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, ich schaute auf und erblickte Aurelien, vor dem Hochaltar knieend. O Herr des himmels, in hoher Schönheit und Anmut strahlte sie mehr als je! Sie war bräutlichach! ebenso wie an jenem verhängnisvollen Tage, da sie mein werden sollte, gekleidet. Blühende Myrten und Rosen im künstlich geflochtenen Haar. Die Andacht, das Feierliche des Moments hatte ihre Wangen höher gefärbt, und in dem zum Himmel gerichteten blick lag der volle Ausdruck himmlischer Lust. Was waren jene Augenblicke, als ich Aurelien zum erstenmal, als ich sie am hof des Fürsten sah, gegen dieses Wiedersehen. Rasender als jemals flammte in mir die Glut der Liebeder wilden Begier auf – "O Gott, – o, all ihr Heiligen! lasst mich nicht wahnsinnig werden, nur nicht wahnsinnigrettet mich, rettet mich von dieser Pein der HölleNur nicht wahnsinnig lasst mich werdendenn das Entsetzliche muss ich sonst tun und meine Seele preisgeben der ewigen Verdammnis!" – So betete ich im inneren, denn ich fühlte, wie immer mehr und mehr der böse Geist über mich Herr werden wollte. – Es war mir, als habe Aurelie teil an dem Frevel, den ich nur beging, als sei das Gelübde, das sie zu leisten gedachte, in ihren Gedanken nur der feierliche Schwur, vor dem Altar des Herrn mein zu sein. – Nicht die Christusbraut, des Mönchs, der sein Gelübde brach, verbrecherisches Weib sah ich in ihr. – Sie mit aller Inbrunst der wütenden Begier umarmen und dann ihr den Tod gebender Gedanke erfasste mich unwiderstehlich. Der böse Geist trieb mich wilder und wilderschon wollte ich schreien: "Haltet ein, verblendete Toren! Nicht die von irdischem Triebe reine Jungfrau, die Braut des Mönchs wollt ihr erheben zur Himmelsbraut!" – mich hinabstürzen unter die Nonnen, sie herausreissenich fasste in die Kutte, ich suchte nach dem Messer, da war die Zeremonie so weit gediehen, dass Aurelie anfing, das Gelübde zu sprechen. – Als ich ihre stimme hörte, war es, als bräche milder Mondesglanz durch die schwarzen, von wildem Sturm gejagten Wetterwolken. Licht wurde es in mir, und ich erkannte den bösen Geist, dem ich mit aller Gewalt widerstand. – Jedes Wort Aureliens gab mir neue Kraft, und im heissen Kampf wurde ich bald Sieger. Entflohen war jeder schwarze Gedanke des Frevels, jede Regung der irdischen Begier. – Aurelie war die fromme Himmelsbraut, deren Gebet mich retten konnte von ewiger Schmach und Verderbnis. – Ihr Gelübde war mein Trost, meine Hoffnung, und hell ging in mir die Heiterkeit des himmels auf. Leonardus, den ich nun erst wieder bemerkte, schien die Änderung in meinem inneren wahrzunehmen, denn mit sanfter stimme sprach er: "Du hast dem Feinde widerstanden, mein Sohn! Das war wohl die letzte schwere Prüfung, die dir die ewige Macht auferlegt!" –

Das Gelübde war gesprochen; während eines Wechselgesanges, den die Klaren Schwestern anstimmten, wollte man Aurelien das Nonnengewand anlegen. Schon hatte man die Myrten und Rosen aus dem Haar geflochten, schon stand man im Begriff, die herabwallenden Locken abzuschneiden, als ein Getümmel in der Kirche entstandich sah, wie die Menschen auseinander gedrängt und zu Boden geworfen wurden; – näher und näher wirbelte der Tumult. – Mit rasender Gebärde, – mit wildem, entsetzlichen blick drängte sich ein halbnackter Mensch (die Lumpen eines Kapuzinerrocks hingen ihm um den Leib), alles um sich her mit geballten Fäusten niederstossend, durch die Menge. – Ich erkannte meinen grässlichen Doppeltgänger, aber in demselben Moment, als ich, Entsetzliches ahnend, hinabspringen und mich ihm entgegenwerfen wollte, hatte der wahnsinnige Unhold die Galerie, die den Platz des Hochaltars einschloss, übersprungen. Die Nonnen stäubten schreiend auseinander; die Äbtissin hatte Aurelien fest in ihre arme eingeschlossen. – "Ha ha ha! –" kreischte der Rasende mit gellender stimme, "wollt ihr mir die Prinzessin rauben? – Ha ha ha! – Die Prinzessin ist mein Bräutchen, mein Bräutchen" – und damit riss er Aurelien empor und stiess ihr das Messer, das er hochgeschwungen in der Hand hielt, bis an das Heft in die Brust, dass des Blutes Springquell hoch emporspritzte. "JuchheJuch Juchnun hab ich mein Bräutchen, nun hab ich die Prinzessin gewonnen!" – So schrie der Rasende auf und sprang hinter den Hochaltar, durch die Gittertüre fort in die Klostergänge. Voll Entsetzen kreischten die Nonnen auf. – "MordMord am Altar des Herrn", schrie das Volk, nach dem Hochaltar stürmend. "Besetzt die Ausgänge des Klosters, dass der Mörder nicht entkomme", rief Leonardus mit lauter stimme, und das Volk stürzte hinaus, und wer von den Mönchen rüstig war, ergriff die im Winkel stehenden Prozessionsstäbe und setzte dem Unhold nach durch die Gänge des Klosters. Alles war die Tat eines Augenblicks; bald kniete ich neben Aurelien, die Nonnen hatten mit weissen Tüchern die Wunde, so gut es gehen wollte, verbunden und standen der ohnmächtigen Äbtissin bei. Eine starke stimme sprach neben mir: "Sancta Rosalia, ora pro nobis", und alle, die noch in der Kirche geblieben, riefen laut: "Ein Mirakelein Mirakel, ja sie ist eine Märtyrin. – Sancta Rosalia, ora pro nobis." – Ich schaute auf. – Der alte Maler