1815_Hoffmann_039_124.txt

mich empor. Die Äbtissin würdigte mich nicht eines Blickes; tief im Innersten gekränkt, regte sich in mir jener bittere, verhöhnende Hass, wie ich ihn sonst in der Residenz bei dem Anblick der Fürstin gefühlt, und statt dass ich, ehe die Äbtissin jene Worte sprach, mich hätte vor ihr niederwerfen mögen in den Staub, wollte ich keck und kühn vor sie hintreten und sprechen: "Warst du denn immer solch ein überirdisches Weib, dass die Lust der Erde dir nicht aufging? ... Als du meinen Vater sahst, verwahrtest du denn immer dich so, dass der Gedanke der Sünde nicht Raum fand? ... Ei, sage doch, ob selbst dann, als schon die Inful und der Stab dich schmückten, in unbewachten Augenblicken meines Vaters Bild nicht sehnsucht nach irdischer Lust in dir aufregte? ... Was empfandest du denn, Stolze, als du den Sohn des Geliebten an dein Herz drücktest und den Namen des Verlorenen, war er gleich ein freveliger Sünder, so schmerzvoll riefst? – Hast du jemals gekämpft mit der dunklen Macht wie ich? – Kannst du dich eines wahren Sieges erfreuen, wenn kein harter Kampf vorherging? – Fühlst du dich selbst so stark, dass du den verachtest, der dem mächtigsten Feinde erlag und sich dennoch erhob in tiefer Reue und Busse?" – Die plötzliche Änderung meiner Gedanken, die Umwandlung des Büssenden in den, der stolz auf den bestandenen Kampf fest einschreitet in das wiedergewonnene Leben, muss selbst im Äussern sichtlich gewesen sein. Denn der neben mir stehende Bruder fragte: "Was ist dir, Medardus, warum wirfst du solche sonderbare zürnende Blicke auf die hochheilige Frau?" – "Ja," erwiderte ich halblaut, "wohl mag es eine hochheilige Frau sein, denn sie stand immer so hoch, dass das Profane sie nicht erreichen konnte, doch kommt sie mir jetzt nicht sowohl wie eine christliche, sondern wie eine heidnische Priesterin vor, die sich bereitet, mit gezücktem Messer das Menschenopfer zu vollbringen." Ich weiss selbst nicht, wie ich dazu kam, die letzten Worte, die ausser meiner Ideenreihe lagen, zu sprechen, aber mit ihnen drängten sich im bunten Gewirr Bilder durcheinander, die nur im Entsetzlichsten sich zu einen schienen. – Aurelie sollte auf immer die Welt verlassen, sie sollte, wie ich, durch ein Gelübde, das mir jetzt nur die Ausgeburt des religiösen Wahnsinns schien, dem Irdischen entsagen? – So wie ehemals, als ich, dem Satan verkauft, in Sünde und Frevel den höchsten, strahlendsten Lichtpunkt des Lebens zu schauen wähnte, dachte ich jetzt daran, dass beide, ich und Aurelie, im Leben, sei es auch nur durch den einzigen Moment des höchsten irdischen Genusses, vereint und dann als der unterirdischen Macht Geweihte sterben müssten. – Ja, wie ein grässlicher Unhold, wie der Satan selbst ging der Gedanke des Mordes mir durch die Seele! – Ach, ich Verblendeter gewahrte nicht, dass in dem Moment, als ich der Äbtissin Worte auf mich deutete, ich preisgegeben war der vielleicht härtesten Prüfung, dass der Satan Macht bekommen über mich und mich verlocken wollte zu dem Entsetzlichsten, das ich noch begangen! Der Bruder, zu dem ich gesprochen, sah mich erschrocken an: "Um Jesus und der heiligen Jungfrau willen, was sagt Ihr da!" so sprach er; ich schaute nach der Äbtissin, die im Begriff stand, den Saal zu verlassen, ihr blick fiel auf mich, totenbleich starrte sie mich an, sie wankte, die Nonnen mussten sie unterstützen. Es war mir, als lisple sie die Worte: "O all ihr Heiligen, meine Ahnung." Bald darauf wurde der Prior Leonardus zu ihr gerufen. Schon läuteten aufs neue alle Glocken des Klosters, und dazwischen tönten die donnernden Töne der Orgel, die Weihgesänge der im Chor versammelten Schwestern, durch die Lüfte, als der Prior wieder in den Saal trat. Nun begaben sich die Brüder der verschiedenen Orden in feierlichem zug nach der Kirche, die von Menschen beinahe so überfüllt war, als sonst am Tage des heiligen Bernardus. An einer Seite des mit duftenden Rosen geschmückten Hochaltars waren erhöhte Sitze für die Geistlichkeit angebracht der Tribüne gegenüber, auf welcher die Kapelle des Bischofs die Musik des Amts, welches er selbst hielt, ausführte. Leonardus rief mich an seine Seite, und ich bemerkte, dass er ängstlich auf mich wachte; die kleinste Bewegung erregte seine Aufmerksamkeit; er hielt mich an, fortwährend aus meinem Brevier zu beten. Die Klaren Nonnen versammelten sich in dem mit einem niedrigen Gitter eingeschlossenen Platz dicht vor dem Hochaltar, der entscheidende Augenblick kam; aus dem inneren des Klosters, durch die Gittertüre hinter dem Altar führten die Zisterzienser Nonnen Aurelien herbei. – Ein Geflüster rauschte durch die Menge, als sie sichtbar worden, die Orgel schwieg, und der einfache Hymnus der Nonnen erklang in wunderbaren, tief ins Innerste dringenden Akkorden. Noch hatte ich keinen blick aufgeschlagen; von einer furchtbaren Angst ergriffen, zuckte ich krampfhaft zusammen, so dass mein Brevier zur Erde fiel. Ich bückte mich darnach, es aufzuheben, aber ein plötzlicher Schwindel hätte mich von dem hohen Sitz herabgestürzt, wenn Leonardus mich nicht fasste und festielt. "Was ist dir, Medardus," sprach der Prior leise, "du befindest dich in seltsamer Bewegung, widerstehe dem bösen Feinde, der dich treibt." Ich fasste mich mit aller Gewalt zusammen