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, die Kammerjunker müssen aber lockere Menschen und Mädchenverführer sein. – Jedes Gesicht ist kunstmässig in freundliche Falten gelegt, aber im Herzen Lug und Trug; sie schmelzen vor Freundschaft und Zärtlichkeit, sie bücken und krümmen sich, aber jeder ist des andern unversöhnlicher Feind und sucht ihm hinterlistig ein Bein zu stellen, dass er rettungslos umschlägt und der Hintermann in seine Stelle tritt, bis ihm ein gleiches widerfährt. Die Hofdamen sind hässlich, stolz, ränkevoll, dabei verliebt und stellen Netze und Sprenkeln, vor denen man sich zu hüten hat wie vor dem Feuer! – So stand das Bild eines Hofes in meiner Seele, als ich im Seminar so viel davon gelesen; es war mir immer, als treibe der Teufel da recht ungestört sein Spiel, und unerachtet mir Leonardus manches von Höfen, an denen er sonst gewesen, erzählte, was zu meinen Begriffen davon durchaus nicht passen wollte, so blieb mir doch eine gewisse Scheu vor allem Höfischen zurück, die noch jetzt, da ich im Begriff stand, einen Hof zu sehen, ihre wirkung äusserte. Mein Verlangen, der Fürstin näher zu treten, ja eine innere stimme, die mir unaufhörlich wie in dunklen Worten zurief, dass hier mein Geschick sich bestimmen werde, trieben mich unwiderstehlich fort, und um die bestimmte Stunde befand ich mich, nicht ohne innere Beklemmung, im fürstlichen Vorsaal. –

Mein ziemlich langer Aufentalt in jener Reichsund Handelsstadt hatte mir dazu gedient, all das Ungelenke, Steife, Eckichte meines Betragens, das mir sonst noch vom Klosterleben anklebte, ganz abzuschleifen. Mein von natur geschmeidiger, vorzüglich wohlgebauter Körper gewöhnte sich leicht an die ungezwungene freie Bewegung, die dem Weltmann eigen. Die Blässe, die den jungen Mönch auch bei schönem Gesicht entstellt, war aus meinem Gesicht verschwunden, ich befand mich in den Jahren der höchsten Kraft, die meine Wangen rötete und aus meinen Augen blitzte; meine dunkelbraunen Locken verbargen jedes Überbleibsel der Tonsur. Zu dem allen kam, dass ich eine feine, zierliche schwarze Kleidung im neuesten Geschmack trug, die ich aus der Handelsstadt mitgebracht, und so konnte es nicht fehlen, dass meine Erscheinung angenehm auf die schon Versammelten wirken musste, wie sie es durch ihr zuvorkommendes Betragen, das, sich in den Schranken der höchsten Feinheit haltend, nicht zudringlich wurde, bewiesen. So wie nach meiner aus Romanen und Komödien gezogenen Teorie der Fürst, als er mit mir im Parke sprach, bei den Worten: "Ich bin der Fürst", eigentlich den Oberrock rasch aufknöpfen und mir einen grossen Stern entgegenblitzen lassen musste, so sollten auch all die Herren, die den Fürsten umgaben, in gestickten Röcken, steifen Frisuren u.s.w. einhergehen, und ich war nicht wenig verwundert, nur einfache geschmackvolle Anzüge zu bemerken. Ich nahm wahr, dass mein Begriff vom Leben am hof wohl überhaupt ein kindisches Vorurteil sein könne, meine Befangenheit verlor sich, und ganz ermutigte mich der Fürst, der mit den Worten auf mich zutrat: "Sieh da, Herr Leonard!" und dann über meinen strengen kunstrichterlichen blick scherzte, mit dem ich seinen Park gemustert. – Die Flügeltüren öffneten sich, und die Fürstin trat in den Konversationssaal, nur von zwei Hofdamen begleitet. Wie erbebte ich bei ihrem Anblick im Innersten, wie war sie nun beim Schein der Lichter meiner Pflegemutter noch ähnlicher als sonst. – Die Damen umringten sie, man stellte mich vor, sie sah mich an mit einem blick, der Erstaunen, eine innere Bewegung verriet; sie lispelte einige Worte, die ich nicht verstand, und kehrte sich dann zu einer alten Dame, der sie etwas leise sagte, worüber diese unruhig wurde und mich scharf anblickte. Alles dieses geschah in einem Moment. – Jetzt teilte sich die Gesellschaft in kleinere und grössere Gruppen, lebhafte gespräche begannen, es herrschte ein freier ungezwungener Ton, und doch fühlte man es, dass man sich im Zirkel des Hofes, in der Nähe des Fürsten befand, ohne dass dies Gefühl nur im mindesten gedrückt hätte. Kaum eine einzige Figur fand ich, die in das Bild des Hofes, wie ich ihn mir sonst dachte, gepasst haben sollte. Der Hofmarschall war ein alter lebenslustiger, aufgeweckter Mann, die Kammerjunker muntre Jünglinge, die nicht im mindesten darnach aussahen, als führten sie Böses im Schilde. Die beiden Hofdamen schienen Schwestern, sie waren sehr jung und ebenso unbedeutend, zum Glück aber sehr anspruchslos geputzt. Vorzüglich war es ein kleiner Mann mit aufgestützter Nase und lebhaft funkelnden Augen, schwarz gekleidet, den langen Stahldegen an der Seite, der, indem er sich mit unglaublicher Schnelle durch die Gesellschaft wand und schlängelte und bald hier, bald dort war, nirgends weilend, keinem Rede stehend, hundert witzige, sarkastische Einfälle wie Feuerfunken umhersprühte, überall reges Leben entzündete. Es war des Fürsten Leibarzt. – Die alte Dame, mit der die Fürstin gesprochen, hatte unbemerkt mich so geschickt zu umkreisen gewusst, dass ich, ehe ich mir's versah, mit ihr allein im Fenster stand. Sie liess sich alsbald in ein Gespräch mit mir ein, das, so schlau sie es anfing, bald den einzigen Zweck verriet, mich über meine Lebensverhältnisse auszufragen. – Ich war auf dergleichen vorbereitet, und überzeugt, dass die einfachste, anspruchloseste Erzählung in solchen Fällen die unschädlichste und gefahrloseste ist, schränkte ich mich darauf ein, ihr zu sagen, dass ich ehemals Teologie studiert, jetzt aber, nachdem ich