1815_Eichendorff_011_74.txt

meinen gesunden Augen nicht sein Spiel treibt, so werden Sie sie dort wiedersehen." – "Dort ist sie begraben", antwortete der Prinz, und wurde blass und immer blässer, als ihm Friedrich erzählte, was ihm begegnet. "Warum fürchten Sie sich?" sagte Friedrich hastig, denn ihm war, als sähe ihn das stille, weisse Bild wie in der Kirche wieder an, "wenn Sie den Mut hatten, das hinzuschreiben, warum erschrecken Sie, wenn es auf einmal Ernst wird und die Worte sich rühren und lebendig werden? Ich möchte nicht dichten, wenn es nur Spass wäre, denn wo dürfen wir jetzt noch redlich und wahrhaft sein, wenn es nicht im Gedichte ist? Haben Sie den rechten Mut, besser zu werden, so gehen Sie in die Kirche und bitten Sie Gott inbrünstig um seine Kraft und Gnade. Ist aber das Beten und alle unsere schönen Gedanken um des Reimes willen auf dem Papiere, so hol der Teufel auf ewig den Reim samt den Gedanken!" –

Hier fiel der Prinz Friedrich ungestüm um den Hals. "Ich bin durch und durch schlecht", rief er, "Sie wissen gar nicht und niemand weiss es, wie schlecht ich bin! die Gräfin Romana hat mich zuerst verdorben vor langer Zeit; das verstorbene Mädchen habe ich sehr künstlich verführt; der damals in der Nacht zu Marie bei Ihnen vorbeischlich, das war ich; der auf jener Redoute –" Hier hielt er inne. – "Betrügerisch, verbuhlt, falsch und erbärmlich bin ich ganz", fuhr er weiter fort. "Der Mässigung, der Gerechtigkeit, der grossen, schönen Entwürfe, und was wir da zusammen beschlossen, geschrieben und besprochen, dem bin ich nicht gewachsen, sondern im Innersten voller Neid, dass ich's nicht bin. Es war mir nie Ernst damit und mit nichts in der Welt. – Ach, dass Gott sich meiner erbarme!" Hierbei zerriss er sein Gedicht in kleine Stückchen, wie ein Kind, und weinte fast. Friedrich, wie aus den Wolken gefallen, sprach kein einziges Wort der Liebe und Tröstung, sondern die Brust voll Schmerzen und kalt wandte er sich zum offenen Fenster von dem gefallenen Fürsten, der nicht einmal ein Mann sein konnte.

Siebzehntes Kapitel

Rosa sass frühmorgens am Putztische und erzählte ihrem Kammermädchen folgenden Traum, den sie heute nacht gehabt: "Ich stand zu haus in meiner Heimat im Garten; der Garten war noch ganz so, wie er ehedem gewesen, ich erinnere mich wohl, mit allen den Alleen, Gängen und Figuren aus Buchsbaum. Ich selber war klein, wie damals, da ich als Kind in dem Garten gespielt. Ich verwunderte mich sehr darüber, und musste auch wieder lachen, wenn ich mich ansah, und fürchtete mich vor den seltsamen Baumfiguren. Dabei war es mir, als wäre mein vergangenes Leben und dass ich schon einmal gross gewesen, nur ein Traum. Ich sang immerfort ein altes Lied, das ich damals als Kind alle Tage gesungen und seitdem wieder vergessen habe. Es ist doch seltsam, wie ich es in der Nacht ganz auswendig wusste! Ich habe heute schon viel nachgesonnen, aber es fällt mir nicht wieder ein. Meine Mutter lebte auch noch. Sie stand seitwärts vom Garten an einem Teiche. Ich rief ihr zu, sie sollte herüberkommen. Aber sie antwortete mir nicht, sondern stand still und unbeweglich, vom kopf bis zu den Füssen in ein langes, weisses Tuch gehüllt. Da trat auf einmal Graf Friedrich zu mir. Es war mir, als sähe ich ihn zum ersten Male, und doch war er mir wie längst bekannt. Wir waren wieder gute Freunde, wie sonstich habe ihn nie so gut und freundlich gesehen. Ein schöner Vogel sass mitten im Garten auf einer hohen Blume und sang, dass es mir durch die Seele ging, meinen Bruder sah ich unten über das glänzende Land reiten, er hatte die kleine Marie, die eine Zimbel hoch in die Luft hielt, vor sich auf dem Rosse, die Sonne schien prächtig. 'Reisen wir nach Italien!' sagte da Friedrich zu mir. – Ich folgte ihm gleich, und wir gingen sehr schnell durch viele schöne Gegenden immer nebeneinander fort. Sooft ich mich umsah, sah ich hinten nichts, als ein grenzenloses Abendrot, und in dem Abendrot meiner Mutter Bild, die unterdes sehr gross geworden war, in der Ferne wie eine Statue stehen, immerfort so still nach uns zugewendet, dass ich vor Grauen davon wegsehen musste. Es war unterdes Nacht geworden und ich sah vor uns unzählige Schlösser auf den Bergen brennen. Jenseits wanderten in dem Scheine, der von den brennenden Schlössern kam, viele Leute mit Weib und Kindern, wie Vertriebene, sie waren alle in seltsamer, uralter Tracht; es kam mir vor, als sähe ich auch meinen Vater und meine Mutter unter ihnen, und mir war unbeschreiblich bange. Wie wir so fortgingen, schien es mir, als würde Friedrich selbst nach und nach immer grösser. Er war still und seine Mienen veränderten sich seltsam, so dass ich mich vor ihm fürchtete. Er hatte ein langes, blankes Schwert in der Hand, mit dem er vor uns her den Weg aushaute; sooft er es schwang, warf es einen weitblitzenden Schein über den Himmel und über die Gegend unten. Vor ihm ging sein langer Schatten, wie ein Riese, weit über alle Täler gestreckt