1815_Hoffmann_039_122.txt

es schiene mir besser zu sein, wenn er sich abwende von dem Irdischen und in Demut erwarte, was die ewige Macht über ihn verhängt habe. – Er sah mich starr an, ihm schienen die Sinne zu vergehen, man gab ihm stärkende Tropfen, er erholte sich bald und sprach: 'Es ist mir so, als müsse ich bald sterben und vorher mein Herz erleichtern. Ihr habt Macht über mich, denn so sehr Ihr Euch auch verstellen möget, merke ich doch wohl, dass Ihr der heilige Antonius seid und am besten wisset, was für Unheil Eure Elixiere angerichtet. Ich hatte wohl Grosses im Sinne, als ich beschloss, mich als ein geistlicher Herr darzustellen mit grossem Barte und brauner Kutte. Aber als ich so recht mit mir zu Rate ging, war es, als träten die heimlichsten Gedanken aus meinem inneren heraus und verpuppten sich zu einem körperlichen Wesen, das recht graulich, doch mein Ich war. Dies zweite Ich hatte grimmige Kraft und schleuderte mich, als aus dem schwarzen Gestein des tiefen Abgrundes zwischen sprudelndem schäumigen Gewässer die Prinzessin schneeweiss hervortrat, hinab. Die Prinzessin fing mich auf in ihren Armen und wusch meine Wunden aus, dass ich bald keinen Schmerz mehr fühlte. Mönch war ich nun freilich geworden, aber das Ich meiner Gedanken war stärker und trieb mich, dass ich die Prinzessin, die mich errettet und die ich sehr liebte, samt ihrem Bruder ermorden musste. Man warf mich in den Kerker, aber Ihr wisst selbst, heiliger Antonius, auf welche Weise Ihr, nachdem ich Euern verfluchten Trank gesoffen, mich entführtet durch die Lüfte. Der grüne Waldkönig nahm mich schlecht auf, unerachtet er doch meine Fürstlichkeit kannte; das Ich meiner Gedanken erschien bei ihm und rückte mir allerlei Hässliches vor und wollte, weil wir doch alles zusammen getan, in Gemeinschaft mit mir bleiben. Das geschah auch, aber bald, als wir davonliefen, weil man uns den Kopf abschlagen wollte, haben wir uns doch entzweit. Als das lächerliche Ich indessen immer und ewig genährt sein wollte von meinem Gedanken, schmiss ich es nieder, prügelte es derb ab und nahm ihm seinen Rock.' – So weit waren die Reden des Unglücklichen einigermassen verständlich, dann verlor er sich in das unsinnige alberne Gewäsch des höchsten Wahnsinns. Eine Stunde später, als das Frühamt eingeläutet wurde, fuhr er mit einem durchdringenden entsetzlichen Schrei auf und sank, wie es uns schien, tot nieder. Ich liess ihn nach der Totenkammer bringen, er sollte in unserm Garten an geweihter Stätte begraben werden, du kannst dir aber wohl unser Erstaunen, unsern Schreck denken, als die Leiche, da wir sie hinaustragen und einsargen wollten, spurlos verschwunden war. Alles Nachforschen blieb vergebens, und ich musste darauf verzichten, jemals Näheres, Verständlicheres über den rätselhaften Zusammenhang der begebenheiten, in die du mit dem Grafen verwickelt wurdest, zu erfahren. Indessen hielt ich alle mir über die Vorfälle im Schloss bekannt gewordenen Umstände mit jenen verworrenen, durch Wahnsinn entstellten Reden zusammen, so konnte ich kaum daran zweifeln, dass der Verstorbene wirklich Graf Viktorin war. Er hatte, wie der Reitknecht andeutete, irgend einen pilgernden Kapuziner im Gebirge ermordet und ihm das Kleid genommen, um seinen Anschlag im schloss des baron auszuführen. Wie er vielleicht es gar nicht im Sinn hatte, endete der begonnene Frevel mit dem Morde Euphemiens und Hermogens. Vielleicht war er schon wahnsinnig, wie Reinhold es behauptet, oder er wurde es dann auf der Flucht, gequält von Gewissensbissen. Das Kleid, welches er trug, und die Ermordung des Mönchs gestaltete sich in ihm zur fixen idee, dass er wirklich ein Mönch und sein Ich zerspaltet sei in zwei sich feindliche Wesen. Nur die Periode von der Flucht aus dem schloss bis zur Ankunft bei dem Förster bleibt dunkel, sowie es unerklärlich ist, wie sich die Erzählung von seinem Aufentalt im Kloster und der Art seiner Rettung aus dem Kerker in ihm bildete. Dass äussere Motive stattfinden mussten, leidet gar keinen Zweifel, aber höchst merkwürdig ist es, dass diese Erzählung dein Schicksal, wiewohl verstümmelt, darstellt. Nur die Zeit der Ankunft des Mönchs bei dem Förster wie dieser sie angibt, will gar nicht mit Reinholds Angabe des Tages, wann Viktorin aus dem schloss entfloh, zusammenstimmen. Nach der Behauptung des Försters musste sich der wahnsinnige Viktorin gleich haben im wald blicken lassen, nachdem er auf dem schloss des baron angekommen." – "Haltet ein," unterbrach ich den Prior, "haltet ein, mein ehrwürdiger Vater, jede Hoffnung, der Last meiner Sünden unerachtet, nach der Langmut des Herrn noch Gnade und ewige Seligkeit zu erringen, soll aus meiner Seele schwinden; in trostloser Verzweiflung, mich selbst und mein Leben verfluchend, will ich sterben, wenn ich nicht in tiefster Reue und Zerknirschung Euch alles, was sich mit mir begab, seitdem ich das Kloster verliess, getreulich offenbaren will, wie ich es in heiliger beichte tat." Der Prior geriet in das höchste Erstaunen, als ich ihm nun mein ganzes Leben mit aller nur möglichen Umständlichkeit entüllte. – "Ich muss dir glauben," sprach der Prior, als ich geendet, "ich muss dir glauben, Bruder Medardus, denn alle Zeichen wahrer Reue entdeckte ich, als du redetest. – Wer vermag das Geheimnis zu entüllen, das die geistige Verwandtschaft zweier Brüder, Söhne eines verbrecherischen Vaters, und selbst in Verbrechen befangen, bildete. – Es ist gewiss