unterbrechen. Leontin fuhr aber sogleich wieder fort:
"Es war inzwischen völlig Nacht geworden, als ich das Dorf erreichte. Ich mochte nach jener Nachricht nun niemand aus dem haus sprechen, noch sehen – nur einen flüchtigen Streifzug durch den alten, schuldlosen Garten wollt ich machen, und sogleich wieder fort.
Ich band mein Pferd an einem Baume an und stieg übern Zaun in den Garten. Dort war jeder gang, jede Bank, ja, jedes Blumenbeet noch immer auf dem alten platz, so dass die Seele nach so vielen inzwischen durchlebten Gedanken und Veränderungen diesen gemütlichen Stillstand kaum fassen konnte. Der Sturm wütete indes noch immer heftig fort und riss ein Heer von Wolken nebst vielen verspäteten Abendvögeln, die kreischend dazwischenruderten, in einer unabsehbaren Flucht über den Garten hinaus, während unten die Bäume sich neigten und einzelne Nachtigallentöne aus den Tälern durch den Wind heraufklagten; es war eine recht dunkelschwüle Gespensternacht.
Ein ungewöhnlich starkes Licht, das aus dem einen Fenster in den Garten hinausschien, zog mich zum schloss hin. Ich stellte mich gerade vor das Fenster und konnte das ganze Zimmer übersehen, das von einem Kaminfeuer so hell erleuchtet wurde. Der Herr v. A. sass in einem Lehnstuhle und las Zeitungen, Julie sass am Kamine und sang, hatte aber den rücken gegen das Fenster gekehrt, so dass ich ihr Gesicht nicht sehen konnte. Was sie sang, war eine alte Romanze, die mir schon als Kind bekannt war. Sie ist mir noch erinnerlich:
'Hoch über den stillen Höhen
Stand in dem Wald ein Haus,
Dort war's so einsam zu sehen
Weit übern Wald hinaus.
Drin sass ein Mädchen am Rocken
Den ganzen Abend lang,
Der wurden die Augen nicht trocken,
Sie spann und sann und sang:
"Mein Liebster, der war ein Reiter,
Dem schwur ich Treu bis in Tod,
Der zog über Land und weiter
Zu Kriegeslust und – not.
Und als ein Jahr war vergangen,
Und wieder blühte das Land,
Da stand ich voller Verlangen
Hoch an des Waldes Rand.
Und zwischen den Bergesbogen,
Wohl über den grünen Plan,
Kam mancher Reiter gezogen,
Der meine kam nicht mit an.
Und zwischen den Bergesbogen,
Wohl über den grünen Plan,
Ein Jägersmann kam geflogen,
Der sah mich so mutig an.
So lieblich die Sonne schiene,
Das Waldhorn scholl weit und breit,
Da führt' er mich in das Grüne.
Das war eine schöne Zeit! –
Der hat so lieblich gelogen
Mich aus der Treue heraus,
Der Falsche hat mich betrogen,
Zog weit in die Welt hinaus." –
Sie konnte nicht weitersingen,
Vor bitterem Schmerz und Leid,
Die Augen ihr übergingen
In ihrer Einsamkeit.'
Julie ging es wohl nicht besser, denn sie stand plötzlich auf, öffnete das Fenster und lehnte sich in die Nacht hinaus. Überhaupt glaubte ich während des Singens eine grosse Unruhe an ihr bemerkt zu haben. 'Was ist das für ein erschrecklicher Sturm!' hört ich den Herrn v. A. drin sagen, 'der bedeutet noch Krieg, Gott steh unsern Leuten bei, die schlagen sich wohl jetzt wieder.' – 'Und ich muss hier sitzen!' sagte Julie aus tiefster Seele. – Ich stand seitwärts, an einen Pfeiler gelehnt, und die Töne gingen in dem rasenden Winde gar seltsam wehmütig über den Garten hinaus, in dem ich mir nun wie ein lange Verbannter vorkam, da Julie bald in ihrem Gesange am offenen Fenster wieder also fortfuhr:
'Die Muhme, die sass beim Feuer
Und wärmet sich am Kamin,
Es flackert und sprüht das Feuer,
Hell über die Stub es schien.
Sie sprach: "Ein Kränzlein in Haaren,
Das stünde dir heute gar schön,
Willst draussen auf dem See nicht fahren?
Hohe Blumen am Ufer dort stehen."
"Ich kann nicht holen die Blumen,
Im Hemdlein weiss am Teich
Ein Mädchen hütet die Blumen,
Die sieht so totenbleich."
"Und hoch auf des Sees Weite,
Wenn alles finster und still,
Da rudern zwei stille Leute, –
Der eine dich haben will."
"Sie schauen wie alte Bekannte,
Still, ewig stille sie sind,
Doch einmal der eine sich wandte,
Da fasst' mich ein eiskalter Wind. –
Mir ist zu wehe zum Weinen –
Die Uhr so gleichförmig pickt,
Das Rädlein, das schnurrt so in einem,
Mir ist, als wär ich verrückt. –
Ach Gott! wann wird sich doch röten
Die fröhliche Morgenstund!
Ich möchte hinausgehn und beten,
Und beten aus Herzensgrund!
So bleich schon werden die Sterne,
Es rührt sich stärker der Wald,
Schon krähen die Hähne von ferne,
Mich friert, es wird so kalt!
Ach, Muhme! was ist Euch geschehen?
Die Nase wird Euch so lang,
Die Augen sich seltsam verdrehen –
Wie wird mir vor Euch so bang!"
Und wie sie so grauenvoll klagte,
Klopft's draussen ans Fensterlein,
Ein Mann aus der Finsternis ragte,
Schaut still in die stube herein.
Die Haare wild umgehangen,
Von blutigen Tropfen nass,
Zwei blutige Streifen sich schlangen,
Wie Kränzlein, ums Antlitz blass.
Er grüsst' sie so fürchterlich heiter,
Er heisst sie sein' liebliche Braut,
Da kannt sie mit Schaudern den Reiter,
Fällt nieder auf ihre Knie.
Er zielt' mit dem Rohre durchs Gitter
Auf die schneeweisse Brust hin;
"Ach, wie ist