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wilden Bussübungen im Kapuzinerkloster. Erst jetzt war mein Geist fähig, das Wahre von dem Falschen zu unterscheiden, und bei diesem klaren Bewusstsein musste jede neue Prüfung des Feindes wirkungslos bleiben. – Nicht Aureliens Tod, sondern nur die als grässlich und entsetzlich erscheinende Art desselben hatte mich in den ersten Augenblicken so tief erschüttert; aber wie bald erkannte ich, dass die Gunst der ewigen Macht sie das Höchste bestehen liess! – Das Martyrium der geprüften, entsündigten Christusbraut! – War sie denn für mich untergegangen? Nein! jetzt erst, nachdem sie der Erde voller Qual entrückt, wurde sie mir der reine Strahl der ewigen Liebe, der in meiner Brust aufglühte. Ja! Aureliens Tod war das Weihfest jener Liebe, die, wie Aurelie sprach, nur über den Sternen tront und nichts gemein hat mit dem Irdischen. – Diese Gedanken erhoben mich über mein irdisches Selbst, und so waren wohl jene Tage im Zisterzienserkloster die wahrhaft seligsten meines Lebens.

Nach der Exportation, welche am folgenden Morgen stattfand, wollte Leonardus mit den Brüdern nach der Stadt zurückkehren; die Äbtissin liess mich, als schon der Zug beginnen sollte, zu sich rufen. Ich fand sie allein in ihrem Zimmer, sie war in der höchsten Bewegung, die Tränen stürzten ihr aus den Augen. "Allesalles weiss ich jetzt, mein Sohn Medardus! Ja, ich nenne dich so wieder, denn überstanden hast du die Prüfungen, die über dich Unglücklichen, Bedauernswürdigen ergingen! Ach, Medardus, nur sie, nur sie, die am Trone Gottes unsere Fürsprecherin sein mag, ist rein von der Sünde. Stand ich nicht am rand des Abgrundes, als ich, von dem Gedanken an irdische Lust erfüllt, dem Mörder mich verkaufen wollte? – Und dochSohn Medardus! – verbrecherische Tränen hab' ich geweint in einsamer Zelle, deines Vaters gedenkend! – Gehe, Sohn Medardus! Jeder Zweifel, dass ich vielleicht zu mir selbst anzurechnenden Schuld in dir den freveligsten Sünder erzog, ist aus meiner Seele verschwunden." –

Leonardus, der gewiss der Äbtissin alles entüllt hatte, was ihr aus meinem Leben noch unbekannt geblieben, bewies mir durch sein Betragen, dass auch er mir verziehen und dem Höchsten anheimgestellt hatte, wie ich vor seinem Richterstuhl bestehen werde. Die alte Ordnung des Klosters war geblieben, und ich trat in die Reihe der Brüder ein wie sonst. Leonardus sprach eines Tages zu mir: "Ich möchte dir, Bruder Medardus, wohl noch eine Bussübung aufgeben." Demütig fragte ich, worin sie bestehen solle. "Du magst", erwiderte der Prior, "die geschichte deines Lebens genau aufschreiben. Keinen der merkwürdigen Vorfälle, auch selbst der unbedeutenderen, vorzüglich nichts, was dir im bunten Weltleben widerfuhr, darfst du auslassen. Die Phantasie wird dich wirklich in die Welt zurückführen, du wirst alles Grauenvolle, Possenhafte, Schauerliche und Lustige noch einmal fühlen, ja es ist möglich, dass du im Moment Aurelien anders, nicht als die Nonne Rosalia, die das Märtyrium bestand, erblickst; aber hat der Geist des Bösen dich ganz verlassen, hast du dich ganz vom Irdischen abgewendet, so wirst du wie ein höheres Prinzip über alles schweben, und so wird jener Eindruck keine Spur hinterlassen." Ich tat, wie der Prior geboten. Ach! – wohl geschah es so, wie er es ausgesprochen! – Schmerz und Wonne, Grauen und LustEntsetzen und Entzücken stürmten in meinem inneren, als ich mein Leben schrieb. – Du, der du einst diese Blätter liesest, ich sprach zu dir von der Liebe höchster Sonnenzeit, als Aureliens Bild mir im regen Leben aufging! – Es gibt Höheres als irdische Lust, die meistens nur Verderben bereitet dem leichtsinnigen, blödsinnigen Menschen, und das ist jene höchste Sonnenzeit, wenn, fern von dem Gedanken freveliger Begier, die Geliebte wie ein Himmelsstrahl alles Höhere, alles, was aus dem Reich der Liebe segensvoll herabkommt auf den armen Menschen, in deiner Brust entzündet. – Dieser Gedanke hat mich erquickt, wenn bei der Erinnerung an die herrlichsten Momente, die mir die Welt gab, heisse Tränen den Augen entstürzten und alle längst verharrschte Wunden aufs neue bluteten.

Ich weiss, dass vielleicht noch im tod der Widersacher Macht haben wird, den sündigen Mönch zu quälen, aber standhaft, ja mit inbrünstiger sehnsucht erwarte ich den Augenblick, der mich der Erde entrückt, denn es ist der Augenblick der Erfüllung alles dessen, was mir Aurelie, ach! die heilige Rosalia selbst, im tod verheissen. Bittebitte für mich, o heilige Jungfrau, in der dunklen Stunde, dass die Macht der Hölle, der ich so oft erlegen, nicht mich bezwinge und hinabreisse in den Pfuhl ewiger Verderbnis!

Nachtrag des Paters Spiridion,

Bibliotekar des Kapuzinerklosters zu B.

In der Nacht vom dritten auf den vierten September des Jahres 17** hat sich viel Wunderbares in unserm Kloster ereignet. Es mochte wohl um Mitternacht sein, als ich in der neben der meinigen liegenden Zelle des Bruders Medardus ein seltsames Kichern und lachen und währenddessen ein dumpfes klägliches Ächzen vernahm. Mir war es, als höre ich deutlich von einer sehr hässlichen, widerwärtigen stimme die Worte sprechen: "Komm mit mir, Brüderchen Medardus, wir wollen die Braut suchen." Ich stand auf und wollte mich zum Bruder Medardus begeben, da überfiel mich aber ein besonderes Grauen, so dass ich wie von dem Frost eines Fiebers ganz gewaltig durch