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einmal dergleichen bemerkt, und es kam mir zu meinem Erstaunen vor, als wäre es dieselbe Gestalt, die mir im wald erschienen. Aber du weisst, wie geheimnisvoll Erwine immer war und blieb; doch so viel wird mir nach verschiedenen flüchtigen Äusserungen von ihr immer wahrscheinlicher, dass dieses Bild hier in diesem wald spuke oder lebe, es sei nun was es wolle. – Ich weiss nicht, ob du noch unsres Besuches auf dem schloss der Frau v. A. gedenkest. Dort sah ich ein altes Ritterbild, vor dem ich augenblicklich zurückfuhr. Denn es war offenbar sein Portrait. Es waren meine eigenen Züge, nur etwas älter und ein fremder Zug auf der Stirn über den Augen."

Während Leontin noch so sprach, hörten sie auf einmal ein Geräusch auf dem hof unten, und ein Reiter sprengte durch das Tor herein; mehrere Windlichter füllten sogleich den Platz, in deren über die Mauern hinschweifenden Scheinen sich alle Figuren nur noch dunkler ausnahmen. "Er ist's!" rief Leontin. – Der Reiter, welcher der Herr des Schlosses zu sein schien, stieg schnell ab und ging hinein, die Windlichter verschwanden mit ihm, und es war plötzlich wieder dunkel und still wie vorher.

Leontin war sehr bewegt, sie beide blieben noch lange voll Erwartung am Fenster, aber es rührte sich nichts im schloss. Ermüdet warfen sie sich endlich auf die grossen, altmodischen Betten, um den Tag zu erwarten, aber sie konnten nicht einschlafen, denn der Wind knarrte und pfiff unaufhörlich an den Wetterhähnen und Pfeilern des alten, weitläufigen Schlosses, und ein seltsames Sausen, das nicht vom wald herzukommen schien, sondern wie ferner Wellenschlag tönte, brauste die ganze Nacht hindurch.

Zweiundzwanzigstes Kapitel

Kaum fing der Morgen draussen an zu dämmern, so sprangen die beiden schon von ihrem Lager auf und eilten aus ihrem Zimmer auf den gang hinaus. Aber kein Mensch war noch da zu sehen, die Gänge und Stiegen standen leer, der steinerne Brunnen im hof rauschte einförmig fort. Sie gingen unruhig auf und ab; nirgends bemerkten sie einen neuen Bau oder Verzierung an dem schloss, es schien nur das Alte gerade zur Notdurft zusammengehalten. Bunte Blumen und kleine grüne Bäumchen wuchsen hin und wieder auf dem hohen dach, zwischen denen Vögel lustig sangen. Sie kamen endlich über mehrere Gänge in dem abgelegensten und verfallensten Teile des Schlosses in ein offenes, hochgelegenes Gemach, dessen Wände sie mit Kohle bemalt fanden. Es waren meist flüchtige Umrisse von mehr als lebensgrossen Figuren, Felsen und Bäumen, zum teil halb verwischt und unkenntlich. Gleich an der Tür war eine seltsame Figur, die sie sogleich für den Eulenspiegel erkannten. Auf der andern Wand erkannte Friedrich höchst betroffen einen grossen, ziemlich weitläufigen Umriss seiner Heimat, das grosse alte Schloss und den Garten auf dem Berge, den Strom unten, den Wald und die ganze Gegend. Aber es war unbeschreiblich einsam anzusehen, denn ein ungeheurer Sturm schien über die winterliche Gegend zu gehen, und beugte die entlaubten Bäume alle nach einer Seite, sowie auch eine wilde Flammenkrone, die aus dem dach des Schlosses hervorbrach, welches zum teil schon in der Feuersbrunst zusammenstürzte.

Friedrich konnte die Augen von diesen Zügen kaum wegwenden, als Leontin einen Haufen von Zeichnungen und Skizzen hervorzog, die ganz verstaubt und vermodert in einem Winkel des Zimmers lagen. Sie setzten sich beide auf den Fussboden hin und rollten eine nach der andern auf. Die meisten Blätter waren komischen Inhalts, fast alle von einem ungewöhnlichen Umfange. Die Züge waren durchaus keck und oft bis zur Härte streng, aber keine der Darstellungen machte einen angenehmen, viele sogar einen widrigen Eindruck. Unter den komischen Gesichtern glaubte Friedrich zu seiner höchsten Verwunderung manche alte Bekannte aus seiner Kindheit wiederzufinden.

Der erste Morgenschein fiel indes soeben durch die hohen Bogenfenster, und spielte gar seltsam an den Wänden der Polterkammer und in die wunderliche Welt der Gedanken und Gestalten hinein, die rings um sie her auf dem Boden zerstreut lagen. Es war ihnen dabei wie in einem Traume zumute. – Sie schoben endlich alle die Bilder wieder in den Winkel zusammen und lehnten sich zum Fenster hinaus.

Alles war noch nächtlich und grenzenlos still, nur einige frühe Vögel zogen pfeifend hin und her über den Wald und begrüssten die ersten Morgenstrahlen, die durch die Wipfel funkelten. Da hörten sie auf einmal draussen in einiger Entfernung folgendes Lied singen:

"Ein Stern still nach dem andern fällt

Tief in des himmels Kluft,

Schon zucken Strahlen durch die Welt,

Ich wittre Morgenluft.

In Qualmen steigt und sinkt das Tal;

Verödet noch vom fest

Liegt still der weite Freudensaal,

Und tot noch alle Gäst.

Da hebt die Sonne aus dem Meer

Eratmend ihren Lauf:

Zur Erde geht, was feucht und schwer,

Was klar, zu ihr hinauf.

hebt grüner Wälder Trieb und Macht

neu rauschend in die Luft,

Zieht hinten Städte, eitel Pracht,

Blau' Berge durch den Duft.

Spannt aus die grünen Tepp'che weich,

Von Strömen hell durchrankt,

Und schallend glänzt das frische Reich,

So weit das Auge langt.

Der Mensch nun aus der tiefen Welt

Der Träume tritt heraus,

Freut sich, dass alles noch so hält,

Dass noch das Spiel nicht aus.

Und nun geht's an ein Fleissigsein!

Umsumsend Berg und Tal,

Agieret lustig gross und klein

Den Plunder allzumal.

Die Sonne steiget einsam auf,

Ernst über Lust und Weh,

Lenkt sie den ungestörten Lauf

In stiller