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seinen Damon vorstellte. – Damon mass mich mit den Augen und suchte dann selbst aus dem Paket, das ihm ein Bursche nachgetragen, Kleidungsstücke heraus, die den Wünschen, welche ich ihm eröffnet, ganz entsprachen. Ja, erst in der Folge habe ich den feinen Takt des Kostümkünstlers, wie ihn der Kleine preziös nannte, eingesehen, der in dem Sinn durchaus nicht aufzufallen, sondern unbemerkt und doch beim Bemerktwerden geachtet, ohne Neugierde über Stand, Gewerbe u.s.w. zu erregen, zu wandeln, so richtig wählte. Es ist in der Tat schwer, sich so zu kleiden, dass der gewisse allgemeinere Charakter des Anzuges irgend eine Vermutung, man treibe dies oder jenes Gewerbe, nicht aufkommen lässt, ja, dass niemand daran denkt, darauf zu sinnen. Das Kostüm des Weltbürgers wird wohl nur durch das Negative bedingt und läuft ungefähr darauf hinaus, was man das gebildete Benehmen heisst, das auch mehr im Unterlassen als im Tun liegt. – Der Kleine ergoss sich noch in allerlei sonderbaren grotesken Redensarten, ja, da ihm vielleicht wenige so williges Ohr verliehen als ich, schien er überglücklich, sein Licht recht leuchten lassen zu können. – Damon, ein ernster und, wie mir schien, verständiger Mann, schnitt ihm aber plötzlich die Rede ab, indem er ihn bei der Schulter fasste und sprach: "Schönfeld, du bist heute wieder einmal recht im zug, tolles Zeug zu schwatzen; ich wette, dass dem Herrn schon die Ohren wehe tun von all dem Unsinn, den du vorbringst." – Belcampo liess traurig sein Haupt sinken, aber dann ergriff er schnell den bestaubten Hut und rief laut, indem er zur tür hinaussprang: "So werde' ich prostituiert von meinen besten Freunden!" – Damon sagte, indem er sich mir empfahl: "Es ist ein Hasenfuss ganz eigner Art, dieser Schönfeld! – Das viele Lesen hat ihn halb verrückt gemacht, aber sonst ein gutmütiger Mensch und in seinem Metier geschickt, weshalb ich ihn leiden mag, denn leistet man recht viel wenigstens in einer Sache, so kann man sonst wohl etwas weniges über die Schnur hauen." – Als ich allein war, fing ich vor dem grossen Spiegel, der im Zimmer aufgehängt war, eine förmliche Übung im Gehen an. Der kleine Friseur hatte mir einen richtigen Fingerzeig gegeben. Den Mönchen ist eine gewisse schwerfällige, ungelenke Geschwindigkeit im Gehen eigen, die durch die lange Kleidung, welche die Schritte hemmt, und durch das Streben, sich schnell zu bewegen, wie es der Kultus erfordert, hervorgebracht wird. Ebenso liegt in dem zurückgebeugten Körper und in dem Tragen der arme, die niemals herunterhängen dürfen, da der Mönch die hände, wenn er sie nicht faltet, in die weiten Ärmel der Kutte steckt, etwas so Charakteristisches, das dem Aufmerksamen nicht leicht entgeht. Ich versuchte dies alles abzulegen, um jede Spur meines Standes zu verwischen. Nur darin fand ich Trost für mein Gemüt, dass ich mein ganzes Leben als ausgelebt, möchte' ich sagen, als überstanden ansah und nun in ein neues Sein so eintrat, als belebe ein geistiges Prinzip die neue Gestalt, von der überbaut, selbst die Erinnerung ehemaliger Existenz, immer schwächer und schwächer werdend, endlich ganz unterginge. Das Gewühl der Menschen, der fortdauernde Lärm des Gewerbes, das sich auf den Strassen rührte, alles war mir neu und ganz dazu geeignet, die heitre Stimmung zu erhalten, in die mich der komische Kleine versetzt. In meiner neuen anständigen Kleidung wagte ich mich hinab an die zahlreiche Wirtstafel, und jede Scheu verschwand, als ich wahrnahm, dass mich niemand bemerkte, ja dass mein nächster Nachbar sich nicht einmal die Mühe gab, mich anzuschauen, als ich mich neben ihn setzte. In der Fremdenliste hatte ich, meiner Befreiung durch den Prior gedenkend, mich Leonhard genannt und für einen Privatmann ausgegeben, der zu seinem Vergnügen reise. Dergleichen Reisende mochte es in der Stadt gar viele geben, und um so weniger veranlasste ich weitere Nachfrage. – Es war mir ein eigenes Vergnügen, die Strassen zu durchstreichen und mich an dem Anblick der reichen Kaufladen, der ausgehängten Bilder und Kupferstiche zu ergötzen. Abends besuchte ich die öffentlichen Spaziergänge, wo mich oft meine Abgeschiedenheit mitten im lebhaftesten Gewühl der Menschen mit bittern Empfindungen erfüllte. – Von niemanden gekannt zu sein, in niemandes Brust die leiseste Ahnung vermuten zu können, wer ich sei, welch ein wunderbares, merkwürdiges Spiel des Zufalls mich hieher geworfen, ja was ich alles in mir selbst verschliesse, so wohltätig es mir in meinem Verhältnis sein musste, hatte doch für mich etwas wahrhaft Schauerliches, indem ich mir selbst dann vorkam wie ein abgeschiedener Geist, der noch auf Erden wandle, da alles ihm sonst im Leben Befreundete längst gestorben. Dachte ich daran, wie ehemals den berühmten Kanzelredner alles freundlich und ehrfurchtsvoll grüsste, wie alles nach seiner Unterhaltung, ja nach ein paar Worten von ihm geizte, so ergriff mich bittrer Unmut. – Aber jener Kanzelredner war der Mönch Medardus, der ist gestorben und begraben in den Abgründen des Gebirges, ich bin es nicht, denn ich lebe, ja mir ist erst jetzt das Leben neu aufgegangen, das mir seine Genüsse bietet. – So war es mir, wenn Träume mir die begebenheiten im schloss wiederholten, als wären sie einem anderen, nicht mir, geschehen; dieser andere war doch wieder der Kapuziner, aber nicht ich selbst.