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stand neben mir, aber ernst und mild, so wie er mir im Kerker erschien. – Kein irdischer Schmerz über Aureliens Tod, kein Entsetzen über die Erscheinung des Malers konnte mich fassen, denn in meiner Seele dämmerte es auf, wie nun die rätselhaften Schlingen, die die dunkle Macht geknüpft, sich lösten.

"Mirakel, Mirakel!" schrie das Volk immerfort, "seht ihr wohl den alten Mann im violetten Mantel? – Der ist aus dem Bilde des Hochaltars herabgestiegenich habe es gesehenich auchich auch –" riefen mehrere Stimmen durcheinander, und nun stürzte alles auf die Knie nieder, und das verworrene Getümmel verbrauste und ging über in ein von heftigem Schluchzen und Weinen unterbrochenes Gemurmel des Gebets. Die Äbtissin erwachte aus der Ohnmacht und sprach mit dem herzzerschneidenden Ton des tiefen, gewaltigen Schmerzes: "Aurelie! – mein Kind! – meine fromme Tochter! – ewiger Gottes ist dein Ratschluss!" – Man hatte eine mit Polstern und Decken belegte Bahre herbeigebracht. Als man Aurelien hinaufhob, seufzte sie tief und schlug die Augen auf. Der Maler stand hinter ihrem haupt, auf das er seine Hand gelegt. Er war anzusehen wie ein mächtiger Heiliger, und alle, selbst die Äbtissin, schienen von wunderbarer scheuer Ehrfurcht durchdrungen. – Ich kniete beinahe dicht an der Seite der Bahre. Aureliens blick fiel auf mich, da erfasste mich tiefer Jammer über der Heiligen schmerzliches Märtyrertum. Keines Wortes mächtig, war es nur ein dumpfer Schrei, den ich ausstiess. Da sprach Aurelie sanft und leise: "Was klagest du über die, welche von der ewigen Macht des himmels gewürdigt wurde, von der Erde zu scheiden in dem Augenblick, als sie die Nichtigkeit alles Irdischen erkannt, als die unendliche sehnsucht nach dem Reich der ewigen Freude und Seligkeit ihre Brust erfüllte?" – Ich war aufgestanden, ich war dicht an die Bahre getreten. "Aurelie," sprach ich, – "heilige Jungfrau! Nur einen einzigen Augenblick senke deinen blick herab aus den hohen Regionen, sonst muss ich vergehen, inmeine Seele, mein innerstes Gemüt zerrüttenden, verderbenden Zweifeln. – Aurelie! verachtest du den Frevler, der, wie der böse Feind selbst, in dein Leben trat? – Ach! schwer hat er gebüsstaber er weiss es wohl, dass alle Busse seiner Sünden Mass nicht mindertAurelie! bist du versöhnt im tod?" – Wie von Engelsfittichen berührt, lächelte Aurelie und schloss die Augen. "O, – Heiland der Weltheilige Jungfrauso bleibe ich zurück, ohne Trost der Verzweiflung hingegeben! O Rettung! – Rettung von höllischem Verderben!" So betete ich inbrünstig, da schlug Aurelie noch einmal die Augen auf und sprach: "Medardusnachgegeben hast du der bösen Macht! Aber blieb ich denn rein von der Sünde, als ich irdisches Glück zu erlangen hoffte in meiner verbrecherischen Liebe? – Ein besonderer Ratschluss des Ewigen hatte uns bestimmt, schwere Verbrechen unseres freveligen Stammes zu sühnen, und so vereinigte uns das Band der Liebe, die nur über den Sternen tront und die nichts gemein hat mit irdischer Lust. Aber dem listigen Feinde gelang es, die tiefe Bedeutung unserer Liebe uns zu verhüllen, ja uns auf entsetzliche Weise zu verlocken, dass wir das Himmlische nur deuten konnten auf irdische Weise. – Ach! war ich es denn nicht, die dir ihre Liebe bekannte im Beichtstuhl, aber statt den Gedanken der ewigen Liebe in dir zu entzünden, die höllische Glut der Lust in dir entflammte, welche du, da sie dich verzehren wollte, durch Verbrechen zu löschen gedachtest? Fasse Mut, Medardus! Der wahnsinnige Tor, den der böse Feind verlockt hat zu glauben, er sei du und müsse vollbringen, was du begonnen, war das Werkzeug des himmels, durch das sein Ratschluss vollendet wurde. – Fasse Mut, Medardusbald, bald..." Aurelie, die das letzte schon mit geschlossenen Augen und hörbarer Anstrengung gesprochen, wurde ohnmächtig, doch der Tod konnte sie noch nicht erfassen. "Hat sie Euch gebeichtet, ehrwürdiger Herr? Hat sie Euch gebeichtet?" so frugen mich neugierig die Nonnen. "Mit nichten," erwiderte ich, "nicht ich, sie hat meine Seele mit himmlischen Trost erfüllt." – "Wohl dir, Medardus, bald ist deine Prüfungszeit beendetund wohl mir dann!" Es war der Maler, der diese Worte sprach. Ich trat auf ihn zu: "So verlasst mich nicht, wunderbarer Mann." – Ich weiss selbst nicht, wie meine Sinne, indem ich weiter sprechen wollte, auf seltsame Weise betäubt worden; ich geriet in einen Zustand zwischen Wachen und Träumen, aus dem mich ein lautes Rufen und Schreien erweckte. Ich sah den Maler nicht mehr. BauernBürgersleuteSoldaten waren in die Kirche gedrungen und verlangten durchaus, dass ihnen erlaubt werden solle, das ganze Kloster zu durchsuchen, um den Mörder Aureliens, der noch im Kloster sein müsse, aufzufinden. Die Äbtissin, mit Recht Unordnungen befürchtend, verweigerte dies, aber ihres Ansehens unerachtet, vermochte sie nicht die erhitzten Gemüter zu beschwichtigen. Man warf ihr vor, dass sie aus kleinlicher Furcht den Mörder verhehle, weil er ein Mönch sei, und immer heftiger tobend, schien das Volk sich zum Stürmen des Klosters aufzuregen. Da bestieg Leonardus die Kanzel und sagte dem Volk nach