sie war es, die du im weissen Gewande singend vor der Mühle trafst. Wir waren in nicht geringer Besorgnis, dass sie dich nicht so plötzlich wiedersehe, und Julie schickte sie daher heimlich mit dem Bedienten sogleich wieder auf das Schloss zurück. Dort muss sie aber in der Nacht ihrer alten Knabentracht habhaft geworden und noch einmal entwichen sein."
Der Schluss von Leontins Erzählung bestätigte Friedrichs Ahnung, dass Erwin wirklich dasselbe Mädchen sein müsse, das ihm damals in jener fürchterlichen Nacht in der Mühle Feuer gemacht und hinaufgeleuchtet hatte, womit auch ihre schon bemerkte Ähnlichkeit vollkommen übereinstimmte. Er versank darüber in Gedanken und sie beschleunigten beide stillschweigend wieder ihre Reise.
Gegen Abend erblickten sie auf einmal von einer Höhe fern unten die Kuppeln der Residenz. Ein von plötzlichem Regen angeschwollener Gebirgsbach hinderte sie zugleich, ihren Weg in der bisherigen Richtung fortzusetzen. Sie blieben eine Weile unentschlossen stehen. Die Dämmerung fing indes an, sich niederzusenken, da bemerkten sie mit Verwunderung Feuerblicke und schnell entstehende und wieder verschwindende Sterne in der Gegend der Residenz, die sie für Raketen hielten. "Das sieht recht lustig aus", sagte Leontin. "Hier können wir ohnedies nicht weiter, lass uns einen Streifzug dortinaus wagen und sehen, was es in der Stadt gibt. Wir kommen wohl in der Dunkelheit unerkannt durch und sind, ehe der Tag anbricht, wieder im Gebirge." – Friedrich willigte ein, und so zogen sie ins Tal hinunter.
Noch vor Mitternacht langten sie vor der Residenz an. Der ganze Kreis der Stadt war bis zu den höchsten Turmspitzen hinauf erleuchtet, und lag mit seinen unzähligen Fenstern wie eine Feeninsel in der stillen Nacht vor ihnen. Sie hatten die Kühnheit, bis ins Tor hineinzureiten. Ein verworrener Schwall von Musik und Lichtern quoll ihnen da entgegen. Herren und Damen wandelten wie am Tage geputzt durch die Gassen, unzählige Wagen mit fackeln tosten dazwischen, sich mannigfaltig durchkreuzend, eine fröhliche Menge schwärmte hin und her. – "Nun, was gibt's denn hier noch für eine rasende Freude?" fragte Leontin endlich einen Handwerksmann, der, ein Schurzfell um den Leib und ein Glas Branntwein hoch in der Hand, unaufhörlich Vivat rief. Der Mann machte eine verteufelt pfiffige Miene und hätte gern die Unwissenheit der beiden Fremden tüchtig abgeführt, wenn ihm nicht eben sein Witz versagt hätte. Endlich sagte er: "Der Erbprinz hält heute Hochzeit mit der schönen Gräfin Rosa. Wer will mir da Branntwein verbieten! Mag der Gräfin voriger Bräutigam wasser saufen, denn er ist lange tot, und ihr Bruder mit den Engeln Milch und Honig trinken, denn er treibt sich in allen Wäldern herum. Hol der Teufel alle Ruhestörer! Friede! Friede! Es leben alle Patrioten, vivat hoch!" – So taumelte der Branntweinzapf wieder weiter.
Die beiden Grafen sahen einander verwundert an. An Friedrichs Brust schallte die Neuigkeit ziemlich gleichgültig vorüber. Er hatte Rosa längst aufgegeben. Seine Phantasie, die Liebeskupplerin, war seitdem von grösseren Bildern durchdrungen, alle die hellen Quellen seiner irdischen Liebe waren in einen grossen, ruhigen Strom gesammelt, der andere Wünsche und Hoffnungen zu einem andern Geliebten trug. –
Ein Bürger, der ihr Gespräch mit dem Betrunkenen mit angehört hatte, war unterdes zu ihnen getreten und sagte: "Es ist alles wahr, was der Kerl da so konfus vorgebracht. Die Gräfin Rosa hatte wirklich vorher schon einen Grafen zum Liebhaber; der ist aber im Kriege geblieben und es ist gut für ihn, denn er ist mit Lehn und Habe dem staat verfallen. Der Bruder der Gräfin ebenfalls, aber wir wissen von sicherer Hand, dass man gegen diesen nicht streng verfahren wird und ihm gern verzeihen möchte, wenn er nur zurückkäme und Reue und Besserung verspüren lassen wollte." –
Leontin lachte bei diesen Worten laut auf und gab seinem Pferde die Sporen. "Frischauf!" sagte er zu Friedrich, "ich ziehe mit den Toten, da die Lebendigen so abgestanden sind! Ich mag keinen von ihnen mehr wiedersehen, kommen wir wieder zurück auf unsere grünen Freiheitsburgen!"
Sie waren indes an das fürstliche Schloss gekommen. Tanzmusik schallte aus den hellen Fenstern. Eine Menge volkes war unten versammelt und gebärdete sich wie unsinnig vor Entzücken. Denn Rosa zeigte sich eben an der Seite ihres Bräutigams am Fenster. Man konnte sie deutlich sehen. Ihre blendende Schönheit, mit einem reichen Diadem von Edelsteinen geschmückt, funkelte und blitzte bei den vielen Lichtern manches Herz unten zu Asche. – So hatte sie ihr höchstes Ziel, die weltliche Pracht und Herrlichkeit, erreicht. – "Sie taugte niemals viel, Weltfutter, nichts als Weltfutter!" schimpfte Leontin ärgerlich immerfort. Friedrich drückte den Hut tief in die Augen, und so zogen die beiden dunklen Gestalten einsam durch den jubel hindurch, zum Tore hinaus und wieder in die Berge zurück.
Nach mehreren einsamen Tagereisen, wobei auch die schönen Nächte zu hülfe genommen wurden, kamen sie endlich immer höher auf das Gebirge. Die Gegend wurde immer grösser und ernster, kaum noch lagen mehr einzelne Hirtenhütten in den tiefen, dunkelgrünen Schluchten hin und her zerstreut, es war eine grenzenlose Einsamkeit, nebenaus oft Streifen von unermesslicher Aussicht. Ihre Herzen wurden wieder stark und weit, und voll kühler Freudenquellen.
Da erblickten sie sehr unerwartet mitten in der Wildnis einen niedrigen, zierlichen Zaun von weissem Birkenholz, dem es ordentlich Mühe zu kosten schien, die wilde Freiheit der natur, die überall ihre grünen, festen arme wie