den reichen Vater beerbt, aus Lust und Liebe reise. Meinen Geburtsort verlegte ich nach dem polnischen Preussen und gab ihm einen solchen barbarischen, Zähne und Zunge zerbrechenden Namen, der der alten Dame das Ohr verletzte und ihr jede Lust benahm, noch einmal zu fragen. "Ei, ei," sagte die alte Dame, "Sie haben ein Gesicht, mein Herr, das hier gewisse traurige Erinnerungen wecken könnte, und sind vielleicht mehr als Sie scheinen wollen, da Ihr Anstand keinesweges auf einen Studenten der Teologie deutet."
Nachdem Erfrischungen gereicht worden, ging es in den Saal, wo der Pharotisch in Bereitschaft stand. Der Hofmarschall machte den Bankier, doch stand er, wie man mir sagte, mit dem Fürsten in der Art im Verein, dass er allen Gewinn behielt, der Fürst ihm aber jeden Verlust, insofern er den Fonds der Bank schwächte, ersetzte. Die Herren versammelten sich um den Tisch bis auf den Leibarzt, der durchaus niemals spielte, sondern bei den Damen blieb, die an dem Spiel keinen Anteil nahmen. Der Fürst rief mich zu sich, ich musste neben ihm stehen, und er wählte meine Karten, nachdem er mir in kurzen Worten das Mechanische des Spiels erklärt. Dem Fürsten schlugen alle Karten um, und auch ich befand mich, so genau ich den Rat des Fürsten befolgte, fortwährend im Verlust, der bedeutend wurde, da ein Louisdor als niedrigster Point galt. Meine Kasse war ziemlich auf der Neige, und schon oft hatte ich gesonnen, wie es gehen würde, wenn die letzten Louisdors ausgegeben, um so mehr war mir das Spiel, welches mich auf einmal arm machen konnte, fatal. Eine neue Taille begann, und ich bat den Fürsten, mich nun ganz mir selbst zu überlassen, da es scheine, als wenn ich, als ein ausgemacht unglücklicher Spieler, ihn auch in Verlust brächte. Der Fürst meinte lächelnd, dass ich noch vielleicht meinen Verlust hätte einbringen können, wenn ich nach dem Rat des erfahrnen Spielers fortgefahren, indessen wolle er nun sehen, wie ich mich benehmen würde, da ich mir so viel zutraue. – Ich zog aus meinen Karten, ohne sie anzusehen, blindlings eine heraus, es war die Dame. – Wohl mag es lächerlich zu sagen sein, dass ich in diesem blassen leblosen Kartengesicht Aureliens Züge zu entdecken glaubte. Ich starrte das Blatt an, kaum konnte ich meine innere Bewegung verbergen; der Zuruf des Bankiers, ob das Spiel gemacht sei, riss mich aus der Betäubung. Ohne mich zu besinnen, zog ich die letzten fünf Louisdors, die ich noch bei mir trug, aus der tasche und setzte sie auf die Dame. Sie gewann, nun setzte ich immer fort und fort auf die Dame, und immer höher, sowie der Gewinn stieg. Jedesmal, wenn ich wieder die Dame setzte, riefen die Spieler: "Nein, es ist unmöglich, jetzt muss die Dame untreu werden" – und alle Karten der übrigen Spieler schlugen um. "Das ist mirakulos, das ist unerhört", erscholl es von allen Seiten, indem ich still und in mich gekehrt, ganz mein Gemüt Aurelien zugewendet, kaum das Gold achtete, das mir der Bankier einmal übers andere zuschob. – Kurz, in den vier letzten Taillen hatte die Dame unausgesetzt gewonnen und ich die Taschen voll Gold. Es waren an zweitausend Louisdors, die mir das Glück durch die Dame zuzugeteilt, und unerachtet ich nun aller Verlegenheit entoben, so konnte ich mich doch eines inneren unheimlichen Gefühls nicht erwehren. – Auf wunderbare Art fand ich einen geheimen Zusammenhang zwischen dem glücklichen Schuss aufs Geratewohl, der neulich die Hühner herabwarf, und zwischen meinem heutigen Glück. Es wurde mir klar, dass nicht ich, sondern die fremde Macht, die in mein Wesen getreten, alles das Ungewöhnliche bewirke und ich nur das willenlose Werkzeug sei, dessen sich jene Macht bediene zu mir unbekannten Zwekken. Die Erkenntnis dieses Zwiespalts, der mein Inneres feindselig trennte, gab mir aber Trost, indem sie mir das allmähliche Aufkeimen eigner Kraft, die, bald stärker und stärker werdend, dem Feinde widerstehen und ihn bekämpfen werde, verkündete. – Das ewige Abspiegeln von Aureliens Bild konnte nichts anderes sein, als ein verruchtes Verlocken zum bösen Beginnen, und eben dieser frevelige Missbrauch des frommen lieben Bildes erfüllte mich mit Grausen und Abscheu.
In der düstersten Stimmung schlich ich des Morgens durch den Park, als mir der Fürst, der um die Stunde auch zu lustwandeln pflegte, entgegentrat. "Nun, Herr Leonard," rief er, "wie finden Sie mein Pharospiel? – Was sagen Sie von der Laune des Zufalls, der Ihnen alles tolle Beginnen verzieh und das Gold zuwarf? Sie hatten glücklicherweise die Karte Favorite getroffen, aber so blindlings dürfen Sie selbst der Karte Favorite nicht immer vertrauen." – Er verbreitete sich weitläuftig über den Begriff der Karte Favorite, gab mir die wohlersonnensten Regeln, wie man dem Zufall in die Hand spielen müsse, und schloss mit der Äusserung, dass ich nun mein Glück im Spiel wohl eifrigst verfolgen werde. Ich versicherte dagegen freimütig, dass es mein fester Vorsatz sei, nie mehr eine Karte anzurühren. Der Fürst sah mich verwundert an. – "Eben mein gestriges wunderbares Glück", fuhr ich fort, "hat diesen Entschluss erzeugt, denn alles das, was ich sonst von dem Gefährlichen, ja Verderblichen dieses Spiels gehört, ist dadurch bewährt worden