1815_Eichendorff_011_89.txt

das Sterben so bitter,

Erbarm dich, weil ich so jung noch bin!" –

Stumm blieb sein steinerner Wille,

Es blitzte so rosenrot,

Da wurde es auf einmal stille

Im wald und Haus und Hof. –

Frühmorgens da lag so schaurig

Verfallen im wald das Haus,

Ein Waldvöglein sang so traurig,

Flog fort über den See hinaus.'

Gegen das Ende ihres Gesanges hatte Julie von ungefähr meinen Schatten bemerkt, den das Licht vom Zimmer lang und unbeweglich in den Garten warf. Sie sah sich stutzend um, und da sie nichts erblicken konnte, schloss sie nachdenkend und schweigend das Fenster. In diesem Augenblick klopfte es drin an die Stubentür. Sie fuhr erschrocken zusammen und vom Fenster auf. Ich blickte noch einmal hinein und sah jenen gehässigen Reiter, dem ich vorhin begegnet, eilfertig eintreten. 'Er lebt!' rief Julie ausser sich vor Freude und stürzte dem mann um den Hals. –

hatte ich schon vorher draussen in dem Fremden sogleich einen von jenen poetischen Jüngern erkannt, die's niemals zum Meister oder überhaupt zu einem mann bringen, so kam mir jetzt der hagere, blasse Poet neben der gesunden Julie, die unterdes so wunderbar hoch geworden war, und deren grosse Augen in diesem Augenblicke vor Freude ordentliche Strahlen warfen, gar erbärmlich vor. Mir kamen die Verse aus Goetes Fischerin zwischen die Zähne:

'Wer soll Bräutigam sein?

Zaunkönig soll Bräutigam sein!

Zaunkönig sprach zu ihnen

Hinwieder den beiden:

"Ich bin ein sehr kleiner Kerl,

Kann nicht Bräutigam sein,

Ich kann nicht der Bräutigam sein!"'

Ich schwang mich sogleich wieder über den Gartenzaun, band mein Pferd los und ging, es hinter mir herführend, aus dem dorf hinaus. Da kam ich am andern Ende desselben an dem kleinen Häuschen Viktors vorüber, ich guckte ihm ins Fenster hinein, das, wie du weisst, im Sommer Tag und Nacht offensteht. Er sass eben mit dem rücken gegen das Fenster, über einem alten, dicken buch, den Kopf in die Hand gestützt. Das Licht auf dem Tische flackerte ungewiss umher, die vielen Uhren an den Wänden pickten einförmig immerfort, es war eine unendliche Einsamkeit drinnen. Ich begrüsste ihn endlich mit dem Vers, der ihm im ganzen Faust der liebste war: 'Ich guckte der Eule in ihr Nest, Hu! die macht' ein Paar Augen!' Er wandte sich schnell um, und als er mein Gesicht völlig erkannte, sprang er auf, warf die Bücher und alles, was auf dem Tische lag, auf die Erde und tanzte wie unsinnig in der stube herum. Ich kletterte sogleich durchs Fenster zu ihm hinein, ergriff eine halbbespannte Geige, die an der Wand hing, und so walzten wir beide mit den seltsamsten Gebärden und grossem Getös nebeneinander in der kleinen stube auf und ab, bis er endlich erschöpft vor lachen auf den Boden hinsank. Es dauerte lange, ehe wir zu einem vernünftigen Diskurs kamen, während welchem er einen ungeheuren Krug voll Wein anschleppte. Er ist noch immer der alte, noch immer nicht fetter, nicht ruhiger, nicht klüger, und wie sonst wütend kriegerisch gegen alle Sentimentalität, die er ordentlich misshandelt.

Gegen Mitternacht endlich, so viel er auch dagegen hatte, zog ich wieder von dannen, das gelobte Land in ruhigem Schlafe hinter mir und die weite Stille ringsumher gesegnend, während Viktor, der mich ein Stück begleitet hatte, auf der letzten Höhe mir wie eine Windmühle in der Dunkelheit mit dem hut nachschwenkte und nachrief, bis alles in den grossen, grauen Schoss versunken war.

'In den Krieg denn von neuem in Gottes Namen hinaus!' rief ich draussen und nahm die Richtung auf mein Schloss, da ich indes erfahren hatte, dass der Tummelplatz jetzt dort in der Nähe sei. Bei Sonnenaufgang sah ich die Unsrigen in dem weiten Tale bunt und blitzend zerstreut wieder, und das Herz ging mir auf bei dem Anblick. Die lustige Bewegung, die mir von weitem so mutig entgegenblitzte, war aber nichts anderes, als eine verworrene, grenzenlose Flucht. Der Feind war noch ziemlich weit, ich ritt daher an den zerstreuten Trupps langsam vorüber. Da sah ich den Haufen in dumpfer Resignation herumtaumeln, mehrere weise Mienen achselzuckend zur Schau tragen, als steckten wohl ganz andere Pläne dahinterkeinem hätte das Herz im leib zerspringen mögen. Da fiel mir ein, was mir Viktor oft in seinen melancholischsten Stunden gesagt: besser, Uhren machen, als Soldaten spielen.

Ich meinesteils war fest entschlossen, da alles, was mir ehrwürdig und lieb auf Erden war, zugrunde gehen sollte, lieber fechtend selber mit unterzugehn, als gefangen in der gemeinen Schande zurückzubleiben. Ich sprengte eilig auf mein Schloss und bot alle meine Jäger und Diener auf, deren Gesinnung und Treue ich kannte, viele Freiwillige von der Armee gesellten sich wacker dazu, und so verschanzten und besetzten wir mein Schloss und Garten, da ich wohl wusste, dass der Feind bei seiner Verfolgung diesen Weg nehmen und demselben an dieser vorteilhaften Höhe besonders viel gelegen sein musste. Wir wehrten uns verzweifelt oder vielmehr tollkühn gegen die Übermacht. Die feindlichen Kugeln hatten mein Schloss fürchterlich zerrissen, die Gesimse brannten, ein Burgtor nach dem andern stürzte in den Lohen zusammen, alles war verloren, und ich fiel, der letzte, nieder. – Als ich die Augen wieder aufschlug, lag ich im Sonnenscheine in dem schönen Garten des Herrn v. A. vor der