" erwiderte der Förster, "und ich mag um so weniger darnach fragen, als es mir beinahe gewiss ist, dass es wohl derselbe Unglückliche sein mag, der unlängst das Gespräch des Hofes war, unerachtet man seine Nähe nicht vermutete und ich auch meine Vermutung zum wahren Besten des Mönchs nicht gerade bei hof laut werden lassen mochte." – "Aber ich darf sie wohl erfahren," versetzte ich, "da ich ein Fremder bin und noch überdies mit Hand und Mund versprechen will, gewissenhaft zu schweigen." – "Sie müssen wissen," sprach der Förster weiter, "dass die Schwester unserer Fürstin Äbtissin des Zisterzienserklosters in *** ist. Diese hatte sich des Sohnes einer armen Frau, deren Mann mit unserm hof in gewissen geheimnisvollen Beziehungen gestanden haben soll, angenommen und ihn aufziehen lassen. Aus Neigung wurde er Kapuziner und als Kanzelredner weit und breit bekannt. Die Äbtissin schrieb ihrer Schwester sehr oft über den Pflegling und betrauerte vor einiger Zeit tief seinen Verlust. Er soll durch den Missbrauch einer Reliquie schwer gesündigt haben und aus dem Kloster, dessen Zierde er so lange war, verbannt worden sein. Alles dieses weiss ich aus einem Gespräch des fürstlichen Leibarztes mit einem andern Herrn vom hof, das ich vor einiger Zeit anhörte. Sie erwähnten einiger sehr merkwürdiger Umstände, die mir jedoch, weil ich all die Geschichten nicht von Grund aus kenne, unverständlich geblieben und wieder entfallen sind. Erzählt nun auch der Mönch seine Errettung aus dem Klostergefängnis auf andere Weise, soll sie nämlich durch den Satan geschehen sein, so halte ich dies doch für eine Einbildung, die ihm noch vom Wahnsinn zurückblieb, und meine, dass der Mönch kein anderer als eben der Bruder Medardus ist, den die Äbtissin zum geistlichen stand erziehen liess, und den der Teufel zu allerlei Sünden verlockte, bis ihn Gottes Gericht mit viehischer Raserei strafte."
Als der Förster den Namen Medardus nannte, durchbebte mich ein innerer Schauer, ja die ganze Erzählung hatte mich wie mit tödlichen Stichen, die mein Innerstes trafen, gepeinigt. – Nur zu sehr war ich überzeugt, dass der Mönch die Wahrheit gesprochen, da nur eben ein solches Getränk der Hölle, das er lüstern genossen, ihn aufs neue in verruchten gotteslästerlichen Wahnsinn gestürzt hatte. – Aber ich selbst war herabgesunken zum elenden Spielwerk der bösen, geheimnisvollen Macht, die mich mit unauflöslichen Banden umstrickt hielt, so dass ich, der ich frei zu sein glaubte, mich nur innerhalb des Käfichts bewegte, in den ich rettungslos gesperrt worden. – Die guten Lehren des frommen Cyrillus, die ich unbeachtet liess, die Erscheinung des Grafen und seines leichtsinnigen Hofmeisters, alles kam mir in den Sinn. – Ich wusste nun, woher die plötzliche Gärung im inneren, die Änderung meines Gemüts entstanden; ich schämte mich meines freveligen Beginnens, und diese Scham galt mir in dem Augenblick für die tiefe Reue und Zerknirschung, die ich in wahrhafter Busse hätte empfinden sollen. So war ich in tiefes Nachdenken versunken und hörte kaum auf den Alten, der nun, wieder auf die Jägerei gekommen, mir manchen Strauss schilderte, den er mit den bösen Freischützen gehabt. Die Dämmerung war eingebrochen, und wir standen vor dem Gebüsch, in dem die Hühner liegen sollten; der Förster stellte mich auf meinen Platz, schärfte mir ein, weder zu sprechen noch sonst mich viel zu regen und mit gespanntem Hahn recht sorglich zu lauschen. Die Jäger schlichen leise auf ihre Plätze, und ich stand einsam in der Dunkelheit, die immer mehr zunahm. – Da traten Gestalten aus meinem Leben hervor im düstern wald. Ich sah meine Mutter, die Äbtissin, sie schauten mich an mit strafenden Blicken. – Euphemie rauschte auf mich zu mit totenbleichem Gesicht und starrte mich an mit ihren schwarzen glühenden Augen, sie erhob ihre blutigen hände, mir drohend, ach, es waren Blutstropfen, Hermogens Todeswunde entquollen, ich schrie auf! – Da schwirrte es über mir in starkem Flügelschlag, ich schoss blindlings in die Luft, und zwei Hühner stürzten getroffen herab. "Bravo!" rief der unfern von mir stehende Jägerbursche, indem er das dritte herabschoss. – Schüsse knallten jetzt ringsumher, und die Jäger versammelten sich, jeder seine Beute herbeitragend. Der Jägerbursche erzählte, nicht ohne listige Seitenblicke auf mich, wie ich ganz laut aufgeschrien, da die Hühner dicht über meinem Kopf weggestrichen, als hätte ich grossen Schreck, und dann, ohne einmal recht anzulegen, blindlings drunter geschossen und doch zwei Hühner getroffen; ja, es sei in der Finsternis ihm vorgekommen, als hätte ich das Gewehr ganz nach anderer Richtung hingehalten, und doch wären die Hühner gestürzt. Der alte Förster lachte laut auf, dass ich so über die Hühner erschrocken sei und mich nur gewehrt habe mit Drunterschiessen. – "übrigens, mein Herr," fuhr er fort, "will ich hoffen, dass Sie ein ehrlicher frommer Weidmann und kein Freijäger sind, der es mit dem Bösen hält und hinschiessen kann, wo er will, ohne das zu fehlen, was er zu treffen willens." – Dieser gewiss unbefangene Scherz des Alten traf mein Innerstes, und selbst mein glücklicher Schuss in jener aufgeregten entsetzlichen Stimmung, den doch nur der Zufall herbeigeführt, erfüllte mich mit Grauen. Mit meinem Selbst mehr als jemals entzweit, wurde ich mir selbst zweideutig, und ein inneres Grausen umfing mein eigenes Wesen mit zerstörender Kraft.
Als wir ins Haus zurückkamen, berichtete Christian, dass