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, wohl ist Euch die Kraft verliehen, in mein Inneres zu schauen; wohl mögt Ihr es wissen, dass zentnerschwer mich die unsägliche Last meiner Sünden zu Boden drückt, aber ebenso werdet Ihr die Wahrheit meiner Reue erkennen. Fern von mir ist der Gedanke schnöder Heuchelei, fern von mir jede ehrgeizige Absicht, das Volk zu täuschen auf verruchte Weise. – Vergönnt es dem büssenden Mönche, o hochheiliger Herr, dass er in kurzen Worten sein verbrecherisches Leben, aber auch das, was er in der tiefsten Reue und Zerknirschung begonnen, Euch entülle!" – So fing ich an und erzählte nun, ohne Namen zu nennen und so gedrängt als möglich, meinen ganzen Lebenslauf. Aufmerksamer und aufmerksamer wurde der Papst. Er setzte sich in den Lehnstuhl und stützte den Kopf in die Hand; er sah zur Erde nieder, dann fuhr er plötzlich in die Höhe; die hände übereinander geschlagen und mit dem rechten Fuss ausschreitend, als wolle er auf mich zutreten, starrte er mich an mit glühenden Augen. Als ich geendet, setzte er sich aufs neue. "Eure geschichte, Mönch Medardus," fing er an, "ist die verwunderlichste, die ich jemals vernommen. – Glaubt Ihr an die offenbare, sichtliche Einwirkung einer bösen Macht, die die Kirche Teufel nennt?" – Ich wollte antworten, der Papst fuhr fort: "Glaubt Ihr, dass der Wein, den Ihr aus der Reliquienkammer stahlt und austranket, Euch zu den Freveln trieb, die Ihr beginget?" – "Wie ein von giftigen Dünsten geschwängertes wasser gab er Kraft dem bösen Keim, der in mir ruhete, dass er fortzuwuchern vermochte!" – Als ich dies erwidert, schwieg der Papst einige Augenblicke, dann fuhr er mit ernstem, in sich gekehrtem blick fort: "Wie, wenn die natur die Regel des körperlichen Organism auch im geistigen befolgte, dass gleicher Keim nur Gleiches zu gebären vermag? ... Wenn Neigung und Wollen, – wie die Kraft, die im Kern verschlossen, des hervorschiessenden Baumes Blätter wieder grün färbtsich fortpflanzte von Vätern zu Vätern, alle Willkür aufhebend? ... Es gibt Familien von Mördern, von Räubern! ... Das wäre die Erbsünde, des frevelhaften Geschlechts ewiger, durch kein Sühnopfer vertilgbarer Fluch!" – "Muss der vom Sünder Geborne wieder sündigen vermöge des vererbten Organism ..., dann gibt es keine Sünde", so unterbrach ich den Papst. "Doch!" sprach er, "der ewige Geist schuf einen Riesen, der jenes blinde Tier, das in uns wütet, zu bändigen und in Fesseln zu schlagen vermag. Bewusstsein heisst dieser Riese, aus dessen Kampf mit dem Tier sich die Spontaneität erzeugt. Des Riesen Sieg ist die Tugend, der Sieg des Tieres die Sünde." Der Papst schwieg einige Augenblicke, dann heiterte sein blick sich auf, und er sprach mit sanfter stimme: "Glaubt Ihr, Mönch Medardus, dass es für den Stattalter des Herrn schicklich sei, mit Euch über Tugend und Sünde zu vernünfteln?" – "Ihr habt, hochheiliger Herr," erwiderte ich, "Euern Diener gewürdigt, Eure tiefe Ansicht des menschlichen Seins zu vernehmen, und wohl mag es Euch ziemen, über den Kampf zu sprechen, den Ihr längst, herrlich und glorreich siegend, geendet." – "Du hast eine gute Meinung von mir, Bruder Medardus," sprach der Papst, "oder glaubst du, dass die Tiara der Lorbeer sei, der mich als Helden und Sieger der Welt verkündet?" – "Es ist", sprach ich, "wohl etwas Grosses, König sein und herrschen über ein Volk. So im Leben hochgestellt, mag alles rings umher näher zusammengerückt, in jedem Verhältnis kommensurabler erscheinen, und eben durch die hohe Stellung sich die wunderbare Kraft des Überschauens entwickeln, die wie eine höhere Weihe sich kundtut im gebornen Fürsten." – "Du meinst," fiel der Papst ein, "dass selbst den Fürsten, die schwach an verstand und Willen, doch eine gewisse wunderliche Sagazität beiwohne, die füglich für Weisheit geltend, der Menge zu imponieren vermag. Aber wie gehört das hieher?" – "Ich wollte", fuhr ich fort, "von der Weihe der Fürsten reden, deren Reich von dieser Welt ist, und dann von der heiligen, göttlichen Weihe des Stattalters des Herrn. Auf geheimnisvolle Weise erleuchtet der Geist des Herrn die im Konklave verschlossenen hohen Priester. Getrennt, in einzelnen Gemächern frommer Betrachtung hingegeben, befruchtet der Strahl des himmels das nach der Offenbarung sich sehnende Gemüt, und ein Name erschallt wie ein die ewige Macht lobpreisenden Hymnus von den begeisterten Lippen. – Nur kund getan in irdischer Sprache wird der Beschluss der ewigen Macht, die sich ihren würdigen Stattalter auf Erden erkor, und so, hochheiliger Herr, ist Eure Krone, im dreifachen Ringe das Mysterium Eures Herrn, des Herrn der Welten, verkündend, in der Tat der Lorbeer, der Euch als Helden und Sieger darstellt. – Nicht von dieser Welt ist Euer Reich, und doch seid Ihr berufen zu herrschen über alle Reiche dieser Erde, die Glieder der unsichtbaren Kirche sammelnd unter der Fahne des Herrn! – Das weltliche Reich, das Euch beschieden, ist nur Euer in himmlischer Pracht blühender Tron." – "Das gibst du zu," unterbrach mich der Papst, – "das gibst du zu, Bruder