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jetzt noch nicht nach Namen und Stand gefragt hat und der Gastwirt keinesweges, wie in andern Städten, in der ersten Viertelstunde mit dem grossen buch unterm Arm feierlich angerückt ist, worin man genötigt wird, seinen eignen Steckbrief mit stumpfer Feder und blasser Tinte hineinzukritzeln. Kurz, die ganze Einrichtung unseres kleinen staates, in dem die wahre Lebensweisheit herrscht, geht von unserm herrlichen Fürsten aus, da vorher die Menschen, wie man mir gesagt hat, durch albernen Pedantismus eines Hofes, der die Ausgabe des benachbarten grossen Hofes in Taschenformat war, gequält wurden. Der Fürst liebt Künste und Wissenschaft, daher ist ihm jeder geschickte Künstler, jeder geistreiche Gelehrte willkommen, und der Grad seines Wissens nur ist die Ahnenprobe, die die Fähigkeit bestimmt, in der nächsten Umgebung des Fürsten erscheinen zu dürfen. Aber eben in die Kunst und Wissenschaft des vielseitig gebildeten Fürsten hat sich etwas von dem Pedantismus geschlichen, der ihn bei seiner Erziehung einzwängte und der sich jetzt in dem sklavischen Anhängen an irgend eine Form ausspricht. Er schrieb und zeichnete den Baumeistern mit ängstlicher Genauigkeit jedes Detail der Gebäude vor, und jede geringe Abweichung von dem aufgestellten Muster, das er mühsam aus allen nur möglichen antiquarischen Werken herausgesucht, konnte ihn ebenso ängstigen, als wenn dieses oder jenes dem verjüngten Massstab, den ihm die beengten Verhältnisse aufdrangen, sich durchaus nicht fügen wollte. Durch eben das Anhängen an diese oder jene Form, die er liebgewonnen, leidet auch unser Teater, das von der einmal bestimmten Manier, der sich die heterogensten Elemente fügen müssen, nicht abweicht. Der Fürst wechselt mit gewissen Lieblingsneigungen, die aber gewiss niemals irgend jemandem zu nahe treten. Als der Park angelegt wurde, war er leidenschaftlicher Baumeister und Gärtner, dann begeisterte ihn der Schwung, den seit einiger Zeit die Musik genommen, und dieser Begeisterung verdanken wir die Einrichtung einer ganz vorzüglichen Kapelle. – Dann beschäftigte ihn die Malerei, in der er selbst das Ungewöhnliche leistet. Selbst bei den täglichen Belustigungen des Hofes findet dieser Wechsel statt. – Sonst wurde viel getanzt, jetzt wird an Gesellschaftstagen eine Pharobank gehalten, und der Fürst, ohne im mindesten eigentlicher Spieler zu sein, ergötzt sich an den sonderbaren Verknüpfungen des Zufalls, doch bedarf es nur irgend eines Impulses, um wieder etwas anderes an die Tagesordnung zu bringen. Dieser schnelle Wechsel der Neigungen hat dem guten Fürsten den Vorwurf zugezogen, dass ihm diejenige Tiefe des Geistes fehle, in der sich, wie in einem klaren sonnenhellen See, das farbenreiche Bild des Lebens unverändert spiegelt; meiner Meinung nach tut man ihm aber unrecht, da eine besondere Regsamkeit des Geistes nur ihn dazu treibt, diesem oder jenem nach erhaltenem Impuls mit besonderer leidenschaft nachzuhängen, ohne dass darüber das ebenso Edle vergessen oder auch nur vernachlässigt werden sollte. Daher kommt es, dass Sie diesen Park so wohl erhalten sehen, dass unsere Kapelle, unser Teater fortdauernd auf alle mögliche Weise unterstützt und gehoben, dass die Gemäldesammlung nach Kräften bereichert wird. Was aber den Wechsel der Unterhaltungen bei hof betrifft, so ist das wohl ein heitres Spiel im Leben, das jeder dem regsamen Fürsten zur Erholung vom ernsten, oft mühevollen Geschäft recht herzlich gönnen mag." Wir gingen eben bei ganz herrlichen, mit tiefem malerischem Sinn gruppierten Gebüschen und Bäumen vorüber, ich äusserte meine Bewunderung, und mein Begleiter sagte: "Alle diese Anlagen, diese Pflanzungen, diese Blumengruppen sind das Werk der vortrefflichen Fürstin. Sie ist selbst vollendete Landschaftsmalerin und ausserdem die Naturkunde ihre Lieblingswissenschaft. Sie finden daher ausländische Bäume, seltene Blumen und Pflanzen, aber nicht wie zur Schau ausgestellt, sondern mit tiefem Sinn so geordnet und in zwanglose Partien verteilt, als wären sie ohne alles Zutun der Kunst aus heimatlichem Boden entsprossen. – Die Fürstin äusserte einen Abscheu gegen all die aus Sandstein unbeholfen gemeisselten Götter und Göttinnen, Najaden und Dryaden, wovon sonst der Park wimmelte. Diese Standbilder sind deshalb verbannt worden, und Sie finden nur noch einige gute Kopien nach der Antike, die der Fürst gewisser, ihm teurer Erinnerungen wegen gern im Park behalten wollte, die aber die Fürstin so geschicktmit zartem Sinn des Fürsten innerste Willensmeinung ergreifendaufstellen zu lassen wusste, dass sie auf jeden, dem auch die geheimeren Beziehungen fremd sind, ganz wunderbar wirken." Es war später Abend geworden, wir verliessen den Park, mein Begleiter nahm die Einladung an, mit mir im Gastofe zu speisen, und gab sich endlich als den Inspektor der fürstlichen Bildergalerie zu erkennen.

Ich äusserte ihm, als wir bei der Mahlzeit vertrauter geworden, meinen herzlichen Wunsch, der fürstlichen Familie näher zu treten, und er versicherte, dass nichts leichter sei als dieses, da jeder gebildete, geistreiche Fremde im Zirkel des Hofes willkommen wäre. Ich dürfe nur dem Hofmarschall den Besuch machen und ihn bitten, mich dem Fürsten vorzustellen. Diese diplomatische Art, zum Fürsten zu gelangen, gefiel mir um so weniger, als ich kaum hoffen konnte, gewissen lästigen fragen des Hofmarschalls über das "Woher?", über Stand und Charakter zu entgehen; ich beschloss daher, dem Zufall zu vertrauen, der mir vielleicht den kürzeren Weg zeigen würde, und das traf auch in der Tat bald ein. Als ich nämlich eines Morgens in dem zur Stunde gerade ganz menschenleeren Park lustwandelte, begegnete mir der Fürst in einem schlichten Oberrock. Ich grüsste ihn, als sei er mir gänzlich unbekannt, er blieb stehen und eröffnete das Gespräch mit der Frage, ob ich fremd hier