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Leben glühenden Bilde hervorstrahlten. – Der kindliche milde blick des frommen Kindes schien den verruchten Mörder des Bruders anzuklagen, aber jedes Gefühl der Reue erstarb in dem bittern feindlichen Hohn, der, in meinem inneren aufkeimend, mich wie mit giftigen Stacheln hinaustrieb aus dem freundlichen Leben. – Nur das peinigte mich, dass in jener verhängnisvollen Nacht auf dem schloss Aurelie nicht mein geworden. Hermogens Erscheinung vereitelte das Unternehmen, aber er büsste mit dem tod! – Aurelie lebt, und das ist genug, der Hoffnung Raum zu geben, sie zu besitzen! – Ja, es ist gewiss, dass sie noch mein wird, denn das Verhängnis waltet, dem sie nicht entgehen kann; und bin ich nicht selbst dieses Verhängnis?

So ermutigte ich mich zum Frevel, indem ich das Bild anstarrte. Der Alte schien über mich verwundert. Er kramte viel Worte aus über Zeichnung, Ton, Kolorit, ich hörte ihn nicht. Der Gedanke an Aurelie, die Hoffnung, die nur aufgeschobene böse Tat noch zu vollbringen, erfüllte mich so ganz und gar, dass ich forteilte, ohne nach dem fremden Maler zu fragen und so vielleicht näher zu erforschen, was für eine Bewandtnis es mit den Gemälden haben könne, die wie in einem Zyklus Andeutungen über mein ganzes Leben entielten. – Um Aureliens Besitz war ich entschlossen alles zu wagen, ja es war mir, als ob ich selbst, über die Erscheinungen meines Lebens gestellt und sie durchschauend, niemals zu fürchten und daher auch niemals zu wagen haben könne. Ich brütete über allerlei Pläne und Entwürfe, meinem Ziele näher zu kommen, vorzüglich glaubte ich nun, von dem fremden Maler manches zu erfahren und manche mir fremde Beziehung zu erforschen, die mir zu wissen als Vorbereitung zu meinem Zweck nötig sein konnte. Ich hatte nämlich nichts Geringeres im Sinn, als in meiner jetzigen neuen Gestalt auf das Schloss zurückzukehren, und das schien mir nicht einmal ein sonderlich kühnes Wagstück zu sein. – Am Abend ging ich in jene Gesellschaft; es war mir darum zu tun, der immer steigenden Spannung meines Geistes, dem ungezähmten arbeiten meiner aufgeregten Phantasie Schranken zu setzen. –

Man sprach viel von den Gemälden des fremden Malers und vorzüglich von dem seltnen Ausdruck, den er seinen Porträts zu geben wüsste; es war mir möglich, in dies Lob einzustimmen und mit einem besonderen Glanz des Ausdrucks, der nur der Reflex der höhnenden Ironie war, die in meinem inneren wie verzehrendes Feuer brannte, die unnennbaren Reize, die über Aureliens frommes engelschönes Gesicht verbreitet, zu schildern. Einer sagte, dass er den Maler, den die Vollendung mehrerer Porträts, die er angefangen, noch am Orte festielt und der ein interessanter herrlicher Künstler, wiewohl schon ziemlich bejahrt sei, morgen abends in die Gesellschaft mitbringen wolle.

Von seltsamen Gefühlen, von unbekannten Ahnungen bestürmt, ging ich den andern Abend später als gewöhnlich in die Gesellschaft; der Fremde sass mit mir zugekehrtem rücken am Tische. Als ich mich setzte, als ich ihn erblickte, da starrten mir die Züge jenes fürchterlichen Unbekannten entgegen, der am Antoniustage an den Eckpfeiler gelehnt stand und mich mit Angst und Entsetzen erfüllte. – Er sah mich lange an mit tiefem Ernst, aber die Stimmung, in der ich mich befand, seitdem ich Aureliens Bild geschaut hatte, gab mir Mut und Kraft, diesen blick zu ertragen. Der Feind war nun sichtlich ins Leben getreten, und es galt, den Kampf auf den Tod mit ihm zu beginnen. – Ich beschloss, den Angriff abzuwarten, aber dann ihn mit den Waffen, auf deren Stärke ich bauen konnte, zurückzuschlagen. Der Fremde schien mich nicht sonderlich zu beachten, sondern setzte, den blick wieder von mir abwendend, das Kunstgespräch fort, in dem er begriffen gewesen, als ich eintrat. Man kam auf seine Gemälde und lobte vorzüglich Aureliens Porträt. Jemand behauptete, dass das Bild, unerachtet es sich auf den ersten blick als Porträt ausspreche, doch als Studie dienen und zu irgend einer Heiligen benutzt werden könne. – Man fragte nach meinem Urteil, da ich eben jenes Bild so herrlich mit allen seinen Vorzügen in Worten dargestellt, und unwillkürlich fuhr es mir heraus, dass ich die heilige Rosalia mir nicht wohl anders denken könne, als ebenso wie das Porträt der Unbekannten. Der Maler schien meine Worte kaum zu bemerken, indem er sogleich einfiel: "In der Tat ist jenes Frauenzimmer, die das Porträt getreulich darstellt, eine fromme Heilige, die im Kampfe sich zum Himmlischen erhebt. Ich habe sie gemalt, als sie, von dem entsetzlichsten Jammer ergriffen, doch in der Religion Trost und von dem ewigen Verhängnis, das über den Wolken tront, Hilfe hoffte; und den Ausdruck dieser Hoffnung, die nur in dem Gemüt wohnen kann, das sich über das Irdische hoch erhebt, habe ich dem Bilde zu geben gesucht." – Man verlor sich in andere gespräche, der Wein, der heute dem fremden Maler zu Ehren in bessrer Sorte und reichlicher getrunken wurde als sonst, erheiterte die Gemüter. Jeder wusste irgend etwas Ergötzliches zu erzählen, und wiewohl der Fremde nur im inneren zu lachen und dies innere lachen sich nur im Auge abzuspiegeln schien, so wusste er doch, oft nur durch ein paar hineingeworfene kräftige Worte, das Ganze in besonderem Schwunge zu erhalten. – Konnte ich auch, so oft mich der Fremde ins Auge fasste, ein unheimliches grauenhaftes Gefühl nicht unterdrücken, so überwand ich doch immer mehr und