Glorie. –
Und wie er dehnt die Flügel aus,
Und wie er auch sich stellt:
Der Mensch kann nimmermehr hinaus,
Aus dieser Narrenwelt."
Die beiden Freunde eilten Sogleich auf das sonderbare Lied hinunter und aus dem schloss hinaus. Die Wälder rauchten ringsum aus den Tälern, eine kühle Morgenluft griff stärkend an alle Glieder. Der Gesang hatte unterdes aufgehört, doch erblickten sie in jener Gegend, wo er hergekommen war, einen grossen, schönen, ziemlich jungen Mann an dem Eingange des Waldes. Er stand auf und schien weggehn zu wollen, als er sie gewahr wurde; dann blieb er stehen und sah sie noch einmal an, kam darauf auf sie zu, fasste Friedrich bei der Hand und sagte sehr gleichgültig: "Willkommen Bruder!" –
Wie dem Schweizer in der Fremde, wenn plötzlich ein Alphorn ertönt, alle Berge und Täler, die ihn von der Heimat scheiden, in dem Klange versinken, und er die Gletscher wiedersieht, und den alten, stillen Garten am Bergeshange, und alle die morgenfrische Aussicht in das Wunderreich der Kindheit, so fiel auch Friedrich bei dem Tone dieser stimme die mühsame Wand eines langen, verworrenen Lebens von der Seele nieder; – er erkannte seinen wilden Bruder Rudolf, der als Knabe fortgelaufen war, und von dem er seitdem nie wieder etwas gehört hatte.
Keine ruhige, segensreiche Vergangenheit schien aus diesen dunkelglühenden Blicken hervorzusehen, eine Narbe über dem rechten Auge entstellte ihn seltsam. Leontin stand still dabei und betrachtete ihn aufmerksam, denn es war wirklich dasselbe Bild, das ihm mitten im bunten Leben oft so schaurig begegnet. "Oh, mein lieber Bruder", sagte Friedrich, "so habe ich dich denn wirklich wieder! Ich habe dich immer geliebt. Und als ich dann grösser wurde und die Welt immer kleiner und enger, und alles so wunderlos und zahm, wie oft hab ich da an dich zurückgedacht und mich nach deinem wunderbaren härtern Wesen gesehnt!" – Rudolf schien wenig auf diese Worte zu achten, sondern wandte sich zu Leontin um und sagte: "Wie geht es Euch, mein Signor Amoroso? Durch diesen Wald geht kein Weg zum Liebchen." – "Und keiner in der Welt mehr", fiel Leontin, der wohl wusste, was er meine, empfindlich ihm ins Wort, "denn Eure Possen haben das Mädchen ins Grab gebracht." – "Besser tot, als eine H –" sagte Rudolf gelassen. "Aber", fuhr er fort, "was treibt euch aus der Welt hier zu mir herauf? Sucht ihr Ruhe: ich habe selber keine; sucht ihr Liebe: ich liebe keinen Menschen, oder wollt ihr mich listig aussondieren, zerstreuen und lustig machen: so zieht nur in Frieden wieder hinunter, esst, trinkt, arbeitet fleissig, schlaft bei euren Weibern oder Mädchen, seid lustig und lacht, dass ihr euch krähend die Seiten halten müsst, und danket Gott, dass er euch weisse Lebern, einen ordentlichen Verstand, keinen überflüssigen Witz, gesellige Sitten und ein langes, wohlgefälliges Leben bescheret hat – denn mir ist das alles zuwider." – Friedrich sah den Bruder staunend an, dann sagte er: "Wie ist dein Gemüt so feindselig und wüst geworden! Hat dich die Liebe –" "Nein", sagte Rudolf, "ihr seid gar verliebt, da lebt recht wohl!"
Hiermit ging er wirklich mit grossen Schritten in den Wald hinein und war bald hinter den Bäumen verschwunden. Leontin lief ihm einige Schritte nach, aber vergebens. "Nein", rief er endlich aus, "er soll mich nicht so verachten, der wunderliche Gesell! Ich bin so reich und so verrückt wie er!" – Friedrich sagte: "Ich kann es nicht mit Worten ausdrücken, wie es mich rührt, den tapfern, gerechten, rüstigen Knaben, der mir immer vorgeschwebt, wenn ich dich ansah, so verwildert wiederzusehen. Aber ich bleibe nun gewiss auch wider seinen Willen hier, ich will keine Mühen sparen, sein reines Gold, denn solches war in ihm, aus dem wüst verfallenen Schachte wieder ans Tageslicht zu fördern." – "Oh", fiel ihm Leontin ins Wort, "das Meer ist nicht so tief, als der Hochmütige in sich selber versunken ist! Nimm dich in acht! er zieht dich eher schwindelnd zu sich hinunter, ehe du ihn zu dir hinauf."
Friedrich hatte der Anblick seines Bruders auf das heftigste bewegt. Er ging schnell von Leontin fort und allein tief in den Wald hinein. Er brauchte der stillen, vollen Einsamkeit, um die neuen Erscheinungen, die auf einmal so gewaltsam auf ihn eindrangen, zu verarbeiten und seine seltsam aufgeregten Geister zu beruhigen.
Lange war er so im wald herumgeschweift, als auch Leontin wieder zu ihm stiess. Dieser hatte währenddes wieder jene Bilderstube bestiegen und die Zeit unter den Zeichnungen gesessen. Dabei waren ihm in dieser Einsamkeit die Figuren oft wie lebendig geworden vorgekommen und verschiedene Lieder eines Wahnsinnigen eingefallen, die er, wie Sprüche auf die alten Bilder, den Gestalten aus dem mund auf die Wand aufgeschrieben hatte.
Die Sonne fing schon wieder an sich von der Mittagshöhe herabzuneigen. Weder Leontin noch Friedrich wussten recht, wo Sie sich befanden, denn kein ordentlicher Weg führte vom schloss hierher. Sie schlugen daher die ohngefähre Richtung ein, sich über den melancholischen Rudolf besprechend. Als sie nach langem Irren eben auf einer Höhe angelangt waren,