem Teater in der Stadt, und ich versicherte, der erste Held spiele vortrefflich. – 'Das kann ich nicht finden', fiel sogleich der Doktor ein, 'Glauben Sie nicht, dass, hätte der Mann sechsmal besser gespielt, er des Beifalls viel würde'ger sein würde?' Ich musste das notgedrungen zugeben und meinte nur, dass dies sechsmal besser Spielen dem Schauspieler not tue, der die zärtlichen Väter ganz erbärmlich tragiere. – 'Das kann ich nicht finden', sagte Green wieder, 'der Mann gibt alles, was er in sich trägt! Kann er dafür, dass seine Tendenz sich zum Schlechten hinneigt? Er hat es aber im Schlechten zu rühmlicher Vollkommenheit gebracht, man muss ihn deshalb loben!' – Der Amtmann sass mit seinem Talent, die beiden anzuregen zu allerlei tollen Einfällen und Meinungen, in ihrer Mitte wie das exzitierende Prinzip, und so ging es fort, bis der starke Punsch zu wirken anfing. Da wurde Ewson ausgelassen lustig, er sang mit krächzender stimme Nationallieder, er warf Perücke und Rock durchs Fenster in den Hof und fing an, mit den sonderbarsten Grimassen auf so drollige Weise zu tanzen, dass man sich vor lachen hätte ausschütten mögen. Der Doktor blieb ernstaft, hatte aber die seltsamsten Visionen. Er sah den Punschnapf für eine Bassgeige an und wollte durchaus darauf herumstreichen, mit dem Löffel Ewsons Lieder akkompagnierend, wovon ihn nur des Wirts dringendste Protestationen abhalten konnten. – Der Amtmann war immer stiller und stiller geworden, am Ende stolperte er in eine Ecke des Zimmers, wo er sich hinsetzte und heftig zu weinen anfing. Ich verstand den Wink des Wirts und fragte den Amtmann um die Ursache seines tiefen Schmerzes. – 'Ach, ach!' brach er schluchzend los, 'der Prinz Eugen war doch ein grosser Feldherr, und dieser heldenmütige Fürst musste sterben. Ach! ach!' – und damit weinte er heftiger, dass ihm die hellen Tränen über die Backen liefen. Ich versuchte ihn über den Verlust dieses wackern Prinzen des längst vergangenen Jahrhunderts möglichst zu trösten, aber es war vergebens. Der Doktor Green hatte indessen eine grosse Lichtschere ergriffen und fuhr damit unaufhörlich gegen das offene Fenster. – Er hatte nichts geringeres im Sinn, als den Mond zu putzen, der hell hineinschien. Ewson sprang und schrie, als wäre er besessen von tausend Teufeln, bis endlich der Hausknecht, des hellen Mondscheins unerachtet, mit einer grossen Laterne in das Zimmer trat und laut rief: 'Da bin ich, meine Herren, nun kanns fortgehen.' Der Doktor stellte sich dicht vor ihm hin und sprach, ihm die Dampfwolken ins Gesicht blasend: 'Willkommen, Freund! Bist du der Squenz, der Mondschein trägt und Hund und Dornbusch? Ich habe dich geputzt, Halunke, darum scheinst du hell! Gut' Nacht denn, viel des schnöden Safts hab' ich getrunken, gut' Nacht, mein werter Wirt, gut' Nacht mein Pylades!' – Ewson schwur, dass kein Mensch zu