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, dass Viktorin auf wunderbare Weise errettet wurde aus dem Abgrunde, in den du ihn stürztest, dass er der wahnsinnige Mönch war, den der Förster aufnahm, der dich als dein Doppeltgänger verfolgte und hier im Kloster starb. Er diente der dunkeln Macht, die in dein Leben eingriff, nur zum Spiel, – nicht dein Genosse war er, nur das untergeordnete Wesen, welches dir in den Weg gestellt wurde, damit das lichte Ziel, das sich dir vielleicht auftun konnte, deinem blick verhüllt bleibe. Ach, Bruder Medardus, noch geht der Teufel rastlos auf Erden umher und bietet den Menschen seine Elixiere dar! – Wer hat dieses oder jenes seiner höllischen Getränke nicht einmal schmackhaft gefunden; aber das ist der Wille des himmels, dass der Mensch der bösen wirkung des augenblicklichen Leichtsinns sich bewusst werde und aus diesem klaren Bewusstsein die Kraft schöpfe, ihr zu widerstehen. Darin offenbart sich die Macht des Herrn, dass, so wie das Leben der natur durch das Gift, das sittlich gute Prinzip in ihr erst durch das Böse bedingt wird. – Ich darf zu dir so sprechen, Medardus, da ich weiss, dass du mich nicht missverstehest. Gehe jetzt zu den Brüdern." –

In dem Augenblick erfasste mich wie ein jäher, alle Nerven und Pulse durchzuckender Schmerz die sehnsucht der höchsten Liebe; "Aurelieach, Aurelie!" rief ich laut. Der Prior stand auf und sprach in sehr ernstem Ton: "Du hast wahrscheinlich die Zubereitungen zu einem grossen Feste in dem Kloster bemerkt? – Aurelie wird morgen eingekleidet und erhält den Klosternamen Rosalia." – Erstarrtlautlos blieb ich vor dem Prior stehen. "Gehe zu den Brüdern!" rief er beinahe zornig, und ohne deutliches Bewusstsein stieg ich hinab in das Refektorium, wo die Brüder versammelt waren. Man bestürmte mich aufs neue mit fragen, aber nicht fähig war ich, auch nur ein einziges Wort über mein Leben zu sagen; alle Bilder der Vergangenheit verdunkelten sich in mir, und nur Aureliens Lichtgestalt trat mir glänzend entgegen. Unter dem Vorwande einer Andachtsübung verliess ich die Brüder und begab mich nach der Kapelle, die an dem äussersten Ende des weitläuftigen Klostergartens lag. Hier wollte ich beten, aber das kleinste Geräusch, das linde Säuseln des Laubganges riss mich empor aus frommer Betrachtung. "Sie ist es... sie kommt... ich werde sie wiedersehen" – so rief es in mir, und mein Herz bebte vor Angst und Entzücken. Es war mir, als höre ich ein leises Gespräch. Ich raffte mich auf, ich trat aus der Kapelle, und siehe, langsamen Schrittes, nicht fern von mir, wandelten zwei Nonnen, in ihrer Mitte eine Novize. – Ach, es war gewiss Aureliemich überfiel ein krampfhaftes Zitternmein Atem stockteich wollte vorschreiten, aber keines Schrittes mächtig, sank ich zu Boden. Die Nonnen, mit ihnen die Novize, verschwanden im Gebüsch. Welch ein Tag! – – welch eine Nacht! Immer nur Aurelie und Aureliekein anderes Bildkein anderer Gedanke fand Raum in meinem inneren. –

Sowie die ersten Strahlen des Morgens aufgingen, verkündigten die Glocken des Klosters das fest der Einkleidung Aureliens, und bald darauf versammelten sich die Brüder in einem grossen Saal; die Äbtissin trat, von zwei Schwestern begleitet, herein. – Unbeschreiblich ist das Gefühl, das mich durchdrang, als ich die wiedersah, die meinen Vater so innig liebte, und unerachtet er durch Freveltaten ein Bündnis, das ihm das höchste Erdenglück erwerben musste, gewaltsam zerriss, doch die Neigung, die ihr Glück zerstört hatte, auf den Sohn übertrug. Zur Tugend, zur Frömmigkeit wollte sie diesen Sohn aufziehen, aber dem Vater gleich, häufte er Frevel auf Frevel und vernichtete so jede Hoffnung der frommen Pflegemutter, die in der Tugend des Sohnes Trost für des sündigen Vaters Verderbnis finden wollte. – Niedergesenkten Hauptes, den blick zur Erde gerichtet, hörte ich die kurze Rede an, worin die Äbtissin nochmals der versammelten Geistlichkeit Aureliens Eintritt in das Kloster anzeigte und sie aufforderte, eifrig zu beten in dem entscheidenden Augenblick des Gelübdes, damit der Erbfeind nicht Macht haben möge, sinneverwirrendes Spiel zu treiben zur Qual der frommen Jungfrau. "Schwer," sprach die Äbtissin, "schwer waren die Prüfungen, die die Jungfrau zu überstehen hatte. Der Feind wollte sie verlocken zum Bösen, und alles, was die List der Hölle vermag, wandte er an, sie zu betören, dass sie, ohne Böses zu ahnen, sündige und dann, aus dem Traum erwachend, untergehe in Schmach und Verzweiflung. Doch die ewige Macht beschützte das Himmelskind, und mag denn der Feind auch noch heute es versuchen, ihr verderblich zu nahen, ihr Sieg über ihn wird desto glorreicher sein. Betetbetet, meine Brüder, nicht darum, dass die Christusbraut nicht wanke, denn fest und standhaft ist ihr dem Himmlischen ganz zugewandter Sinn, sondern dass kein irdisches Unheil die fromme Handlung unterbreche. – Eine Bangigkeit hat sich meines Gemüts bemächtigt, der ich nicht zu widerstehen vermag!" –

Es war klar, dass die Äbtissin michmich allein den Teufel der Versuchung nannte, dass sie meine Ankunft mit der Einkleidung Aureliens in Bezug, dass sie vielleicht in mir die Absicht irgend einer Greueltat voraussetzte. Das Gefühl der Wahrheit meiner Reue, meiner Busse, der Überzeugung, dass mein Sinn geändert worden, richtete